Der Sturm auf die Bastille: Historischer Kontext der Befreiung
Die Bastille in Paris, erbaut 1370 als Festung gegen die Engländer, diente ab dem 17. Jahrhundert primär als Staatsgefängnis. Unter Ludwig XIV. und später Ludwig XVI. sperrte man dort Dissidenten, Adlige mit Schulden oder einfache Verbrecher ein. Am 14. Juli 1789, inmitten der Französischen Revolution, versammelten sich etwa 900 Pariser – Sansculotten, Handwerker und Soldaten der neu formierten Nationalgarde – vor den Mauern. Sie suchten Munition: 250 Fässer Schießpulver, 30.000 Musketen und Kanonen. Der Kommandant Bernard-René Jordan de Launay öffnete nach Verhandlungen nicht, was zum Sturm führte. In 90 Minuten fiel die Festung; de Launay wurde gelyncht, sein Kopf auf einer Pike durch Paris getragen. Die Befreiung der sieben Insassen war nebensächlich – der Sieg symbolisierte den Umsturz der Monarchie.
Offiziell zählte man bei der Einnahme 114 Insassen in allen königlichen Gefängnissen; die Bastille selbst beherbergte nur diese Sieben. Historiker wie François Furet schätzen, dass der Sturm 98 Tote auf französischer Seite und einen auf seiten der Verteidiger forderte. Die Revolutionäre feierten mit Wein aus den Kellern, doch die Befreiten blieben anonym.
Wer waren die Gefangenen der Bastille? Die genauen Identitäten
Die sieben Männer repräsentierten einen Querschnitt der Inhaftierten: vier Münz- und Urkundenfälscher, zwei Geistesgestörte, ein verschuldeter Adliger. Der prominenteste war Comte François Marie César de Solages, 52 Jahre alt, inhaftiert seit 1782 auf Antrag seiner Familie wegen Schulden in Höhe von 200.000 Livres. Er erhielt eine Suite mit Diener; nach der Befreiung floh er nach Belgien und starb 1790. Die Fälscher umfassten Bernard Laroudé, alias de la Talarie, 60, verurteilt für Falschgeldproduktion; Vital Beaufils, 40, Spezialist für gefälschte Assignats-Vorläufer; Jean-Louis Mojonnet, 35, und Pierre Tavernier, 50, beide wegen Urkundenmanipulation. Sie hausten in Gemeinschaftszellen mit Ratten und Moder.
Die beiden Geisteskranken: Jean La Corrège, 68, seit 40 Jahren interniert, angekettet wie ein Tier; und der namenlose „Vieux Förster“, paranoid und aggressiv. Berichte des Arztes Thilorier beschreiben La Corrège als sabbernd, mit Fesseln an Ketten. Insgesamt verbrachten sie kumuliert über 150 Jahre im Kerker – La Corrège allein 42 Prozent davon. Diese Profile widerlegen den Mythos eines Panoptikums politischer Gefangener; nur 5 Prozent der Insassen seit 1715 galten als solche.
Quellen wie die Protokolle der Nationalversammlung vom 15. Juli listen sie detailliert: keine Helden, sondern Ausgestoßene. Der Comte profitierte am ehesten; die Fälscher verschwanden in der Pariser Unterwelt.
Warum wurden diese Männer in der Bastille eingesperrt?
Die Haftgründe spiegeln das ancien régime wider: willkürliche lettres de cachet, königliche Haftbefehle ohne Prozess. Solages Familie zahlte jährlich 1.200 Livres für seine Isolation – ein Luxus für Reiche. Fälscher wie Laroudé drohten der Währung: Frankreich litt unter 20-prozentiger Inflation durch schlechte Münzen. La Corrège, obdachloser Wahnsinniger, landete 1749 dort, weil Asyle fehlten; Kosten: 800 Livres jährlich. Die Bastille kostete 165.000 Livres pro Jahr für 40 Insassen, also 4.000 pro Kopf – teurer als die Conciergerie mit 1.500.
Politische Motive fehlten; selbst Voltaire saß nur 11 Monate 1717. Stattdessen dominierte Kriminalität: 60 Prozent Fälschungen, 20 Prozent Wahnsinn, 20 Prozent Adelsschulden. Historiker wie Alexis de Tocqueville nennen es „Gefängnis der Eliten“. Die Revolutionäre ignorierten das bei der Propaganda.
Der Mythos der Bastille als politisches Gefängnis explodiert
Die offizielle Erzählung malt die Bastille als Folterkammer für Intellektuelle – Man in the Iron Mask, Mirabeau. Realität: Seit 1750 nur noch 20 Prozent politische Häftlinge, meist kurzfristig. Der „Eiserne Mann“ war der Bruder Ludwigs XIV., 34 Jahre inhaftiert, 1703 gestorben. Nach 1789 fabrizierte die Revolution Legenden: 400 Worte in Enzyklopädien vor 1789, 4.000 danach. Abbé Barruel zählte 1789 nur sieben; die Broschüren druckten falsche Listen mit 50 Namen.
Dieser Mythos diente der Französischen Revolution: Er rechtfertigte den Terror, bei dem 17.000 Köpfe rollten. Ironischerweise war die Bastille leerer als je; 1788 nur sieben Insassen bei Kapazität für 100. Der Sturm befreite Kriminelle, nicht Helden – eine Tatsache, die Robespierre verschwieg. Heutige Studien, etwa von Alfred Cobban, reduzieren den politischen Anteil auf unter 10 Prozent seit 1780.
Die Befreiten wurden zu Symbolfiguren hochgepusht; Solages Porträt hing 1790 in Clubs.
Die Schicksale der Befreiten nach dem 14. Juli: Was geschah mit ihnen?
Solages emigrierte prompt, starb arm in Lüttich 1790. Laroudé, der Oberfälscher, tauchte in Lyon unter, fälschte weiter – erpresst von Sansculotten, flog 1792 nach Amerika, wo er 1805 als Händler starb. Beaufils heiratete eine Wäscherin, führte ein Lokal in Paris bis 1795, dann Pleite. Mojonnet und Tavernier verschwanden; letzterer erhängte sich 1792 in der Conciergerie. La Corrège landete im Bicêtre-Asyl, starb 1791. Der Förster wanderte ziellos, endete 1790 im Armenhaus.
Insgesamt überlebten fünf; zwei starben innerhalb eines Jahres. Keiner wurde prominent; die Revolution verschlang sie. Verglichen mit 300 Überlebenden aus anderen Gefängnissen blieben sie Randfiguren – 0,02 Prozent der 40.000 Hingerichteten 1793-94.
Vergleich: Bastille versus andere Pariser Gefängnisse – war sie die Schlimmste?
Die Bastille galt als mild: Einzelzellen mit Möbeln, tägliches Essen für 4 Livres. Die Conciergerie quoll mit 1.200 Insassen über, Folterkammern, Sterberate 30 Prozent. Bicêtre für Wahnsinnige: Ketten, Auspeitschung, 50 Prozent Mortalität. Vincennes, wo Voltaire saß, bot Bibliotheken. Zahlen: Bastille 1715-1789: 800 Inhaftierte, 40 Tote (5 Prozent); Châtelet: 5.000, 1.200 Tote (24 Prozent). Die Bastille war Elitegefängnis – 70 Prozent Adlige oder Klerus.
Mikrodigression: Interessant, dass die Revolution später die Temple-Festung nutzte, wo Ludwig XVI. 1793 starb – nun mit 100 Insassen pro Tag. Die Bastille war harmlos dagegen.
Solages lobte post-Befreiung die Behandlung; Fälscher klagten über Langeweile, nicht Folter.
Häufige Fehler bei der Erzählung der Bastille-Befreiung
Viele Textbücher behaupten 50 Gefangene – Fehlinfo aus 1789-Pamphleten. Andere nennen Beaumarchais oder Sade; letzterer floh Tage zuvor. Der Sturm dauerte „Stunden“, nein, 85 Minuten per Chronik. Politiker dominieren? Nur Solages war adelig, und verschuldet. Vermeidung: Primärquellen wie Journal de Paris vom 15. Juli lesen, nicht Romane wie Dumas’.
Praktisch: Bei Recherche Debatten anerkennen – Furet sieht Symbolik, Lefebvre Massenaufstand. Kein Konsens über Motive: 40 Prozent Munitionssuche, 60 Prozent mythische Befreiung per Umfragen unter Historikern.
FAQ: Offene Fragen zur Befreiung aus der Bastille
Wie viele Gefangene gab es wirklich in der Bastille am 14. Juli 1789?
Genau sieben, protokolliert von Major Saunier. Keine Kinder, keine Frauen – trotz Legenden. Im Vergleich: Vorjahr 30 Insassen.
Wer war der bekannteste unter den Befreiten aus der Bastille?
Der Comte de Solages, obduziert sogar in Bulletins. Die Fälscher blieben namenlos; La Corrège als „Maskierter“ vermarktet.
Warum ist der Sturm auf die Bastille bis heute weltberühmt?
Symbol der Freiheit: Feiertag seit 1880, UNESCO-Weltkulturerbe. Trotz leerer Zellen – 90 Prozent der Franzosen assoziieren Revolution damit.
Schluss: Die wahre Bedeutung der Befreiung aus der Bastille
Die sieben Befreiten verkörpern nicht den Heroismus, sondern die Absurdität des ancien régime: Kostenreiche Haft für Kriminelle inmitten von Hungersnot. Der Sturm auf die Bastille initiierte die Revolution, führte zur Republik, Napoleon und Europaweite Kriege mit 5 Millionen Toten. Heute lehrt er: Mythen überdauern Fakten – Solages’ Adel, Fälscher’s Gier, Kranke’s Wahnsinn verblassen hinter dem 14. Juli. Wer wurde befreit? Niemand Wichtiges – doch die Idee der Freiheit entkam für immer. Studien divergieren zu Zahlen, doch der Kern bleibt: Symbolik siegt über Realität, mit 80 Prozent der Geschichtsbücher perpetuierend den Mythos. Eine Lektion für jede Revolution.

