Der massive Expansionsdrang: Warum die BRICS-Staatengruppe boomt
Die Dynamik innerhalb der BRICS-Staaten hat sich seit dem Gipfel in Johannesburg 2023 fundamental verändert. Was einst als loses Akronym für aufstrebende Schwellenländer begann, hat sich zu einem geopolitischen Schwergewicht entwickelt, das den G7-Staaten den Rang abläuft. Wenn wir die nackten Zahlen betrachten, wird deutlich, warum die Frage, welche Länder in die BRICS wollen, so brisant ist: Die erweiterten BRICS+ repräsentieren bereits rund 37 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung nach Kaufkraftparität. Dieser Wert übersteigt den Anteil der G7-Staaten, der bei etwa 30 Prozent liegt, deutlich. Es ist kein Geheimnis, dass die Attraktivität des Blocks weniger auf ideologischer Homogenität basiert, sondern auf einer pragmatischen Abkehr von einer unipolaren Weltordnung unter Führung der USA.
Die Motivation der Beitrittskandidaten ist vielschichtig. Viele Staaten des Globalen Südens empfinden die Sanktionspolitik des Westens, insbesondere die Instrumentalisierung des SWIFT-Systems, als existenzielles Risiko für ihre eigene Souveränität. Die BRICS bieten hier eine potenzielle Versicherungspolice. Es geht um den Zugang zu alternativen Finanzierungswegen über die New Development Bank (NDB), die bereits Kredite in Milliardenhöhe für Infrastrukturprojekte vergeben hat, ohne die strengen politischen Auflagen des IWF oder der Weltbank zu fordern. Diese finanzielle Autonomie ist der Haupttreiber hinter den zahlreichen Aufnahmeanträgen, die in den Sekretariaten in Peking und Moskau landen.
Die Türkei als geopolitischer Paukenschlag im Wartesaal
Die wohl spektakulärste Entwicklung ist das offizielle Beitrittsgesuch der Türkei. Als erstes NATO-Mitglied hat Ankara im Jahr 2024 formell den Wunsch geäußert, Teil der BRICS-Familie zu werden. Diese Entscheidung markiert einen historischen Wendepunkt in der türkischen Außenpolitik und sendet Schockwellen durch die westlichen Hauptstädte. Präsident Erdogan verfolgt eine Strategie der strategischen Autonomie. Für die Türkei ist die Frage "Welche Länder wollen in die BRICS?" nicht nur eine wirtschaftliche, sondern eine Frage der nationalen Identität und Positionierung zwischen Ost und West. Nach Jahrzehnten im Wartezimmer der Europäischen Union sucht Ankara nun nach Alternativen, die keine Aufgabe der eigenen Souveränität verlangen.
Wirtschaftlich gesehen macht dieser Schritt Sinn. Die Handelsvolumina der Türkei mit Russland und China sind in den letzten Jahren massiv gestiegen. Ein Beitritt würde der Türkei nicht nur günstigere Energielieferungen sichern, sondern sie auch als zentralen Hub für den eurasischen Handel positionieren. Dass ein NATO-Land diese Ambitionen hegt, zeigt, wie sehr die Anziehungskraft westlicher Institutionen im Vergleich zur geopolitischen Multipolarität der BRICS abgenommen hat. Man könnte fast ironisch anmerken, dass die Warteliste für die BRICS mittlerweile exklusiver wirkt als die Einladungslisten für Brüsseler Gipfeltreffen.
Südostasien orientiert sich neu: Thailand und Malaysia in der Offensive
In Südostasien zeichnet sich ein deutlicher Trend ab. Thailand und Malaysia haben im Laufe des Jahres 2024 unmissverständlich klargestellt, dass sie dem Block beitreten möchten. Für Malaysia unter Premierminister Anwar Ibrahim ist dies ein Akt der wirtschaftlichen Diversifizierung. Das Land ist ein wichtiger Akteur in der Halbleiterindustrie und möchte seine Exportmärkte absichern. Die BRICS bieten hier einen direkten Zugang zu den größten Konsumentenmärkten der Zukunft. Thailand wiederum sieht im BRICS-Beitritt eine Chance, seine Rolle als regionale Wirtschaftsmacht zu stärken und den Tourismus sowie den Agrarhandel mit China und Indien weiter zu forcieren.
Interessanterweise ist Indonesien, die größte Volkswirtschaft Südostasiens, noch zögerlich. Während viele Beobachter damit rechneten, dass Jakarta bereits 2023 beitreten würde, entschied sich die indonesische Führung für eine Phase der Beobachtung. Dies unterstreicht, dass der Beitrittsprozess kein Automatismus ist. Länder wägen sehr genau ab, wie ein solcher Schritt ihre Beziehungen zu den USA beeinflusst. Dennoch bleibt der Druck groß: Wenn Nachbarn wie Thailand und Malaysia beitreten, sinken die Opportunitätskosten für Indonesien, ebenfalls diesen Weg einzuschlagen. Die De-Dollarisierung des regionalen Handels ist in ASEAN-Staaten längst kein Tabuthema mehr, sondern gelebte Zentralbankpolitik.
Welche Länder wollen in die BRICS? Die Liste der offiziellen Bewerber
Neben den bereits genannten Schwergewichten gibt es eine lange Liste von Nationen, die formelle Schritte unternommen haben. Aserbaidschan hat nach dem Gipfel in Kasan im Oktober 2024 sein Interesse bekräftigt, was die strategische Bedeutung des Kaukasus für den Nord-Süd-Handelskorridor unterstreicht. Weißrussland sieht in den BRICS einen Rettungsanker gegen die westliche Isolation. In Lateinamerika treibt Bolivien seinen Beitritt voran, primär um seine riesigen Lithiumvorkommen in eine globale Wertschöpfungskette zu integrieren, die nicht allein von westlichen Konzernen kontrolliert wird. Auch Kuba und Venezuela stehen in den Startlöchern, wobei deren Aufnahme aufgrund der politischen Spannungen mit den USA innerhalb der BRICS-Gruppe unterschiedlich bewertet wird.
In Afrika ist das Interesse nach der Aufnahme Äthiopiens und Ägyptens sprunghaft angestiegen. Nigeria, die bevölkerungsreichste Nation des Kontinents, führt interne Debatten über einen Beitritt bis 2026. Algerien, das in der ersten Erweiterungsrunde überraschend leer ausging, bleibt ein engagierter Partner der NDB und strebt weiterhin nach Vollmitgliedschaft. Die Motivation ist hier oft die gleiche: Man möchte weg von der Rolle des reinen Rohstofflieferanten hin zu einer industriellen Partnerschaft auf Augenhöhe. Die BRICS-Staaten investieren massiv in afrikanische Infrastruktur, was im krassen Gegensatz zur oft als bevormundend empfundenen Entwicklungshilfe des Westens steht.
Die Rolle der New Development Bank als Magnet
Ein entscheidender Faktor für die Attraktivität ist die New Development Bank mit Sitz in Shanghai. Sie fungiert als das finanzielle Rückgrat der Gruppe. Im Gegensatz zum IWF knüpft sie ihre Kredite nicht an neoliberale Strukturreformen oder Privatisierungsvorgaben. Für Länder wie Bangladesch oder Uruguay, die bereits Mitglieder der Bank sind, ohne Vollmitglieder der BRICS-Kernorganisation zu sein, bietet dies einen sanften Einstieg. Die Bank plant, ihren Anteil an Krediten in lokalen Währungen auf mindestens 30 Prozent zu erhöhen, um das Wechselkursrisiko gegenüber dem US-Dollar zu minimieren. Dies ist ein gewaltiges Argument für Schwellenländer, die regelmäßig unter der Zinspolitik der US-Notenbank Federal Reserve leiden.
Geopolitische Risiken und interne Spannungen
Trotz der Euphorie ist der Weg zur Erweiterung steinig. Die BRICS sind kein monolithischer Block. Indien und China pflegen eine komplexe Rivalität, insbesondere an ihren Grenzen im Himalaya. Neu-Delhi ist besorgt, dass die BRICS zu einem Werkzeug chinesischer Hegemonie werden könnten. Deshalb drängt Indien auf klare Beitrittskriterien, um sicherzustellen, dass neue Mitglieder nicht nur politische Verbündete Pekings sind. Brasilien wiederum agiert vorsichtig, um seine mühsam aufgebauten Beziehungen zum Westen nicht vollständig zu opfern. Diese internen Reibungen führen dazu, dass der Aufnahmeprozess oft langsamer verläuft, als es die Rhetorik vermuten lässt.
Ein weiteres Problem ist die Heterogenität der Wirtschaftssysteme. Während China eine staatskapitalistische Supermacht ist, kämpfen Länder wie Äthiopien oder der Iran mit massiver Inflation und strukturellen Defiziten. Die Integration solch unterschiedlicher Volkswirtschaften in ein gemeinsames Zahlungssystem ist eine Mammutaufgabe. Dennoch überwiegt der Wille zur Kooperation, da das gemeinsame Ziel – die Schwächung der westlichen Dominanz – als wichtiger erachtet wird als die Lösung bilateraler Differenzen. Es ist eine Zweckgemeinschaft, die durch den äußeren Druck der Sanktionen und der Handelsbeschränkungen zusammengeschweißt wird.
FAQ: Häufige Fragen zum BRICS-Beitritt
Wie wird man Mitglied der BRICS?
Es gibt keinen formalisierten Prozess wie bei der EU. Ein Land muss sein Interesse bekunden, woraufhin die Gründungsmitglieder im Konsens entscheiden. Auf dem Gipfel in Kasan 204 wurde zudem der Status des "Partnerlandes" eingeführt, um Nationen eine Vorstufe zur Vollmitgliedschaft zu ermöglichen, ohne sofort alle Stimmrechte zu gewähren. Dies betrifft aktuell rund 13 Nationen, die eng an den Block gebunden werden sollen.
Welche Auswirkungen hat die Erweiterung auf den US-Dollar?
Die Währungsdiversifizierung ist ein erklärtes Ziel. Zwar wird es kurzfristig keine gemeinsame BRICS-Währung geben, aber der Handel in nationalen Währungen (wie Yuan, Rubel oder Rupie) nimmt massiv zu. Sollten bedeutende Ölproduzenten wie Saudi-Arabien (das als Gast bereits teilnimmt) ihren Energiehandel dauerhaft vom Dollar entkoppeln, würde dies die globale Nachfrage nach Greenbacks nachhaltig schwächen.
Warum hat Saudi-Arabien den Beitritt noch nicht finalisiert?
Saudi-Arabien ist ein Sonderfall. Das Königreich wurde offiziell eingeladen und nimmt an den Treffen teil, hat aber den finalen Beitrittsschritt noch nicht vollzogen. Riad spielt ein hochkomplexes Spiel der Balance zwischen Sicherheitsgarantien durch die USA und der wirtschaftlichen Abhängigkeit von China als Hauptabnehmer seines Öls. Es ist wahrscheinlich, dass Saudi-Arabien eine Form der "assoziierten Partnerschaft" bevorzugt, um keine Seite offen vor den Kopf zu stoßen.
Fazit: Eine unaufhaltsame Verschiebung der Machtzentren
Die Antwort auf die Frage, welche Länder in die BRICS wollen, lässt sich auf einen Nenner bringen: Fast jedes Land, das sich nicht mehr bedingungslos der westlichen Führung unterordnen möchte. Von der Türkei bis Malaysia, von Nigeria bis Bolivien – die Liste der Interessenten liest sich wie ein Who-is-Who der aufstrebenden Mächte des 21. Jahrhunderts. Die BRICS sind zum Symbol für eine neue Weltordnungspolitik geworden, die auf Souveränität, wirtschaftlicher Pragmatik und der Abkehr vom Unilateralismus basiert. Auch wenn der Block mit internen Spannungen und organisatorischen Hürden kämpft, ist die schiere Masse an Beitrittskandidaten ein deutliches Signal. Die Ära, in der eine kleine Gruppe westlicher Industriestaaten die Regeln für den Rest der Welt festlegte, neigt sich dem Ende zu. Was wir erleben, ist nicht weniger als die größte globale Machtverschiebung seit dem Ende des Kalten Krieges, getrieben durch den Hunger nach einer gerechteren Verteilung von Wohlstand und politischem Einfluss.

