Einleitung: Wer zieht eigentlich die Fäden?
Die evangelische Kirche: Chefetage gleich Fehlanzeige?
Bevor du jetzt denkst: „Klar, wie beim Papst in Rom!“, muss ich dich enttäuschen – oder vielleicht sogar ein bisschen begeistern. Denn die evangelische Kirche funktioniert völlig anders als die katholische. Hier gibt es keinen obersten Chef, der wie ein König auf dem Thron sitzt und alles entscheidet. Und das ist kein Zufall, sondern steckt tief in der DNA des Protestantismus.
Das Prinzip der Synodalität: Macht teilen statt konzentrieren
Die evangelische Kirche in Deutschland – offiziell die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) – setzt auf ein System, das sich „synodal“ nennt. Klingt erstmal technisch, ist aber ziemlich genial: Hier werden Entscheidungen gemeinsam getroffen, und zwar von gewählten Vertreterinnen und Vertretern aus den Gemeinden, den sogenannten Synoden. Das ist echte Demokratie – manchmal langsam, manchmal chaotisch, aber immer vielfältig.
Wer steht an der Spitze? Ein Chef – oder viele?
Und jetzt kommt’s: Die EKD hat zwar einen Vorsitzenden – aktuell ist das Annette Kurschus (Stand: 2024) – aber sie oder er ist nicht der Chef im klassischen Sinn. Die oder der Vorsitzende vertritt die EKD nach außen, moderiert, vermittelt, gibt Impulse. Aber Durchregieren wie ein CEO? Fehlanzeige!
Der Rat der EKD: Teamwork statt Einzelleistung
Das eigentliche Leitungsorgan ist der Rat der EKD. Hier sitzen 15 Personen, die von der Synode gewählt werden, darunter Theologinnen, Laien, Menschen mit verschiedensten Hintergründen. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen – und das kann, wie du dir denken kannst, auch mal zu hitzigen Debatten führen. Aber genau darin liegt die Stärke: Hier wird gerungen, gestritten und am Ende gemeinsam gehandelt.
Was ist mit den Landeskirchen? Noch mehr Chefs?
Jetzt wird’s erst richtig interessant: Die EKD ist ein Zusammenschluss von 20 eigenständigen Landeskirchen. Und jede davon hat ihre eigene Leitung! Das bedeutet: Es gibt Bischöfe, Präsides, Kirchenpräsidenten – je nachdem, wie die Landeskirche das nennt. Aber keiner von ihnen ist „der Boss“ über alle anderen. Sie sind so etwas wie Kapitäne auf verschiedenen Schiffen, die gemeinsam in einer Flotte segeln. Und die EKD hält die Koordination zusammen.
Warum gibt es keinen obersten Chef?
Jetzt fragst du dich vielleicht: Warum macht man sich das Leben so kompliziert? Die Antwort ist faszinierend: Die Reformatoren wie Martin Luther wollten keine zentrale Macht mehr. Sie hatten genug davon, dass einer allein bestimmt. Stattdessen setzten sie auf Gemeinschaft, Diskussion und das Priestertum aller Gläubigen. Das spiegelt sich bis heute im Leitungssystem wider – und ja, manchmal wünschte man sich mehr Klarheit. Aber diese Vielfalt ist die eigentliche Stärke der evangelischen Kirche!
Mein Fazit: Vielfalt statt Einfalt
Also, wenn dich das nächste Mal jemand fragt, wer der „oberste Chef“ der evangelischen Kirche ist, dann kannst du schmunzeln und sagen: Es gibt keinen! Hier regiert die Gemeinschaft, nicht der Einzelne. Klingt manchmal anstrengend, ist aber zutiefst evangelisch – und, ehrlich gesagt, ziemlich modern. Denn wer will schon einen Alleinherrscher? Ich jedenfalls nicht. Und vielleicht du ja auch nicht mehr.
Überlege dir doch mal, wie unsere Gesellschaft aussähe, wenn wir alle ein bisschen mehr Synodalität wagen würden. Wäre das nicht einen Versuch wert?
