Die komplexe Rechteverteilung hinter Venom: Let There Be Carnage
Um zu verstehen, warum ein Marvel-Charakter wie Venom nicht automatisch zum Disney-Konzern gehört, muss man fast drei Jahrzehnte in die Vergangenheit blicken. Ende der 1990er Jahre befand sich Marvel in einer massiven finanziellen Krise und stand kurz vor dem Bankrott. Um das Überleben des Verlags zu sichern, verkaufte die Geschäftsführung die Filmrechte an ihren populärsten Charakteren an verschiedene Hollywood-Studios. Die X-Men und die Fantastic Four landeten bei 20th Century Fox, während die gesamte Welt von Spider-Man – inklusive aller Schurken und Nebencharaktere wie Venom – für eine vergleichsweise geringe Summe von etwa 7 Millionen US-Dollar an Sony Pictures ging.
Dieser historische Deal bildet das Fundament für die heutige Situation. Wenn Sie heute einen Film wie Venom: Let There Be Carnage im Kino oder auf Blu-ray sehen, prangt zwar das rote Marvel-Logo am Anfang, doch der entscheidende Hinweis findet sich im Kleingedruckten: "Produced by Columbia Pictures in association with Marvel Entertainment". Disney, das Marvel im Jahr 2009 für rund 4 Milliarden US-Dollar kaufte, erwarb damit zwar den Verlag und die meisten Charaktere (wie Iron Man, Thor oder Captain America), aber eben nicht die bereits vergebenen Lizenzen. Sony hält diese Rechte so lange, wie sie in regelmäßigen Abständen Filme aus dem Spider-Man-Kosmos produzieren. Würde Sony über einen Zeitraum von etwa fünf bis sechs Jahren keinen Film veröffentlichen, fielen die Rechte automatisch an Disney zurück – ein Szenario, das angesichts des massiven kommerziellen Erfolgs von Venom absolut unwahrscheinlich ist.
Warum die Verwirrung um die Disney-Zugehörigkeit wächst
Dass viele Zuschauer glauben, Venom 2 sei ein Disney-Film, liegt vor allem an der beispiellosen Kooperation zwischen Sony und den Marvel Studios, die 2015 begann. Nachdem der Neustart von Spider-Man mit Andrew Garfield hinter den Erwartungen zurückblieb, einigten sich die Konzerne darauf, Peter Parker (gespielt von Tom Holland) in das MCU zu integrieren. Diese Partnerschaft führte dazu, dass Spider-Man in Avengers-Filmen auftauchte, während Disney im Gegenzug die kreative Leitung für die Solo-Filme übernahm. Doch dieser Deal betraf ursprünglich nur Spider-Man selbst, nicht jedoch die Spin-offs wie Venom oder Morbius.
Ein weiterer Faktor für die begriffliche Unschärfe ist das Marketing. Disney hat das Marvel-Branding so stark monopolisiert, dass der Durchschnittskonsument "Marvel" sofort mit "Disney+" und dem MCU gleichsetzt. Wenn dann ein Charakter wie Venom, der optisch und tonal perfekt in eine düstere Ecke dieses Universums passen würde, auf der Leinwand erscheint, wird die rechtliche Trennung oft ignoriert. Sony befeuert diese Unklarheit strategisch, indem sie ihr eigenes Franchise mittlerweile als "Sony's Spider-Man Universe" (SSU) bezeichnen und visuelle sowie narrative Anspielungen nutzen, die eine Nähe zum MCU suggerieren, ohne rechtlich denselben Regeln zu unterliegen. Es ist ein cleveres Spiel mit der Erwartungshaltung, das die Marke Venom massiv aufwertet.
Die Rolle von Kevin Feige und das kreative Vakuum
Ein entscheidender Unterschied zwischen einer Disney-Produktion und Venom 2 liegt in der Personalie Kevin Feige. Der Präsident der Marvel Studios ist der Architekt hinter dem MCU und überwacht jedes Detail der Disney-Marvel-Filme. Bei Venom 2 hatte er jedoch keine offizielle kreative Kontrolle. Regisseur Andy Serkis und Hauptdarsteller Tom Hardy, der hier auch als Co-Autor fungierte, hatten deutlich mehr Freiheiten, einen Film zu gestalten, der sich tonal stark von der familienfreundlicheren Disney-Formel unterscheidet. Während Disney-Filme oft einer strengen, langfristigen Planungslogik folgen, wirken die Sony-Filme experimenteller, manchmal chaotischer, aber eben auch eigenständiger.
Finanzielle Fakten und der Erfolg an den Kinokassen
Betrachtet man die nackten Zahlen, wird deutlich, warum Sony die Rechte so verbissen verteidigt und keine vollständige Integration in den Disney-Apparat anstrebt. Venom: Let There Be Carnage kostete in der Produktion etwa 110 Millionen US-Dollar – ein vergleichsweise moderates Budget für einen modernen Superhelden-Blockbuster. Trotz der Herausforderungen durch die weltweite Pandemie spielte der Film rund 506 Millionen US-Dollar ein. Das entspricht einer Rendite, von der viele Disney-Produktionen mit ihren 200-Millionen-Dollar-Budgets nur träumen können. Der Kinokassen-Erfolg von Venom 2 bewies, dass die Marke auch ohne die direkte Schirmherrschaft von Disney und ohne das "Avengers"-Gütesiegel massentauglich ist.
Interessanterweise fließen die Einnahmen aus den Kinotickets von Venom 2 fast vollständig in die Taschen von Sony. Disney profitiert indirekt nur durch Merchandising-Verkäufe, da sie die Rechte an Spielzeug und Kleidung der Marvel-Charaktere weitgehend behalten haben. Diese Aufteilung führt zu der paradoxen Situation, dass Disney zwar möchte, dass die Filme erfolgreich sind, um Spielzeug zu verkaufen, aber gleichzeitig kein Interesse daran hat, dass Sonys eigenes Universum das MCU qualitativ oder finanziell in den Schatten stellt. Es ist ein fragiles Gleichgewicht zwischen zwei der mächtigsten Medienhäuser der Welt, die sich in einer permanenten "Coopetition" befinden – einer Mischung aus Kooperation und Wettbewerb.
Streaming-Rechte und die Präsenz auf Disney+
Ein häufiger Grund für die Frage "Ist Venom 2 von Disney?" ist die Verfügbarkeit des Films auf der Streaming-Plattform Disney+. In vielen Regionen, darunter auch Deutschland, sind die Venom-Filme mittlerweile zeitweise im Katalog von Disney+ zu finden. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass Disney die Filme besitzt oder produziert hat. Es handelt sich lediglich um einen Streaming-Rechte-Deal, den Sony und Disney im Jahr 2021 abgeschlossen haben. Dieser Vertrag erlaubt es Disney, Sony-Titel (einschließlich Spider-Man und Venom) nach einer gewissen Exklusivitätsphase bei anderen Anbietern wie Netflix auf der eigenen Plattform zu zeigen.
Ich denke, dass dieser Deal die größte Quelle für die Verwirrung beim Endverbraucher darstellt. Wenn man die App öffnet und Venom direkt neben Iron Man sieht, ist die logische Schlussfolgerung, dass beide aus demselben Haus stammen. Tatsächlich zahlt Disney jedoch hohe Lizenzgebühren an Sony, um diese Inhalte zeigen zu dürfen, da sie erkannt haben, dass ihr Marvel-Angebot ohne die Spider-Man-Charaktere unvollständig wirkt. Für Sony ist dies eine reine Cash-Cow: Sie lassen sich die Produktion von der Konkurrenz finanzieren, während sie die volle Kontrolle über das Franchise behalten. Es ist fast so, als würde man ein Haus mieten und der Vermieter würde behaupten, er wohne dort, nur weil er die Schlüsselgewalt für das Wochenende hat.
Die Post-Credit-Szene: Ein Wendepunkt für das Multiversum
Der Moment, der die Trennung zwischen Sony und Disney endgültig aufweichte, war die Post-Credit-Szene von Venom: Let There Be Carnage. In dieser Sequenz sieht man Eddie Brock und Venom in einem Hotelzimmer, als plötzlich durch einen multiversalen Riss (verursacht durch die Ereignisse in Spider-Man: No Way Home) das Universum wechselt. Sie sehen im Fernsehen einen Bericht über Tom Hollands Spider-Man. Dies war der erste offizielle Moment, in dem ein Charakter aus dem Spider-Man-Franchise von Sony direkt und kanonisch mit dem MCU von Disney verknüpft wurde.
Diese Szene wurde in enger Absprache zwischen den Studios gedreht. Sie markiert den Punkt, an dem das Multiversum als erzählerisches Werkzeug genutzt wird, um die rechtlichen Barrieren zu umgehen. Rechtlich gesehen bleibt Venom ein Sony-Charakter, aber erzählerisch ist er nun ein Besucher im Disney-Universum. Diese Nuance ist für Fans extrem wichtig, da sie die Hoffnung auf ein Aufeinandertreffen von Venom und Spider-Man nährt. Dennoch bleibt festzuhalten: Nur weil ein Charakter in einem Disney-Film auftaucht (wie Tom Hardy kurz in No Way Home), ändert das nichts an den Eigentumsverhältnissen der Produktionsfirma.
Warum Disney Venom nicht einfach zurückkauft
Man könnte sich fragen, warum der milliardenschwere Disney-Konzern nicht einfach einen Scheck ausstellt und Sony die Rechte abkauft. Die Antwort liegt im Wert der Marke. Sony Pictures hat außer dem Spider-Man-Kosmos kaum noch große, verlässliche Franchises. Für Sony ist Venom eine Lebensversicherung. Schätzungen zufolge müsste Disney zwischen 10 und 15 Milliarden US-Dollar bieten, um Sony zum Verkauf zu bewegen – eine Summe, die selbst für Disney in Zeiten von Sparmaßnahmen und sinkenden Streaming-Abonnentenzahlen kaum zu rechtfertigen wäre. Solange die Produktionsverträge bestehen, wird Sony diese Goldgrube nicht aufgeben.
Technische Unterschiede in der Produktion
Wer genau hinsieht, erkennt auch technische und stilistische Unterschiede, die belegen, dass Venom 2 kein Disney-Produkt ist. Das Sounddesign, die Art der visuellen Effekte und sogar das Pacing folgen anderen Mustern. Während Disney-Marvel-Filme oft einen sehr glatten, fast schon klinischen Look haben, wirkt Venom 2 schmutziger und weniger poliert. Die Spezialeffekte für den Symbioten wurden von Studios wie Framestore und DNEG umgesetzt, die zwar auch für Disney arbeiten, hier aber unter der Leitung von Sony einen deutlich aggressiveren Stil verfolgten. Auch die Altersfreigabe ist ein Thema: Während Disney fast ausschließlich auf ein "PG-13" (FSK 12) abzielt, das so massentauglich wie möglich ist, flirtet Sony bei Venom immer wieder mit den Grenzen zur höheren Freigabe, um der düsteren Natur der Figur gerecht zu werden.
Die Filmlizenzen erlauben Sony zudem eine gewisse Narrenfreiheit bei der Besetzung. Die Verpflichtung von Hochkarätern wie Woody Harrelson als Cletus Kasady zeigt, dass Sony bereit ist, hohe Gagen zu zahlen, um die Qualität ihrer Filme unabhängig vom MCU-Glanz zu sichern. Es ist diese Unabhängigkeit, die Venom 2 eine eigene Identität verleiht, auch wenn diese Identität manchmal im Schatten des großen Disney-Bruders steht. Man merkt dem Film an, dass er nicht in den Schreibstuben von Burbank entstanden ist, sondern in der kreativen Umgebung von Sony in Culver City.
Häufige Fragen zur Herkunft von Venom 2
Ist Venom 2 Teil der Avengers?
Nein, Venom ist kein Mitglied der Avengers und taucht in keinem der Avengers-Filme auf. Da er zu Sony gehört, bleibt er in seinem eigenen Universum, es sei denn, ein spezieller Crossover-Deal ermöglicht einen Gastauftritt. In den Comics war Venom zwar zeitweise Mitglied verschiedener Teams, im Kino ist er jedoch ein Solist in Sonys eigenem Marvel-Kosmos.
Warum steht Marvel auf dem Cover von Venom 2?
Das Marvel-Logo auf dem Cover bezieht sich auf die Herkunft der Figur aus den Comics. Es ist ein Markenzeichen, das Sony verwenden muss, da die Charaktere geistiges Eigentum von Marvel (und damit indirekt Disney) sind. Es ist jedoch kein Hinweis auf das produzierende Studio. Man muss zwischen dem Markeninhaber (Marvel) und dem Lizenznehmer (Sony) unterscheiden.
Wird Venom jemals komplett zu Disney gehören?
Das ist zum jetzigen Zeitpunkt unwahrscheinlich. Eine komplette Rückkehr der Rechte zu Disney würde voraussetzen, dass Sony Pictures entweder verkauft wird oder das Interesse an Superhelden-Filmen verliert. Da Sony jedoch gerade erst das SSU mit Filmen wie Kraven the Hunter und Madame Web ausgebaut hat, ist davon auszugehen, dass sie die Rechte noch für Jahrzehnte behalten werden.
Fazit: Ein Marvel-Film, aber kein Disney-Film
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Frage nach der Zugehörigkeit von Venom 2 ein Paradebeispiel für die komplizierte Welt der Hollywood-Lizenzen ist. Auch wenn die Grenzen durch das Multiversum und geschickte Streaming-Rechte-Deals zunehmend verschwimmen, bleibt die rechtliche Lage eindeutig: Venom 2 ist eine Produktion von Sony Pictures. Der Film profitiert massiv von der Marke Marvel, unterliegt aber nicht der kreativen oder finanziellen Kontrolle von Disney.
Für den Zuschauer bedeutet das vor allem Vielfalt. Die Existenz von Venom außerhalb des Disney-Apparats ermöglicht Geschichten, die vielleicht etwas mutiger, schräger oder weniger formelhaft sind als der Standard-Blockbuster aus dem Hause Disney. In einer Ära der Konsolidierung, in der Disney fast alles kontrolliert, ist die Unabhängigkeit von Sonys Spider-Man-Universum fast schon eine erfrischende Anomalie in der Filmlandschaft. Es ist die Geschichte eines lizenzierten Außenseiters, der sich an den Kinokassen gegen die Übermacht behauptet hat – ein echter Antiheld, sowohl auf der Leinwand als auch hinter den Kulissen der großen Studios.

