Die Stille als Schutzmechanismus
Genau das ist oft das Erste, was auffällt: der Rückzug. Menschen, die gemobbt werden, ziehen sich zurück. Nicht weil sie wollen, sondern weil sie denken, dass es hilft. Weniger da sein, weniger auffallen – vielleicht lässt es dann ja aufhören. Ich hab das später bei meiner Cousine Sarah in Berlin gesehen, als sie am Arbeitsplatz gemobbt wurde. Plötzlich hat sie kaum noch was im Team-Chat geschrieben, hat Meetings gemieden, immer „keine Zeit“ gehabt, wenn Kollegen was trinken gehen wollten. „Ich will einfach nur durchschlüpfen, ohne Aufmerksamkeit“, hat sie mir mal gesagt. Aber das hat nichts gebracht. Im Gegenteil.
Sie entschuldigen sich dauernd
Das fällt mir jetzt wieder ein – Sarah hat ständig „Tut mir leid“ gesagt. Selbst wenn der Kaffee kalt war, hat sie sich entschuldigt. Als wäre ihre Existenz schon eine Belastung. Und das ist echt krass, oder? Wenn du merkst, dass jemand immer wieder klein beigibt, sich für alles rechtfertigt, auch für Dinge, die gar nicht ihre Schuld sind… das ist oft ein deutliches Zeichen. Als ob sie dächten: Wenn ich nur nett genug bin, hört es vielleicht auf.
Sie werden überempfindlich – oder total abgestumpft
Manche reagieren plötzlich extrem auf kleine Kritik. Ein „Das könntest du aber auch anders machen“ – und schon bricht es raus. Weinen, Wut, Panik. Andere dagegen wirken wie betäubt. Kalt. Distanziert. Als würde sie nichts mehr berühren. Beides ist eigentlich dasselbe: ein Schutz. Die eine Seite schreit innerlich, die andere hat die Emotionen abgeschaltet, weil es sonst zu weh tut. Ich glaube, das ist wie bei einem Muskel, der so oft verletzt wurde, dass er sich verhärtet hat.
Die körperlichen Anzeichen
Das vergisst man oft: Mobbing zeigt sich auch am Körper. Kopfschmerzen ohne Grund, Magenprobleme, Schlafstörungen. Meine Freundin Anna aus München hat mal drei Wochen lang fast nichts geschlafen, weil sie Angst hatte vor dem nächsten Arbeitstag. Hat sich ständig übergeben vor lauter Stress. Und natürlich hat sie das niemandem gesagt. Weil sie dachte, man würde ihr nicht glauben. Oder schlimmer: dass man sie dafür verantwortlich macht.
Warum sagen sie nichts?
Das fragt man sich ja immer: Warum reden sie nicht? Warum gehen sie nicht zum Chef, zur Lehrerin, zur Familie? Aber stell dir vor, du hast schon mal was gesagt – und dann wurde es nur schlimmer. Oder man hat dich abgewiesen. „Du nimmst es doch zu ernst“, „Das ist doch nur Spaß“, „Halt dich eben durch.“ Das kappt jede Motivation, nochmal zu reden. Und dann kommt die Scham. Ja, Scham. Obwohl sie nichts falsch gemacht haben. Aber irgendwie fühlt es sich an, als wäre man selbst das Problem. Das ist so unfair, aber so typisch.
Manche werden aggressiv
Und dann gibt’s die, die plötzlich anders reagieren. Nicht zurückgezogen, sondern lauter, gereizt, sogar zynisch. Ich hatte mal einen Kollegen, der hat früher Witze gemacht, war immer gut drauf. Nachdem er gemobbt wurde – wegen seiner Herkunft, ehrlich gesagt – wurde er plötzlich bissig, hat jeden Fehler der anderen sofort angeprangert. Fast schon paranoid. Aber eigentlich war das nur Schutz. Er hat versucht, stärker zu wirken, weil er sich so schwach fühlte.
Was können wir tun?
Ich glaube, der erste Schritt ist: hinschauen. Nicht wegschauen. Wenn jemand anders ist, wenn er plötzlich stiller ist, wenn er Ausreden hat, um dazubleiben, wenn er schlecht aussieht – frag nach. Nicht aufdringlich, nicht „Was ist los mit dir?“, sondern einfach: „Hey, du wirkst irgendwie anders in letzter Zeit. Alles okay?“ Und dann zuhören. Einfach nur zuhören. Keine Ratschläge, kein „Das wird schon“. Manchmal reicht es schon, dass jemand merkt: Ich bin nicht unsichtbar.
Hier in meiner Straße wohnt ein Junge, der wird wohl in der Schule gehänselt. Ich sehe ihn oft allein auf der Bank sitzen, Kopfhörer auf, Blick zu Boden. Neulich hab ich einfach mal Hallo gesagt. Hat kaum reagiert. Aber letzte Woche hat er zurückgenickt. Und das hat mich echt was gemacht. Weil es zeigt: Manchmal ist der kleinste Kontakt ein Rettungsring.
Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob ich in so einer Situation immer richtig handle. Ich habe auch schon weggesehen, weil ich nicht wusste, was ich sagen soll. Aber mittlerweile denke ich: Besser was Falsches sagen als gar nichts. Weil Schweigen oft die Seite des Mörders hält, nicht des Opfers.
Also, falls du das liest und merkst: Hey, das klingt gerade wie jemand, den ich kenne… tu was. Frag nach. Sei da. Manchmal ist das alles, was zählt.
Und wenn du selbst gerade so fühlst – als wärst du unsichtbar, als wärst du zu viel und gleichzeitig nicht genug – dann hör mal: Du bist nicht allein. Und es ist nicht deine Schuld. Wirklich nicht.
