Ich erinner mich noch genau – damals mit dem Licht
Bei mir war’s das Licht. In meiner alten Wohnung in Kreuzberg. Im Sommer ’18. Ich hab nachts mindestens zehn Mal kontrolliert, ob das Wohnzimmerlicht aus ist. Nicht, weil ich Angst hatte, Strom zu verschwenden. Nein. Weil ich mir einredete: Wenn es brennt, ist es deine Schuld. Weil du es nicht wirklich ausgemacht hast. Obwohl ich’s ausgemacht hatte. Hundertmal.
Ich hab damals gedacht: Das ist doch nur Stress. Legt sich wieder. Doch es legte sich nicht. Es wurde schlimmer. Irgendwann hab ich meinen Kumpel Moritz angerufen. Der hat Psychologie studiert. Hat gesagt: „Klingt nach Zwangsstörung. Und ja, das ist eine Form von Neurose.“
Aber was heißt denn „Neurose“ heute überhaupt?
Also, ehrlich? Der Begriff nervt mich ein bisschen. Neurose. Klingt so… 80er-Jahre. So Couch, Tränen, Freud. Und irgendwie auch ein bisschen abwertend. „Du bist neurotisch!“ Heißt oft: „Hör auf zu jammern.“
Aber in der Psychiatrie – also richtig – wird der Begriff heute kaum noch benutzt. Stattdessen sagt man: Zwangsstörung (OCD), Angststörung, Zwangshandlungen, obsessive Gedanken. Die ICD-11 (das ist das Klassifikationssystem) spricht von „Störungen des Zwangstyps“. Neurose ist mehr so ein Überbegriff aus früheren Zeiten.
Also: Sind Zwänge Neurosen? Naja. Historisch gesehen: Ja. Heute? Eigentlich nicht mehr so richtig. Aber irgendwie stimmt’s auch wieder. Weil beide Begriffe auf dasselbe hinweisen: Etwas im Kopf, das du nicht loswirst. Auch wenn du willst.
Die Sache mit den Gedanken, die nicht weggehen wollen
Ich hab mal gelesen: Bei Zwängen geht’s nicht um Ordnung. Sondern um Angst. Um Kontrolle. Um das Gefühl: Wenn ich das Ritual nicht mache, passiert was Schlimmes. Ziemlich irrational, klar. Aber für den, der’s hat, total real.
Meine Nachbarin aus der dritten Etage, Frau Hilde – die war mal Therapeutin – hat mal zu mir gesagt: „Die Zwänge sind wie ein falscher Alarm im Gehirn. Der Rauchmelder geht los, obwohl kein Feuer ist. Aber du rennst trotzdem raus.“ Hab ich damals nicht verstanden. Heute? Vollkommen.
Und warum nennt man es dann nicht einfach so?
Genau das frag ich mich auch. Warum sagen Leute: „Bist du neurotisch?“ Statt: „Hast du mit Zwangsgedanken zu tun?“ Vielleicht, weil neurotisch einfacher klingt. Oder weil’s weniger bedrohlich wirkt. Oder weil wir alle ein bisschen komisch sind und uns das lieber nicht eingestehen wollen.
Ich meine – wer von uns hat nicht so seine Macken? Ich checke immer noch zweimal das Licht. Nur nicht mehr zehn Mal. Und ich sag jetzt lieber: Ich hab eine leichte Zwangstendenz, statt: Ich bin neurotisch. Klingt respektvoller. Irgendwie.
Die graue Zone zwischen Marotte und Krankheit
Da ist so eine fließende Grenze. Du weißt nie genau, wo „normal“ aufhört und „Problem“ anfängt. Bei mir war’s, als ich wegen der Lichtkontrolle zu spät zur Arbeit kam. Zweimal in einer Woche. Da hat meine Chefin, die Tanja, gemeint: „Paul, irgendwas stimmt nicht. Sprich mit jemandem.“
Und sie hatte recht. Denn es ging nicht mehr um das Licht. Es ging darum, dass ich dachte: Wenn ich nicht kontrolliere, stirbt jemand. Total überzogen. Aber echt für mich. Und das ist der Punkt: Bei Zwängen glaubt man seine eigenen Gedanken – und kann nichts dagegen tun.
Therapie? Ja, aber nicht so, wie du denkst
Ich war erst skeptisch. Hab gedacht: „Ein Therapeut wird mir doch nicht sagen können, wie ich aufhöre, das Licht zu kontrollieren.“ Doch. Kann er. Oder sie. Bei mir war’s eine Frau, Dr. Behrendt, in Neukölln. Sie hat was gesagt, das ich nie vergessen werde: „Wir werden das Licht nicht ausschalten. Wir werden es dir erlauben, dran zu zweifeln.“
Klingt komisch, oder? Aber es hat funktioniert. Langsam. Mit Exposition. Mit Achtsamkeit. Mit Selbstgesprächen wie: Ja, vielleicht brennt es. Aber ich lebe auch mit dem Zweifel. Heute checke ich noch. Aber ich darf zweifeln. Und das ist schon viel.
Zurück zur Frage: Sind Zwänge Neurosen?
Ehrlich? Ich würde heute sagen: Sie waren es mal. In der alten Psychiatrie – ja. Freud, Jung, all die Klassiker – die haben unter Neurose alles gesammelt, was psychisch belastet, ohne dass man „verrückt“ ist. Heute trennt man genauer. Zwänge sind keine Depression. Keine Psychose. Aber auch keine Marotte.
Sie sind eine eigenständige Störung. Mit neurobiologischen Grundlagen. Mit genetischen Komponenten. Und mit Therapieerfolgen. Aber – und das ist wichtig – sie fühlen sich für den Betroffenen oft an wie eine innere Not. Wie ein Zwang, der dich kappt von dir selbst.
Also: Neurose? Vielleicht im übertragenen Sinn. Als Sammelbegriff für seelische Unruhe. Aber diagnostisch? Heute sagt man: Zwangsstörung. Punkt.
Aber hey – du musst das nicht benennen, um es zu fühlen
Ich mein – egal, ob du’s Neurose nennst oder OCD oder einfach nur „diesen komischen Druck im Kopf“ – das Gefühl bleibt dasselbe. Und das Wichtigste ist doch: Du bist nicht allein. Und es gibt Hilfe. Keine Magie. Aber Fortschritt.
Letzten Sommer war ich übrigens in Prag. Hab im Hotel übernachtet. Ging ins Bett. Und dachte: Hab ich die Tür abgeschlossen? Bin nicht zurückgegangen. Hab gezittert. Aber bin liegen geblieben. Und weißt du was? Nichts ist passiert.
Manchmal ist das schon genug.
