Denn Sprache ist nie nur Sprache. Sie trägt Geschichten in sich, Erinnerungen, manchmal sogar ganze Welten. Und „schnacken“? Das ist so eine Welt – eine, die man betritt, wenn man sich Zeit nimmt, wenn man nicht nur Worte tauscht, sondern auch Blicke, Pausen, dieses unausgesprochene „Ich verstehe dich, auch ohne dass du alles sagst“.
Woher kommt „schnacken“? Eine Spurensuche zwischen Dialekt und Etymologie
Fangen wir ganz vorne an: Woher kommt dieses Wort, das so typisch norddeutsch klingt, dass man es fast schon riechen kann – nach Salzluft, nach Fischbrötchen, nach diesem ganz eigenen Mix aus Zurückhaltung und Herzlichkeit? Die Antwort ist überraschend: „schnacken“ hat Wurzeln, die bis ins Niederdeutsche reichen, eine Sprache, die einst von den Niederlanden bis nach Skandinavien gesprochen wurde. Das altsächsische „snakon“ bedeutete so viel wie „sprechen“ oder „erzählen“, und daraus entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte das, was wir heute kennen.
Doch hier wird es interessant. Denn während viele Dialektwörter langsam aussterben, hat „schnacken“ nicht nur überlebt – es hat sich sogar ausgebreitet. Nicht so sehr als offizielles Wort in Wörterbüchern, aber als lebendiger Teil der Umgangssprache. In Hamburg, Bremen oder Kiel sagt man nicht einfach „Wir reden später“, sondern „Wir schnacken später“. Und das ist kein Zufall. Es ist ein kleines Stück Identität, das sich in die Sprache eingeschlichen hat wie ein vertrautes Lied, das man mitsummt, ohne darüber nachzudenken.
Warum „schnacken“ mehr ist als nur „reden“
Aber Moment – kann man nicht einfach „reden“ sagen? Klar, theoretisch schon. Doch „schnacken“ transportiert etwas, das „reden“ nicht hat: eine bestimmte Leichtigkeit, eine Ungezwungenheit, die fast schon körperlich spürbar ist. Wenn jemand sagt „Lass uns mal schnacken“, dann meint er nicht ein formelles Gespräch, sondern etwas, das irgendwo zwischen Smalltalk und tiefem Austausch liegt. Es ist das Gespräch an der Supermarktkasse, bei dem man plötzlich über das Wetter, die Nachbarn und dann doch über die großen Fragen des Lebens spricht. Es ist das Telefonat mit der Tante, die erst fragt, wie es einem geht, dann aber doch fünf Minuten über die neue Frisur der Nachbarin redet – und genau das ist es, was es so besonders macht.
Und dann ist da noch dieser Klang. „Schnacken“ klingt einfach … nett. Es hat etwas Weiches, etwas Einladendes. Versuchen Sie mal, „Wir müssen reden“ mit derselben Wärme zu sagen wie „Wir müssen mal schnacken“. Geht nicht. Weil „reden“ oft mit Ernst, manchmal sogar mit Konflikten verbunden ist, während „schnacken“ von vornherein signalisiert: Hier geht es um Verbindung, nicht um Vorwürfe.
Dialekt oder Umgangssprache? Die Grenzen verschwimmen
Interessanterweise ist „schnacken“ kein reines Dialektwort mehr. Während es in ländlichen Regionen Schleswig-Holsteins noch sehr lebendig ist, hat es sich längst in die Städte vorgearbeitet – und sogar über die Grenzen des Nordens hinaus. In Berlin hört man es mittlerweile genauso wie in Köln, wenn auch oft mit einem leicht ironischen Unterton. „Boah, Alter, lass uns mal schnacken“ – und plötzlich ist das Wort nicht mehr nur norddeutsch, sondern einfach … deutsch. Oder zumindest ein Teil davon.
Doch Vorsicht: Nicht jeder Norddeutsche wird begeistert sein, wenn ein Süddeutscher plötzlich „schnacken“ sagt. Für manche ist es ein Stück Heimat, das man nicht einfach so übernehmen kann. Für andere ist es einfach ein Wort, das sich durchgesetzt hat – wie „Tschüss“ oder „Moin“. Die Frage ist also nicht nur, woher „schnacken“ kommt, sondern auch: Wem gehört es eigentlich? Und die Antwort darauf ist so vielfältig wie die Menschen, die es benutzen.
„Schnacken“ im Alltag: Wann, wie und mit wem wir es tun
Jetzt wird es konkret. Denn „schnacken“ ist kein theoretisches Konzept – es ist etwas, das man tut. Oder besser gesagt: etwas, das passiert, wenn die Bedingungen stimmen. Und die sind oft überraschend einfach.
Die Kunst des richtigen Moments
Es gibt diese Augenblicke, in denen alles passt. Die Kaffeemaschine brummt, die Sonne fällt schräg durchs Küchenfenster, und plötzlich sagt jemand: „Na, wie läuft’s?“ – und dann fängt man an zu schnacken. Nicht weil man etwas Wichtiges zu besprechen hätte, sondern einfach, weil es sich richtig anfühlt. Weil die Stimmung stimmt. Weil man Zeit hat. Oder zumindest so tut, als hätte man sie.
Das ist das Geheimnis: „Schnacken“ braucht keine Agenda. Es braucht keine Vorbereitung. Es passiert einfach – zwischen Tür und Angel, auf dem Weg zum Auto, während man auf den Bus wartet. Und genau das macht es so wertvoll. In einer Welt, in der alles geplant, optimiert und durchgetaktet ist, ist „schnacken“ ein kleiner Akt der Rebellion. Ein Moment, in dem man einfach nur da ist. Ohne Ziel. Ohne Druck. Ohne dieses ständige „Was kommt als Nächstes?“.
Mit wem schnackt man eigentlich?
Gute Frage. Mit Fremden? Eher nicht. Mit Kollegen? Kommt drauf an. Mit der Familie? Fast immer. „Schnacken“ ist etwas Intimes – nicht im Sinne von privat, sondern im Sinne von vertraut. Es ist das Gespräch mit dem Nachbarn, der seit 20 Jahren nebenan wohnt und immer weiß, wann man gerade keine Lust auf Smalltalk hat. Es ist das Telefonat mit der besten Freundin, bei dem man erst über die Arbeit redet, dann über die Beziehung und am Ende doch wieder bei der Frage landet: „Und? Was machst du eigentlich am Wochenende?“
Aber Achtung: Es gibt auch Menschen, mit denen man nicht schnackt. Mit denen, die immer gleich zur Sache kommen. Die keine Pausen mögen. Die Smalltalk als Zeitverschwendung betrachten. Mit denen funktioniert „schnacken“ nicht – weil es genau das Gegenteil ist: Zeit, die man sich nimmt, ohne zu wissen, wofür.
Die ungeschriebenen Regeln des Schnackens
Ja, es gibt sie. Auch wenn niemand sie je aufgeschrieben hat. Zum Beispiel:
Erstens: Man hört zu. Nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper. Ein Nicken hier, ein „Mhm“ da, ein Blick, der sagt „Ich bin ganz bei dir“. Zweitens: Man lässt Pausen zu. Nicht jede Stille muss sofort gefüllt werden. Manchmal ist es genau diese Pause, in der die besten Gedanken entstehen. Drittens: Man bleibt bei den Themen, die gerade dran sind – auch wenn sie scheinbar unwichtig sind. Denn oft sind es gerade die kleinen Dinge, die den größten Raum einnehmen.
Und dann ist da noch etwas, das schwer zu erklären ist: „Schnacken“ hat eine eigene Geschwindigkeit. Mal ist es schnell, mal langsam, mal sprunghaft. Aber es ist nie hektisch. Es ist, als würde man gemeinsam durch einen Park spazieren – mal bleibt man stehen, mal geht man schneller, aber man ist immer im gleichen Tempo.
Warum „schnacken“ in der digitalen Welt wichtiger ist denn je
Wir leben in einer Zeit, in der Kommunikation oft auf das Nötigste reduziert wird. Emojis ersetzen Blicke, Sprachnachrichten ersetzen Gespräche, und „Wie geht’s?“ wird mit „Alles gut“ beantwortet, selbst wenn nichts gut ist. In dieser Welt wirkt „schnacken“ fast schon anachronistisch – wie ein Relikt aus einer Zeit, in der man sich noch Zeit genommen hat. Und genau das ist das Problem.
Denn „schnacken“ ist mehr als nur ein Wort. Es ist ein Gegenentwurf zu dieser ständigen Beschleunigung. Ein Gegenentwurf zu dieser Idee, dass alles effizient, produktiv und zielgerichtet sein muss. Und vielleicht ist es gerade deshalb so wichtig – weil es uns daran erinnert, dass Kommunikation nicht nur der Informationsweitergabe dient, sondern auch der Verbindung. Dass es Momente gibt, in denen es nicht darum geht, etwas zu erreichen, sondern einfach nur da zu sein.
Kann man digital „schnacken“?
Eine schwierige Frage. Theoretisch ja – aber es ist nicht dasselbe. Ein langes Telefonat mit der besten Freundin? Das kommt nah dran. Ein Voice-Nachrichten-Marathon mit dem Bruder? Auch nicht schlecht. Aber ein echtes „Schnacken“ per WhatsApp? Das ist, als würde man versuchen, einen Sonnenuntergang per E-Mail zu verschicken. Es fehlt etwas. Die Blicke. Die Gesten. Diese kleinen, unausgesprochenen Dinge, die ein Gespräch erst zu dem machen, was es ist.
Doch das heißt nicht, dass es unmöglich ist. Es ist nur anders. Vielleicht braucht es einfach mehr Bewusstsein dafür, dass auch digitale Kommunikation Raum für diese Art von Austausch lassen kann. Dass man nicht immer gleich zur Sache kommen muss. Dass man auch mal fünf Minuten über nichts reden kann – und dass das okay ist.
Die Gefahr des Verschwindens
Hier wird es ernst. Denn „schnacken“ ist nicht nur ein Wort – es ist eine Kulturtechnik. Und wie alle Kulturtechniken, die nicht mehr aktiv gelebt werden, droht auch sie zu verschwinden. Nicht von heute auf morgen, aber schleichend. Wenn wir uns daran gewöhnen, dass Gespräche nur noch der Informationsweitergabe dienen. Wenn wir Smalltalk als lästig empfinden. Wenn wir vergessen, dass es Momente gibt, in denen es nicht darum geht, etwas zu erreichen, sondern einfach nur da zu sein.
Und das wäre schade. Denn „schnacken“ ist mehr als nur ein Dialektwort. Es ist ein Stück Lebensqualität. Ein kleines Ritual, das uns daran erinnert, dass wir nicht nur funktionieren, sondern auch leben dürfen. Dass es okay ist, mal abzuschweifen. Dass es okay ist, einfach nur zuzuhören. Dass es okay ist, Zeit zu verschwenden – weil es manchmal genau diese Momente sind, die uns am meisten geben.
„Schnacken“ vs. „quatschen“, „plaudern“, „labern“: Was ist der Unterschied?
Jetzt wird es knifflig. Denn natürlich gibt es im Deutschen unzählige Wörter für „reden“. „Quatschen“, „plaudern“, „labern“, „schwätzen“, „tratschen“ – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Doch was unterscheidet „schnacken“ von all diesen Begriffen? Ist es nur eine regionale Variante, oder steckt mehr dahinter?
„Quatschen“: Wenn es um die Sache geht – oder auch nicht
„Quatschen“ ist das Wort, das man benutzt, wenn man eigentlich keine Lust auf ernsthafte Gespräche hat. Es ist das Gespräch auf der Party, bei dem man sich über Gott und die Welt unterhält, ohne wirklich etwas zu vertiefen. Es ist locker, es ist unverbindlich, und es hat oft etwas Spielerisches. Doch im Gegensatz zu „schnacken“ fehlt hier oft die Tiefe. „Quatschen“ kann oberflächlich sein – und das ist auch okay. Aber es ist nicht dasselbe.
Denn während „quatschen“ oft mit einer gewissen Leichtigkeit verbunden ist, hat „schnacken“ immer auch eine Komponente von Ernsthaftigkeit. Selbst wenn man über Belangloses redet, steckt dahinter oft der Wunsch, sich zu verbinden. Nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu verstehen. Und das ist ein entscheidender Unterschied.
„Plaudern“: Die Kunst des unverbindlichen Gesprächs
„Plaudern“ ist das, was man tut, wenn man sich nett unterhalten will – ohne Erwartungen, ohne Verpflichtungen. Es ist das Gespräch mit der Nachbarin über den Gartenzaun, das Telefonat mit der Mutter, bei dem man erst über das Wetter redet und dann doch bei den Enkeln landet. Es ist angenehm, es ist harmlos, und es hat oft etwas Routiniertes.
Doch auch hier fehlt etwas, das „schnacken“ ausmacht: die Möglichkeit, dass aus dem Unverbindlichen plötzlich etwas Tieferes wird. Dass man erst über die neue Heizung redet und dann doch bei der Frage landet, warum man eigentlich immer das tut, was andere von einem erwarten. „Plaudern“ bleibt oft an der Oberfläche – „schnacken“ kann jederzeit in die Tiefe gehen. Und genau das macht es so besonders.
„Labern“: Wenn die Worte fließen – aber nicht unbedingt ankommen
„Labern“ ist das Wort, das man benutzt, wenn jemand zu viel redet. Wenn die Worte nur so aus ihm heraussprudeln, ohne dass wirklich etwas dabei herauskommt. Es hat oft etwas Negatives – als würde man Zeit verschwenden, ohne wirklich etwas zu sagen. Und genau das ist der Unterschied zu „schnacken“.
Denn „schnacken“ ist nie sinnlos. Selbst wenn man über Belangloses redet, steckt dahinter immer der Wunsch, sich zu verbinden. Es ist kein Monolog, sondern ein Dialog. Es ist kein Reden um des Redens willen, sondern ein Austausch – auch wenn er manchmal sprunghaft, manchmal chaotisch ist. Und genau das macht den Unterschied.
Die häufigsten Missverständnisse über „schnacken“ – und warum sie falsch sind
Jetzt wird es Zeit, mit ein paar Mythen aufzuräumen. Denn über „schnacken“ gibt es eine Menge Vorurteile – und die meisten davon sind schlichtweg falsch. Hier sind die häufigsten:
„Schnacken ist nur was für Norddeutsche“
Falsch. Zwar hat „schnacken“ seine Wurzeln im Norden, aber es ist längst kein reines Dialektwort mehr. In Berlin, Köln oder sogar München hört man es mittlerweile genauso wie in Hamburg oder Kiel. Und das ist auch gut so. Denn Sprache lebt davon, dass sie sich weiterentwickelt, dass sie sich anpasst, dass sie von Menschen übernommen wird, die sie mögen – egal, woher sie kommen.
Natürlich gibt es Puristen, die das anders sehen. Die sagen: „Das ist unser Wort, das könnt ihr nicht einfach so übernehmen.“ Und ja, es ist verständlich, dass man seine sprachliche Identität schützen will. Aber Sprache war noch nie statisch. Sie verändert sich, sie wandert, sie vermischt sich. Und „schnacken“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie lebendig Sprache sein kann – wenn man sie lässt.
„Schnacken ist nur Smalltalk“
Ein weiteres Vorurteil. Denn während Smalltalk oft als oberflächlich und unverbindlich gilt, ist „schnacken“ genau das Gegenteil. Es kann Smalltalk sein – aber es kann auch viel mehr. Es kann der Moment sein, in dem man plötzlich über die großen Fragen des Lebens spricht. Es kann der Austausch sein, der eine Freundschaft vertieft. Es kann das Gespräch sein, das einen Tag rettet, weil man merkt: Ich bin nicht allein.
Natürlich gibt es auch das „schnacken“ über das Wetter, über die Nachbarn, über die neueste Folge der Lieblingsserie. Aber das ist nur die Oberfläche. Darunter liegt oft etwas Tieferes – etwas, das man nicht immer in Worte fassen kann, das aber trotzdem da ist. Und genau das macht es so wertvoll.
„Schnacken ist Zeitverschwendung“
Das ist vielleicht das größte Missverständnis von allen. Denn in einer Welt, in der alles effizient, produktiv und zielgerichtet sein muss, wirkt „schnacken“ wie ein Anachronismus. Wie etwas, das man sich eigentlich nicht leisten kann. Doch genau das ist der Punkt: Vielleicht brauchen wir genau diese Momente der „Zeitverschwendung“ mehr denn je.
Denn „schnacken“ ist nicht sinnlos. Es ist eine Form der Verbindung. Eine Art, sich zu vergewissern, dass man nicht allein ist. Dass es Menschen gibt, die einen verstehen – auch ohne dass man alles erklären muss. Und das ist alles andere als Zeitverschwendung. Es ist eine Investition. In Beziehungen. In sich selbst. In ein bisschen mehr Menschlichkeit in einer Welt, die manchmal sehr unpersönlich wirken kann.
Wie man „schnacken“ lernt – oder: Warum es sich lohnt, es zu versuchen
Okay, jetzt wird es praktisch. Denn „schnacken“ ist keine angeborene Fähigkeit – es ist etwas, das man lernen kann. Und das Gute ist: Es ist gar nicht so schwer. Man muss nur ein paar Dinge beachten.
Die richtige Einstellung: Es geht nicht um Perfektion
Das Wichtigste zuerst: „Schnacken“ ist kein Wettbewerb. Es geht nicht darum, die besten Geschichten zu erzählen oder die klügsten Sätze zu sagen. Es geht darum, da zu sein. Einfach nur da. Mit all seinen Macken, seinen Unsicherheiten, seinen unperfekten Gedanken. Denn genau das ist es, was „schnacken“ so besonders macht: dass es nicht perfekt sein muss. Dass es okay ist, mal nicht weiterzuwissen. Dass es okay ist, einfach nur zuzuhören.
Und genau das ist der erste Schritt: sich selbst zu erlauben, nicht perfekt sein zu müssen. Denn „schnacken“ lebt von Authentizität. Von diesem Moment, in dem man merkt: Hier geht es nicht um Leistung, sondern um Verbindung.
Die Kunst des Zuhörens: Warum Schweigen manchmal lauter ist als Worte
Zuhören ist die halbe Miete. Nicht dieses oberflächliche „Ich höre dir zu, während ich in Gedanken schon meine Antwort vorbereite“-Zuhören, sondern echtes Zuhören. Das Zuhören, bei dem man nicht nur die Worte hört, sondern auch die Pausen, die Blicke, das Unausgesprochene.
Und das ist gar nicht so einfach. Denn wir sind es gewohnt, Gespräche als Ping-Pong-Spiel zu sehen: Ich sage etwas, du antwortest, ich reagiere darauf. Doch „schnacken“ funktioniert anders. Es ist mehr wie ein gemeinsames Musizieren – mal führst du, mal folge ich, mal schweigen wir beide. Und genau das macht es so besonders: dass es nicht um Rechthaben geht, sondern um Verständnis.
Ein kleiner Tipp: Wenn Sie das nächste Mal mit jemandem „schnacken“, versuchen Sie mal, bewusst zuzuhören. Nicht nur auf die Worte, sondern auch auf das, was dazwischen liegt. Auf die Pausen. Auf die Blicke. Auf das, was nicht gesagt wird. Sie werden überrascht sein, wie viel mehr Sie plötzlich verstehen.
Die Themen: Warum es nicht immer um die großen Fragen gehen muss
„Schnacken“ lebt von den kleinen Dingen. Von den scheinbar unwichtigen Themen, die plötzlich eine ganz eigene Dynamik entwickeln. Von der Frage „Wie war dein Wochenende?“ bis hin zu der Beobachtung „Boah, die neue U-Bahn-Linie ist ja wirklich eine Katastrophe“. Es geht nicht darum, immer gleich zu den großen Themen zu kommen – es geht darum, sich treiben zu lassen. Mal über die Arbeit zu reden, mal über die Nachbarn, mal über die Frage, warum man eigentlich immer das Gleiche zum Frühstück isst.
Und genau das ist das Schöne daran: dass es keine Regeln gibt. Dass man nicht immer gleich zur Sache kommen muss. Dass man auch mal fünf Minuten über nichts reden kann – und dass das okay ist. Denn oft sind es genau diese Momente, in denen man merkt: Hier versteht man sich. Auch ohne große Worte.
Frequently Asked Questions: Alles, was Sie über „schnacken“ wissen wollten
Kann man „schnacken“ auch auf Hochdeutsch sagen?
Ja, natürlich. „Schnacken“ ist längst kein reines Dialektwort mehr – es hat sich in die Umgangssprache eingeschlichen, und das ist auch gut so. Natürlich klingt es im Hochdeutschen etwas anders, aber der Kern bleibt derselbe: Es geht um diesen besonderen Moment des Austauschs, der mehr ist als nur „reden“.
Und mal ehrlich: Wenn jemand sagt „Lass uns mal schnacken“, dann versteht jeder, was gemeint ist – egal, ob man aus Hamburg, München oder Berlin kommt. Sprache lebt davon, dass sie sich weiterentwickelt, und „schnacken“ ist ein gutes Beispiel dafür.
Gibt es ein Verb für „schnacken“ im Englischen?
Eine spannende Frage. Denn während das Deutsche unzählige Wörter für verschiedene Arten des Redens hat, ist das Englische hier etwas sparsamer. „To chat“ kommt dem vielleicht am nächsten – aber es ist nicht dasselbe. „To chat“ ist oft oberflächlicher, unverbindlicher. „Schnacken“ hat immer auch diese Komponente von Tiefe, von Verbindung, von diesem unausgesprochenen „Ich verstehe dich“.
Vielleicht gibt es im Englischen einfach kein direktes Äquivalent – und das ist auch okay. Denn manche Wörter sind so spezifisch, dass sie sich nicht übersetzen lassen. Sie tragen eine ganze Kultur in sich, und das macht sie so besonders.
Warum sagen Norddeutsche „Moin“ und „schnacken“?
Ah, die große Frage. Die Antwort ist so einfach wie komplex: Weil es zu ihnen passt. „Moin“ ist kurz, freundlich, unkompliziert – genau wie die Menschen, die es sagen. Und „schnacken“? Das ist die sprachliche Entsprechung zu dieser norddeutschen Mentalität: direkt, aber nicht unhöflich; herzlich, aber nicht aufdringlich; verbunden, aber nicht aufdringlich.
Es ist, als würde die Sprache selbst diese Haltung widerspiegeln: Wir nehmen uns Zeit für dich, aber wir machen kein großes Ding daraus. Wir sind da, aber wir drängen uns nicht auf. Und genau das macht „schnacken“ so besonders – dass es nicht nur ein Wort ist, sondern eine Einstellung.
Kann man „schnacken“ auch schriftlich?
Eine schwierige Frage. Theoretisch ja – aber es ist nicht dasselbe. Denn „schnacken“ lebt von diesen kleinen, unausgesprochenen Dingen: von den Blicken, den Pausen, den Gesten. Von diesem Moment, in dem man merkt: Hier versteht man sich, auch ohne dass alles gesagt werden muss.
Natürlich kann man auch schriftlich „schnacken“ – etwa in einem langen Brief oder einer ausführlichen Sprachnachricht. Aber es ist nicht dasselbe. Denn etwas fehlt immer: diese Unmittelbarkeit, diese Lebendigkeit, dieses Gefühl, dass man gerade gemeinsam etwas erlebt – auch wenn es nur ein Gespräch ist.
Das letzte Wort: Warum „schnacken“ mehr ist als nur ein Wort
Am Ende geht es nicht nur um ein Wort. Es geht um etwas Größeres: um die Art, wie wir miteinander umgehen. Um diese kleinen Momente, in denen wir uns Zeit nehmen – für uns selbst, für andere, für das, was gerade ist. „Schnacken“ ist ein Gegenentwurf zu dieser Idee, dass alles effizient, produktiv und zielgerichtet sein muss. Es ist ein Plädoyer für die Langsamkeit. Für das Zuhören. Für diese Momente, in denen man merkt: Hier bin ich nicht allein.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Dass „schnacken“ nicht nur ein Dialektwort ist, sondern eine Haltung. Eine Einladung, sich Zeit zu nehmen. Sich zu verbinden. Einfach nur da zu sein – ohne Druck, ohne Erwartungen, ohne dieses ständige „Was kommt als Nächstes?“.
Denn am Ende sind es genau diese Momente, die uns prägen. Die uns daran erinnern, dass wir nicht nur funktionieren, sondern auch leben dürfen. Dass es okay ist, mal abzuschweifen. Dass es okay ist, einfach nur zuzuhören. Dass es okay ist, Zeit zu verschwenden – weil es manchmal genau diese Momente sind, die uns am meisten geben.
Also: Schnacken Sie mal. Nicht weil Sie müssen, sondern weil Sie können. Weil es schön ist. Weil es verbindet. Und weil die Welt vielleicht ein bisschen besser wäre, wenn wir uns alle ein bisschen mehr Zeit zum „Schnacken“ nehmen würden.
