Was heißt denn überhaupt „cholerisch“?
Also, zuerst mal kurz geklärt: „Cholerisch“ ist nicht einfach nur jemand, der mal laut wird. Nein, das kommt ursprünglich aus der alten Humoraltheorie – ja, aus der Antike, glaub’s kaum. Da dachte man, der Körper hat vier Säfte, und wenn die Galle (also die „Chole“) überwiegt, wird man eben hitzig, reizbar, schnell wütend.
Heute bedeutet „cholerisch“ meistens: temperamentvoll, impulsiv, direkt – manchmal fast schon explosiv. Und ja, manchmal auch ein bisschen dramatisch. Aber nicht böse. Zumindest nicht immer.
Aber hängen sie wirklich nach?
Hier kommt’s drauf an. Also, aus meiner Erfahrung – und ja, ich kenn ein paar solche Typen – ist es so: Die Wut kommt schnell, aber sie geht auch schnell. Oder? Eigentlich schon. Ein echter Choleriker – der regt sich richtig auf, schreit vielleicht, schlägt auf den Tisch – aber nach zehn Minuten ist’s vorbei. Er hat’s rausgelassen. Ende.
Anders als jemand, der still vor sich hin grübelt, lange nachkocht, jeden Fehler speichert wie ein Cloud-Server. Das ist dann eher der passive Typ – der ist nachtragender, glaub ich. Aber der Choleriker? Der ist mehr wie ein Gewitter: kurz, heftig, aber danach ist die Luft wieder rein.
Aber manchmal doch nicht?
Okay, warte. Ich muss mich korrigieren. Meine Schwester Julia – die ist cholerisch, keine Frage. Letztes Jahr hat ihre Freundin Lisa ihr beim Geburtstag vergessen, auch nur „Happy Birthday“ zu sagen. Nix. Kein Anruf, nix. Und Julia war stinksauer. Hat nichts gesagt. Hat gelächelt. Aber drei Monate später hat sie Lisa auf einer Party vorsichtig geschnitten. Also, nicht direkt, aber so… kalt. Distanziert. „Ach, du warst auch hier?“ – so dieser Ton.
Da hab ich gedacht: Moment, ist das jetzt Nachtruhe… oder nachtragen?
Vielleicht kommt’s auf die Wunde an
Weil eigentlich – wenn’s um Kleinigkeiten geht, um verschüttete Cola oder verpasste Parkplätze, dann ist der Choleriker meist schon am nächsten Tag drüber weg. Aber wenn es um Respekt geht? Um Anerkennung? Um Loyalität? Dann kann auch ein scheinbar „heißer“ Typ plötzlich ganz kalt werden.
Und das ist das Interessante: Vielleicht ist es nicht die Art der Wut, sondern die Tiefe der Kränkung. Und manchmal merken sie’s selbst nicht – aber sie speichern ab. Und wenn dann wieder was kommt, bricht alles raus. Nicht weil sie nachtragend sind, sondern weil sie’s nie wirklich verarbeitet haben.
Wie bei meinem Onkel Klaus
Der war so ein Typ – immer laut, immer mittendrin, immer Chef. Aber nachdem sein Bruder vor 15 Jahren nicht zu seiner Hochzeit kam, hat er kein Wort mehr mit ihm gesprochen. 15 Jahre! Und jeder dachte: Ach, das war doch nur ein blöder Streit. Aber nein. Für ihn war’s ein Bruch. Ein Verrat.
Und als ich mal fragte: „Onkel Klaus, willst du das nicht mal klären?“, hat er nur gesagt: „Ich hab’s längst vergessen.“ – aber sein Gesicht… das hat was anderes gesagt.
Also doch nachtragend?
Ich glaub, man muss unterscheiden. Nicht alle Choleriker sind gleich. Und nicht jede Wut ist gleich tief.
Einige sind wirklich nur kurz laut – und danach ist Frieden. Andere? Bei denen ist die Wut nur die Oberfläche. Und darunter brodelt was anderes: Verletztheit. Gefühlte Demütigung. Das Gefühl, nicht gesehen zu werden.
Und dann – ja, dann können sie nachtragend sein. Vielleicht sogar besonders. Weil sie’s nicht aussprechen, weil sie denken: „Ich zeig keine Schwäche“, aber innerlich heften sie jeden Fehler ab wie Sammelkarten.
Du kennst das doch auch, oder?
Ich mein, wer hat nicht schon mal jemanden gehabt, der immer sofort reagiert – aber irgendwie doch nie ganz loslässt? Der immer wieder kleine Spitzen einbaut, Jahre später? „Ach ja, genau wie damals, als du wieder zu spät warst“ – so was eben.
Das ist dann nicht mehr Wut. Das ist Erinnerung. Mit Gift drin.
Wie geht man damit um?
Ehrlich? Ich glaub, der Schlüssel ist: Rede mit ihnen. Nicht während sie hochgehen – da ist es zu spät. Aber danach. Frag: „War das jetzt nur die Cola, oder war’s irgendwas anderes?“
Weil oft ist die Wut nur das Deckmäntelchen für was anderes. Und wenn du das siehst, kannst du besser verstehen. Und vielleicht auch verzeihen. Oder zumindest begreifen.
Mein Tipp aus der Praxis: Lass sie toben. Aber lass dich nicht verletzen. Und wenn die Ruhe kommt – frag nach. Nicht vorwurfsvoll. Einfach echt interessiert.
Zum Schluss – und das meine ich so
Choleriker sind nicht automatisch nachtragend. Aber sie können es sein. Besonders, wenn sie stolz sind. Wenn sie verletzt wurden und nicht zeigen wollten, dass es weh tut.
Und das ist eigentlich traurig. Weil sie dann lieber wütend bleiben, als zuzugeben: „Ich war verletzt.“
Also ja – manchmal hängen sie nach. Nicht weil sie wollen. Sondern weil sie nicht anders können.
Weißt du, was ich noch denke? Dass wir alle ein bisschen cholerisch sein können. Und dass wir alle mal nachtragend waren. Vielleicht ist es weniger eine Charaktersache – und mehr eine menschliche.
Hast du auch so jemanden in deinem Leben? Der immer sofort ausrastet, aber irgendwie auch nie vergisst?
