Erstmal: Das ist völlig normal
Weißt du, was mir früher immer gesagt wurde? Dass ich was wissen muss. Mit 18: Studium oder Ausbildung? Mit 25: Karriere oder Auszeit? Mit 30: Haus oder Weltreise? Und jedes Mal hab ich gedacht: Oh Gott, ich hab keine Ahnung! Und dann dieses Schamgefühl, als wäre ich der Einzige, der das nicht checkt.
Aber neulich hab ich mit einer Freundin gesprochen – Lena, du kennst sie nicht, aber sie ist so eine, die immer alles unter Kontrolle hat, oder zumindest so tut. Und sie sagt: „Mann, ich hab letztes Jahr meinen Job gekündigt, weil ich einfach nicht mehr wusste, warum ich das überhaupt mache.“ Und ich dachte: Oh. Also nicht nur ich.
Warum ist das so schwer?
Ich glaube, das Problem ist nicht, dass wir nichts wollen. Sondern dass wir denken, wir müssten große Entscheidungen treffen. Karriere. Liebe. Sinn des Lebens. Und dann stehen wir da wie vor nem Berg, den wir allein hochklettern müssen. Aber eigentlich geht’s erstmal nur darum: Was fühlt sich gerade ein kleines bisschen richtig an?
Ich hab mal einen Psychologen gehört, der sagte: „Wenn du nicht weißt, was du willst, fang damit an, was du nicht willst.“ Klingt blöd, is’ aber irgendwie hilfreich. Weil es einfacher ist, Dinge auszuschließen. Zum Beispiel: Ich will nicht jeden Tag im Büro sitzen und mich leer fühlen. Ich will nicht ständig müde sein. Ich will nicht ständig an was denken, das mich nervt.
Probiere einfach was aus – auch wenn’s doof ist
Letztes Jahr, als ich meinen alten Job verlassen hab, wusste ich wirklich gar nichts. Null Plan. Also hab ich was total Albernes gemacht: Ich hab eine Liste gemacht. Mit Sachen, die ich als Kind mochte. Also: Schwimmen, Comics lesen, im Wald rumlaufen, Musik hören – richtig laut. Und dann hab ich einfach eine Sache pro Woche ausprobiert. Nicht perfekt, nicht tiefgründig. Nur: mach mal.
Ich war zum Beispiel im Freibad. Total peinlich, eigentlich – 32, alleine, mit Badehose und Müsliriegel in der Tasche. Aber weißt du was? Es hat Spaß gemacht. Und danach hab ich gemerkt: Ach, ich mag Wasser. Und Ruhe. Und Sonne. Und das hat gereicht. Für den Moment.
Kleine Schritte, keine Offenbarung
Ich glaube, wir warten alle auf so einen Aha-Moment. Dass der Himmel aufreißt, Engel singen und plötzlich alles klar ist. Aber so läuft das nicht. Bei mir war’s eher so: Ein kleiner Funke hier, ein Gefühl da, ein Satz von jemandem, den ich zufällig traf. „Du erzählst echt leidenschaftlich von Fotografie“, hat mal ein Kollege gesagt. Und ich dachte: Äh, ja? Hab ich gar nicht gemerkt.
Also hab ich mir eine alte Kamera von meinem Onkel geliehen – die aus den 2000ern, mit Knöpfen, die klicken. Und hab einfach losgeknipst. Scheiße war das erste Bild. Und das zweite. Aber das fünfte – das war irgendwie okay. Und ich hab gemerkt: Das macht mir Spaß. Nicht weil ich gut bin. Sondern weil es mir was gibt.
Manchmal muss man auch nichts tun
Das ist das Schwierigste: Nichts tun dürfen. Kein Ziel, kein Plan, einfach nur da sein. Ich hab das lange nicht gekonnt. Immer dieses Gefühl: Ich muss produktiv sein. Ich muss vorankommen. Aber was, wenn das Vorankommen gerade nichts tun ist?
Als ich letztes Jahr drei Wochen bei meiner Schwester in Österreich war – keine Arbeit, kein Druck – da hab ich eigentlich nur rumgehangen. Kaffee getrunken, mit ihrem Hund Gassi, ein Buch gelesen, das ich nie zu Ende gebracht hab. Und nach ein paar Tagen war da so ein Gefühl: Oh. Ich bin irgendwie ruhiger. Nicht weil ich was herausgefunden hab. Sondern weil ich endlich aufgehört hab, mich zu hetzen.
Das Wichtigste: Sei nicht so streng mit dir
Ehrlich gesagt – ich hab immer noch keine Ahnung, was ich wirklich will. Im Großen, im Ganzen. Aber das ist irgendwie okay geworden. Weil ich gemerkt hab: Es geht nicht darum, alles zu wissen. Sondern darum, offen zu sein. Für kleine Momente. Für Fehler. Für das, was sich einfach gut anfühlt – auch wenn’s keinen Sinn ergibt.
Und wenn du jetzt da sitzt, mit deinem Kaffee, und denkst: Ich hab keinen Plan – dann sag dir: Das ist in Ordnung. Du musst nicht alles wissen. Du musst nur ein bisschen neugierig bleiben. Auf dich. Auf das Leben. Auf die doofen, schönen, unerwarteten Dinge, die einfach passieren.
Weißt du was? Vielleicht ist das ja schon ein Anfang.
