Warum wir Ziele verlieren – oder nie hatten
Ich glaube, viele von uns haben gar keine echten Ziele. Klar, da ist der Job, die Miete, der Hund, der Garten – Sachen, die halt gemacht werden müssen. Aber echte Ziele, die einen nachts wachhalten (im Guten), die dich nach vorne ziehen? Fehlanzeige.
Ich hab lange gedacht: Wenn ich nur genug tue, wird sich das Ziel schon zeigen. Bloß: das hat nicht funktioniert. Ich hab mich abgerackert, To-Do-Listen abgehakt, aber das Gefühl war: Ich renn im Kreis. Weißt du, was mich am Ende wachgerüttelt hat? Ein Satz von meinem Kumpel Tim beim Bier in München: „Du lebst gerade, als würdest du auf Pause warten.“
Boah. Das hat gesessen.
Pause drücken hilft nicht
Ich dachte erst, ich brauch Urlaub. Also buchte ich drei Wochen Neuseeland. Und ja, es war krass schön – Berge, Seehunde, dieser eine Tag in Queenstown, wo ich fast beim Bungee-Springen umgekippt bin. Aber nach der Rückkehr? Dieselbe Leere.
Da wurde mir klar: Man kann nicht wegreisen von sich selbst. Neue Ziele findet man nicht am Strand, sondern in sich. Oder besser: man stolpert drauf, wenn man endlich aufhört, sich abzulenken.
Stille ist unbequem – aber nötig
Ich hab dann angefangen, morgens 20 Minuten einfach nur zu sitzen. Ohne Handy. Ohne Kaffee. Einfach nur da sein. Anfangs fand ich das lächerlich. Nach drei Tagen wollte ich aufhören. Aber dann, irgendwann am vierten Morgen – keine Ahnung, ob es der Regen war oder die Stille –, kam dieser eine Gedanke: Was würde ich tun, wenn ich keine Angst vor Scheitern hätte?
Und plötzlich war da was. Nicht groß, nicht heroisch: Ich wollte ein Buch schreiben. Kein Bestseller, nichts. Nur ein Buch. Mit Geschichten aus meinem Leben. Einfach, um es geschafft zu haben.
War das jetzt das Ziel? Keine Ahne. Aber es war ein Anfang. Und das ist oft alles, was zählt.
Man muss nicht alles neu erfinden
Viele denken: Ein Ziel muss spektakulär sein. Marathon laufen! Weltreise! Start-up gründen! Dabei sind die besten Ziele oft still. Klein. Persönlich.
Meine Nachbarin Petra hat vor zwei Jahren beschlossen, jeden Tag ein Foto zu machen. Nur für sich. Heute hat sie über 700 Bilder – und sagt, sie sieht die Welt plötzlich mit anderen Augen. Das ist doch auch ein Ziel, oder?
Also: Muss es immer Karriere, Geld, Erfolg sein? Oder reicht es, mal wieder richtig zu lachen? Jemandem zuzuhören, ohne ans Handy zu denken? Etwas auszuprobieren, bei dem man sich blöd vorkommt?
Die Macht des „Warum“
Ich hab mal gelesen: Wenn du nicht weißt, wohin, hilft es, zu fragen: Warum? Nicht einmal, sondern fünf Mal. Also so: „Ich will mehr Geld verdienen.“ – Warum? „Weil ich mir mehr Freiheit leisten will.“ – Warum? „Weil ich das Gefühl will, nicht mehr abhängig zu sein.“ – Und so weiter.
Bei mir hat das tatsächlich was freigelegt: Es ging nicht um Geld, sondern um Kontrolle. Um das Gefühl, mein Leben selbst in der Hand zu haben. Und das? Das führte mich direkt zu dem Buchprojekt. Plötzlich war klar: Es war nie nur ums Schreiben, sondern darum, etwas Eigenes zu erschaffen. Etwas, das mir gehört.
Manchmal findet dich das Ziel
Letzten Sommer war ich in einem Workshop über kreative Selbstständigkeit. Langweilig? Teilweise. Aber dann kam eine Übung: „Was hast du als Kind geliebt, das du heute nicht mehr tust?“
Ich dachte lange nach. Und dann: Theater. Ich war mal im Schultheater, total begeistert. Hatte sogar mal einen kleinen Auftritt im Staatstheater Mainz. Danach? Vergessen. Verschüttet.
Seitdem gehe ich alle paar Wochen zum Impro-Theater. Mache mich lächerlich. Und? Es ist unglaublich befreiend. Ich hab kein Ziel im Sinne von „Bühnenkarriere“, aber es fühlt sich richtig an. Und manchmal ist das genug.
Die Angst vor dem falschen Ziel
Was mich lange blockiert hat: die Angst, das falsche Ziel zu wählen. Was, wenn ich zwei Jahre in ein Projekt stecke und dann merke: war nix? Was, wenn alle lachen?
Aber weißt du was? Es gibt kein falsches Ziel. Nur Erfahrungen. Und die zählen allesamt. Selbst wenn du am Ende sagst: Nee, war nichts für mich – du weißt dann immerhin, was du nicht willst. Und das ist auch was wert.
Wie du starten kannst – ohne Druck
Ich mach’s jetzt so: Jeden Sonntagabend nehme ich mir 15 Minuten. Kaffee, Notizbuch, Balkon. Und stelle mir zwei Fragen:
- Was hat diese Woche ein kleines Feuer in mir angezündet?
- Wovon habe ich geträumt – egal wie absurd?
Dann schreib ich drei Dinge auf. Nicht mehr. Nicht weniger. Kein Plan, kein Zwang. Nur ein Sammeln von Funken.
Letzte Woche stand da: „Wollte mit dem Fahrrad ans Meer fahren.“ – „Hab wieder angefangen, Klavier zu spielen.“ – „Fand es cool, als Anna sagte, ich erzähl gut Geschichten.“
Und jetzt? Ich überleg, ob ich nicht eine kleine Podcast-Serie mache. Mit Geschichten aus meinem Leben. Vielleicht nur für Freunde. Vielleicht wird’s was Größeres. Keine Ahnung. Aber das ist okay.
Fazit: Ziele wachsen – sie fallen nicht vom Himmel
Ich glaube, wir machen uns das mit den Zielen oft zu schwer. Als müsste da ein Blitz vom Himmel fahren und uns sagen: Das ist es!
In Wirklichkeit sind Ziele wie Pflanzen. Man pflanzt ein Samenkorn – eine Idee, ein Gefühl, ein kleiner Impuls. Dann gießt man. Beobachtet. Manchmal nichts. Dann plötzlich: ein grünes Blatt.
Also: Fang klein an. Hör auf dich. Hab keine Angst vor Unsicherheit. Und vor allem: Sei geduldig mit dir. Meine Ziele haben sich nicht über Nacht gefunden. Aber sie haben sich gefunden.
Und du? Was, wenn du heute Abend einfach mal fragst: Was würde ich gern tun – nur, weil es sich gut anfühlt?
