Woher kommt dieses „Schesa“ eigentlich?
Also, ich selbst bin kein Berliner, kam vor ein paar Jahren aus dem Süden – aus Freiburg, um genau zu sein – und das erste Mal, als ich „Schesa“ hörte, dachte ich echt, sie reden über eine Pizza. Schesawurst? Schesame? Keine Ahnung. Total verwirrt. Hab dann erstmal googlen müssen, weil ich nicht blöd dastehen wollte.
Und tatsächlich: „Schesa“ ist eine Abkürzung. Kommt von „Chef“, und zwar im Sinne von „Alter, du bist mein Chef“ – also so was wie „Bruder“, „Kumpel“, „Freund“. Klingt komisch, oder? Aber wenn du’s mal gehört hast, wird’s ganz natürlich. Aus „Chef“ wird im Berliner Dialekt oft „Chefa“, und aus „Chefa“ wird dann halt „Schesa“. Mundart eben.
So benutzt man’s im Alltag
Stell dir vor: Du triffst einen Kumpel an der U-Bahn-Station. Der ruft: „Ey, Schesa! Lang nicht gesehen!“ – das ist einfach eine lockere, kumpelhafte Ansprache. Nicht respektlos, nicht übertrieben frech, eher so… warmherzig auf laute Art.
Ich hab’s das erste Mal live erlebt, als ich mit meinem Mitbewohner, dem Tom, in einer Späti war. Der Verkäufer, so ein Typ mit dicken Goldkettchen und Basecap schief auf dem Kopf, sagt zu Tom: „Na, Schesa, wie läuft’s? Alles im grünen Bereich?“ Und Tom, total relaxed: „Klaro, Schesa, alles gut.“ Ich stand daneben wie der Ochs vorm Berg. Hatte echt keine Ahnung, dass das jetzt eine Begrüßung war oder ein Code oder was auch immer.
Später hat Tom mir erklärt: „Das ist einfach nett gemeint. So wie ‚Alter‘ oder ‚Bro‘. Nur eben Berlin.“
Nicht überall verstanden – aber typisch Stadt
Interessant ist, dass das Wort fast nur in Berlin so richtig lebt. In Hamburg sagt man vielleicht „Moin, Alter“, in Köln „Salam“, in München „Grüß dich“ – aber „Schesa“? Fehlanzeige. Das ist ein echter Berliner Tick. Und ehrlich gesagt, ich find’s mittlerweile irgendwie sympathisch. Hat Charakter. Klingt ein bisschen rau, ist aber meistens total freundlich gemeint.
Ich hab’s dann selbst mal ausprobiert, zugegeben – etwas holprig. War wieder in der Späti, hab zum Verkäufer gesagt: „Äh… na, Schesa, schönes Wetter heute.“ Er hat mich erst komisch angeguckt, dann gelacht. „Du bist neu hier, oder?“ Ja, war ich. Aber hey, versucht hab ich’s.
Kann man „Schesa“ einfach so sagen?
Das ist so eine Sache. Sprachlich ist es kein Tabu, klar. Aber es hat so einen gewissen… Ur-Berliner-Vibe. Wenn du als Zugezogener oder Tourist anfängst, ständig „Schesa“ zu rufen, wirkt’s schnell aufgesetzt. Wie wenn du versuchst, Hip-Hop zu sprechen, ohne je im Block gewesen zu sein. Weißt du, was ich meine?
Ich würde sagen: Lass es natürlich kommen. Hör erstmal zu, wer wie redet. Wenn du merkst, dass die Leute das benutzen, kannst du’s vorsichtig nachahmen. Vielleicht mit einem Lächeln, damit klar ist: Ich mein’s gut, ich will nicht angeben.
Übrigens: Manche sagen auch „Schese“ statt „Schesa“. Oder „Scheso“. Glaub ich zumindest. Hab’s mal gehört, kann aber sein, dass das nur ein Dialekt-Variante war. Egal – Hauptsache, du kommst klar.
Warum gerade „Chef“?
Das fand ich am Anfang total merkwürdig. Warum nennt man sich gegenseitig „Chef“? Klingt doch fast wie im Büro. Chef hier, Chef da. Aber eigentlich ist’s genau das Gegenteil: Es ist ironisch. Fast schon zärtlich. So wie wenn du zu deinem besten Kumpel sagst: „Du bist der Boss“, ohne dass es ernst gemeint ist.
In manchen Jugendkulturen, besonders im Hip-Hop-Umfeld, wird „Chef“ schon lange als Respektbezeichnung unter Freunden benutzt. Und in Berlin hat’s dann halt diese dialektale Wendung genommen. Aus „Chef“ wird „Chefa“, und weil „ch“ oft zu „sch“ wird im Dialekt („Chips“ wird zu „Schips“), wird aus „Chefa“ irgendwann „Schesa“. Sprachentwicklung in Echtzeit.
Und was, wenn man’s falsch benutzt?
Passiert. Ist mir passiert. Ich hab mal zu einer älteren Frau im Supermarkt gesagt: „Na, Schesa, wo sind denn hier die Nudeln?“ Sie hat mich angeguckt, als hätte ich was Furchtbares gesagt. Hat nichts erwidert, nur genickt und schnell weggesehen. War mir mega peinlich.
Also: Vorsicht bei älteren Leuten oder formellen Situationen. „Schesa“ ist eher was für junge Leute, für den Straßenkontext, für lässige Treffen. Nicht für die Bank oder die Behörde. Da sag lieber „Guten Tag“.
Fazit: „Schesa“ ist mehr als nur ein Wort
Letztlich geht’s nicht nur um die Bedeutung, sondern um die Haltung. „Schesa“ ist ein Stück Berlin. Ein bisschen rebellisch, ein bisschen frech, aber meistens mit Herz. Es sagt: Ich sehe dich, ich kenne dich, wir sind auf einer Wellenlänge.
Wenn du’s also mal hörst, musst du nicht gleich den Duden rausholen. Atme tief durch, lächle – und wenn du magst, sag einfach zurück: „Ey, Schesa.“ Vielleicht klappt’s beim zweiten Mal besser. Oder auch nicht. Aber was soll’s, hauptsache, du bist dabei.
Weißt du was? Ich glaub, ich mag dieses Wort mittlerweile. Klingt nach Stadt, nach Leben, nach Leuten, die sich nicht so ernst nehmen. Und das ist manchmal genau das, was man braucht.
