Warum diese riesige Gehaltskluft mit 35 Jahren? Das ist mein Eindruck
Mit 35 Jahren sind wir in einer Phase, in der die Ausbildung lange vorbei ist und man idealerweise schon einige Jahre Erfahrung gesammelt hat. Das ist der Punkt, wo sich die Spreu vom Weizen trennt, wenn ich das mal so flapsig sagen darf. Ich habe beobachtet, dass die Gehaltsentwicklung spätestens jetzt exponentiell wird, wenn man sich spezialisiert hat. Wenn du nämlich nur noch ein „Generalist“ bist, der vieles kann, aber nichts richtig tiefgreifend, dann stagniert dein Einkommen oft schneller, als dir lieb ist.
Du bist jetzt derjenige, der Prozesse verantwortet, der Mentoring übernimmt, oder derjenige, der die schwierigen Kunden beruhigt, weil er die Materie eben durchdrungen hat. Wer das schafft, der kann Gehälter jenseits der 65.000 Euro anpeilen, selbst wenn er keine Personalverantwortung hat. Wer sich hingegen immer noch mit den gleichen Standardaufgaben beschäftigt wie mit 28, dem wird es schwerfallen, diesen Sprung zu machen, weil das Unternehmen keinen zwingenden Grund sieht, dir plötzlich 15.000 Euro mehr zu zahlen, nur weil du älter geworden bist.
Der Mythos vom Durchschnittsgehalt – Was ich wirklich glaube, was zählt
Man liest immer wieder Statistiken, die sagen, der Durchschnitt liegt bei 55.000 oder 60.000 Euro brutto für Angestellte um die 35. Das ist, glaube ich, eine Zahl, die zwar statistisch korrekt sein mag, aber für die individuelle Planung völlig nutzlos ist. Wenn ich in München lebe und in der Pharmaforschung arbeite, dann ist mein "Durchschnitt" vielleicht 75.000 Euro, während jemand in einem kleineren Betrieb in Sachsen-Anhalt mit ähnlicher Berufserfahrung vielleicht bei 48.000 Euro liegt. Das sind Welten, und das liegt nicht nur an den Lebenshaltungskosten, sondern primär an der Wertschöpfung, die das Unternehmen generiert.
Was ich wirklich wichtig finde, ist die Frage nach der Unternehmensgröße. Ein Mittelständler mit 50 Mitarbeitern kann dir selten das Top-Gehalt bieten, das ein Konzern mit 5.000 Angestellten oder ein erfolgreiches Startup, das gerade eine Finanzierungsrunde abgeschlossen hat, locker stemmen kann. Ich denke, das ist ein Punkt, den viele unterschätzen, weil sie denken, die Aufgabe sei wichtiger als der Arbeitgeber.
Was ist mit den Regionen? Der Ost-West-Unterschied ist real
Das müssen wir offen ansprechen: Die Gehaltsunterschiede zwischen den alten Bundesländern und den neuen sind auch mit 35 noch signifikant. Im Westen und Süden, besonders rund um Baden-Württemberg, Bayern und Hessen, sind die Gehälter oft höher, ganz einfach, weil dort die Industriezentren und die höchsten Gehälter im öffentlichen Dienst angesiedelt sind. Das bedeutet nicht, dass man im Osten weniger gut leben kann – die Mieten sind ja auch niedriger –, aber die reine Bruttosumme auf dem Konto wird oft geringer ausfallen, wenn man dieselbe Qualifikation hat. Das ist eine Tatsache, die man bei der Karriereplanung im Hinterkopf behalten sollte.
Die Top-Branchen: Wo dein 35-jähriges Ich am meisten kassiert
Wenn wir über die wirklich hohen Gehälter sprechen, dann fallen mir sofort drei Bereiche ein, wo ich denke, dass man mit 35 wirklich die besten Karten hat, vorausgesetzt, man hat sich vernünftig weitergebildet. Erstens: Informationstechnologie. Speziell Architekten für Cloud-Lösungen oder erfahrene Backend-Entwickler mit Spezialkenntnissen in Nischensprachen verdienen fantastisch. Hier sind 75.000 Euro bis 95.000 Euro absolut realistisch, wenn der Markt gerade nach dir schreit.
Zweitens: Unternehmensberatung. Wer es schafft, in einer der großen Firmen Fuß zu fassen und die ersten Jahre durchzuhalten, der ist mit 35 oft schon Senior Consultant oder Associate Partner. Hier reden wir schnell über Gehälter, die die 100.000 Euro-Marke knacken, allerdings muss man sich bewusst sein, dass das Privatleben darunter massiv leidet. Drittens: Vertrieb, aber nur im erklärungsbedürftigen B2B-Bereich, etwa bei Medizintechnik oder komplexen Industrieprodukten. Hier macht die Provision oft den Unterschied, und ein guter Verkäufer mit 35 Jahren Erfahrung kann sein Grundgehalt locker verdoppeln.
Die Führungskraft vs. der Fachexperte – Wo lohnt sich die Mühe?
Das ist die Gretchenfrage für viele in ihren Dreißigern: Soll ich Teamleiter werden oder lieber der beste Programmierer/Ingenieur im Team bleiben? Ich persönlich tendiere dazu, dass der Weg in die disziplinarische Führung oft den schnelleren, aber manchmal auch weniger befriedigenden Gehaltssprung bringt. Als Teamleiter mit Personalverantwortung für fünf Leute bist du oft schnell 10.000 bis 15.000 Euro über deinem fachlichen Kollegen, einfach weil du Management-Aufgaben übernimmst, die formal höher bewertet werden.
Allerdings gibt es in großen Konzernen auch die Möglichkeit des "Technical Ladder" oder "Expert Track". Hier kannst du als Principal oder Fellow technisch so wertvoll werden, dass du auf Augenhöhe mit dem mittleren Management verdienst, ohne Personalverantwortung tragen zu müssen. Das setzt aber voraus, dass dein Arbeitgeber diese Strukturen überhaupt anbietet und du wirklich einer der Top 5 Prozent in deinem Fachgebiet bist. Wenn dein Arbeitgeber diese Option nicht bietet, dann ist die Führungsebene oft der einzige Weg, um wirklich hohe sechsstellige Beträge zu erreichen.
Die Fehler, die ich bei Gehaltsverhandlungen in meinen Dreißigern gemacht habe
Rückblickend, und das sage ich dir ganz offen, habe ich in meinen frühen Dreißigern zu oft aus Angst vor Ablehnung zu wenig verlangt. Ich erinnere mich an eine Situation, da hätte ich locker 6.000 Euro mehr im Jahr fordern können, aber ich habe mich mit der ersten Zahl zufriedengegeben, weil ich dachte, ich würde sonst unverschämt wirken. Das war ein Fehler, und ich habe diesen Betrag dann die nächsten zwei Jahre nicht mehr aufgeholt.
Ein weiterer häufiger Fehler, den ich sehe: Man verhandelt nur über das Grundgehalt. Mit 35 solltest du aber auch über den Bonus, die Altersvorsorgebeiträge, die Fortbildungsbudgets und vor allem die Homeoffice-Regelung sprechen. Diese Benefits haben einen echten monetären Wert, auch wenn sie nicht direkt im Bruttogehalt auftauchen. Wer nur auf die Monatszahlung schaut, übergeht oft das Gesamtpaket, das am Ende des Jahres auf dem Papier steht.
Fazit: Dein Gehalt mit 35 ist ein Spiegelbild deiner Entscheidungen
Letzten Endes, und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die ich dir mitgeben kann: Was du mit 35 verdienst, ist weniger Glückssache und vielmehr das akkumulierte Ergebnis deiner Entscheidungen der letzten zehn Jahre. Hast du dich weitergebildet, bist du umgezogen, wenn es nötig war, und hast du deinen Wert klar kommuniziert? Wenn die Antwort auf diese Fragen "Ja" ist, dann liegt dein Gehalt wahrscheinlich über dem, was die meisten Leute als normal empfinden.
Wenn du jetzt mit 35 unzufrieden bist, ist das aber kein Weltuntergang. Jetzt ist der beste Zeitpunkt, um strategisch zu handeln, denn du hast genug Erfahrung, um sofort einen Mehrwert zu bieten. Überlege dir genau, welche Nische du besetzen kannst, und sei bereit, auch mal das Unternehmen zu wechseln, wenn dein aktueller Arbeitgeber nicht bereit ist, deinen neuen Marktwert anzuerkennen. Es ist nie zu spät, die Gehaltskurve wieder nach oben zu ziehen.

