Die Antwort liegt in der Dramaturgie des Spiels. Ein 170er-Finish ist wie ein plötzlicher Knockout im Boxen. Man ist noch weit weg vom Ziel, der Gegner fühlt sich sicher, und plötzlich – bumm – ist das Leg vorbei. Es ist die perfekte Symbiose aus mathematischer Notwendigkeit und technischer Brillanz, die diesen Wurf zum begehrtesten Kunststück im modernen Dartsport macht.
Die Mechanik des Unmöglichen: Warum wir den 170er Check-out so verehren
Wenn man sich die Geometrie eines Dartboards ansieht, wird schnell klar, warum der Big Fish so eine Herausforderung darstellt. Die Triple-20 ist das am häufigsten anvisierte Feld, das ist klar. Aber der Wechsel von der vertikalen Dominanz am oberen Rand des Boards hin zum winzigen Punkt in der Mitte erfordert eine motorische Anpassung, die unter Druck oft misslingt. Die Sache ist die: Viele Spieler können die 60 blind werfen, aber das Bullseye ist ein ganz anderes Tier.
Die mathematische Eleganz der Triple-20
Zweimal die Triple-20 zu treffen, bedeutet, 120 Punkte mit zwei Darts zu erzielen. Das lässt exakt 50 Punkte übrig. Mathematisch gibt es keinen anderen Weg, um von 170 auf Null zu kommen. Während man bei einem 161er Finish noch variieren könnte (T20, T17, Bull), gibt es beim Big Fish keine Ausreden und keine Alternativen. Man ist gezwungen, den riskantesten Weg zu gehen. Das ist genau der Punkt, an dem viele Amateure nervös werden. Wer die ersten beiden Darts in der Triple-20 versenkt, spürt plötzlich dieses Kribbeln in den Fingerspitzen, das den dritten Dart oft Zentimeter am Bullseye vorbeisegeln lässt.
Das Bullseye als finaler Akt
Das Bullseye hat im Dartsport eine fast mystische Bedeutung. Es ist das kleinste Feld, das regelmäßig für Finishes genutzt wird, und es verzeiht keinen Millimeter Abweichung. Beim 170er ist es nicht nur ein Doppel, es ist das einzige Feld, das den Fisch "an Land zieht". Ich finde dieses Finish deshalb so faszinierend, weil es den Rhythmus des Wurfs komplett bricht. Man bleibt nicht im "Flow" der oberen Boardhälfte, sondern muss den Armwinkel und die Flugparabel für den letzten Pfeil minimal, aber entscheidend verändern.
Wer hat den Fisch erfunden? Eine Spurensuche in den Pubs von London
Woher der Begriff "Big Fish" genau kommt, lässt sich heute kaum noch mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, da die Geschichte des Darts eher in verrauchten Pubs als in Geschichtsbüchern geschrieben wurde. Es ist jedoch eine wunderbare Metapher aus der Anglersprache. Einen großen Fisch zu fangen, erfordert Geduld, Geschick und ein bisschen Glück im richtigen Moment. In den 1980er Jahren, als Darts durch Legenden wie Eric Bristow und Jocky Wilson im Fernsehen populär wurde, begannen Kommentatoren, diese Bezeichnung zu etablieren.
Interessanterweise ist der Begriff international fast identisch. Ob in Deutschland, England oder den Niederlanden – jeder weiß sofort, was gemeint ist, wenn der Caller "One Hundred and Seventy" brüllt. Es ist eine universelle Sprache der Bewunderung. Und seien wir ehrlich: Es klingt auch einfach viel cooler, als trocken von einem "Maximum Checkout" zu sprechen. Der Name verleiht der rein technischen Leistung eine emotionale Komponente, die den Zuschauer sofort packt.
Big Fish vs. 9-Darter: Welches Kunststück wiegt schwerer?
Hier scheiden sich die Geister, und ich nehme dazu eine klare Position ein: Der 9-Darter ist die perfekte sportliche Leistung, aber der Big Fish ist der größere psychologische Schlag. Ein 9-Darter kündigt sich an. Man sieht die ersten beiden 180er und weiß, was kommen könnte. Der Big Fish hingegen kommt oft aus dem Nichts. Er ist der ultimative Raubüberfall auf den sicher geglaubten Leg-Gewinn des Gegners.
Die psychologische Barriere der 170
Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf 40 Punkten Rest. Ein Dart in die Doppel-20 und Sie haben gewonnen. Ihr Gegner steht auf 170. Sie fühlen sich sicher. Dann fliegen die Darts. T20. T20. Die Halle wird still. Und dann schlägt der dritte Dart im Bullseye ein. Das macht etwas mit der Psyche eines Spielers. Es ist frustrierend und bewundernswert zugleich. Während ein 9-Darter oft mit Applaus des Gegners quittiert wird, hinterlässt ein 170er oft fassungslose Gesichter. Man fühlt sich schlichtweg bestohlen.
Die statistische Wahrscheinlichkeit im Profi-Zirkus
Bei der PDC World Darts Championship sehen wir jedes Jahr Dutzende von 170er Finishes, aber nur eine Handvoll 9-Darter. Das liegt natürlich an der Anzahl der Versuche. Ein Spieler bekommt fast in jedem zweiten Leg die Chance, ein hohes Finish zu probieren, während die Chance auf einen 9-Darter schon nach dem ersten Dart, der nicht in der Triple-20 landet, vorbei ist. Dennoch bleibt die Quote beim Bullseye-Wurf auch für Profis tückisch. Statistiken zeigen, dass selbst die Top 10 der Welt das Bullseye nach zwei Triple-20ern nur in etwa 25 bis 30 Prozent der Fälle treffen. Das ist weit weg von einer Gewissheit.
Wie Sie den Big Fish fangen: Trainingstipps für ambitionierte Amateure
Wollen Sie selbst einmal den 170er auschecken? Es ist nicht nur eine Frage des Talents, sondern vor allem der Routine. Die meisten Spieler scheitern nicht an der Technik, sondern am Kopf. Wenn Sie auf 170 stehen, denken Sie wahrscheinlich: "Ach, das schaffe ich eh nicht, ich stelle mir lieber einen guten Restwert." Das ist der erste Fehler. Wer den Big Fish fangen will, muss daran glauben, dass er es kann.
Ein effektives Training beginnt damit, die Triple-20 zu isolieren. Werfen Sie nicht wahllos auf das Board. Trainieren Sie gezielt die Sequenz. Ein beliebter Drill ist es, zwei Darts in die T20 zu werfen und den dritten bewusst auf das Bullseye zu ziehen, egal wo die ersten beiden gelandet sind. Es geht darum, das Muskelgedächtnis für diesen spezifischen Weg zu schulen. Und das ist genau der Punkt, wo es knifflig wird: Der Arm muss beim Wechsel zum Bullseye eine flüssige Bewegung beibehalten, ohne zu verkrampfen.
Atemtechnik und Standfestigkeit beim finalen Wurf
Ein kleiner Geheimtipp, der oft unterschätzt wird: Atmen Sie vor dem dritten Dart kurz aus. Viele Spieler halten vor Aufregung die Luft an, was zu winzigen Muskelzuckungen führt. Wenn Sie den zweiten Dart getroffen haben, nehmen Sie sich eine halbe Sekunde mehr Zeit. Fixieren Sie das rote Zentrum. Stellen Sie sich vor, wie der Dart bereits im Board steckt. Klingt nach Esoterik? Vielleicht. Aber im Dartsport ist der Kopf nun mal der wichtigste Muskel. Konzentration ist alles, besonders wenn das restliche Feld Sie auslacht.
Warum scheitern so viele Profis an der Zielgeraden?
Man sieht es immer wieder im Fernsehen: Michael van Gerwen oder Gerwyn Price hämmern zwei Triple-20er ins Board, und der dritte Dart landet meilenweit unter dem Bullseye im grünen Ring oder sogar in der einfachen 25. Warum passiert das? Die Antwort ist oft eine Kombination aus Überhastung und der physikalischen Beschaffenheit der ersten beiden Darts. Wenn die ersten beiden Pfeile so im Board stecken, dass sie die Sicht auf das Bullseye versperren oder den Flugweg einschränken, muss der Spieler seinen Wurf anpassen.
Ein weiterer Faktor ist die sogenannte "Bouncer-Angst". Niemand möchte, dass sein Dart vom Draht abprallt, besonders nicht beim wichtigsten Wurf des Abends. Diese Angst führt dazu, dass der Wurf oft etwas zu vorsichtig ausgeführt wird. Ein Dart braucht aber eine gewisse Geschwindigkeit, um stabil zu fliegen. Wird er "geschoben" statt geworfen, sinkt er zu früh ab. Das Ergebnis ist dann meist die 25 oder die einfache 5 darunter. Es ist ein schmaler Grat zwischen Aggressivität und Präzision.
Die Ausrüstung: Braucht man spezielle Barrels für den 170er?
Es gibt immer wieder Diskussionen darüber, ob dünne Barrels einen Vorteil beim 170er bieten. Die Logik dahinter: Je dünner der Dart, desto mehr Platz ist im Triple-Feld für den zweiten und dritten Pfeil. Das stimmt zwar theoretisch, aber für das Bullseye spielt das kaum eine Rolle, da dort ohnehin nur ein Dart landen muss. Viel wichtiger ist der Grip. Wenn Sie beim Wechsel von der Triple-20 zum Bullseye abrutschen, ist der Fisch weg.
Ich persönlich bin der Meinung, dass das Material oft überbewertet wird. Ein guter Spieler wirft den 170er auch mit Messing-Darts vom Jahrmarkt, wenn er einen guten Tag hat. Dennoch helfen hochwertige Tungsten-Darts (Wolfram) dabei, die Streuung zu minimieren. Wenn Sie 170 Punkte checken wollen, sollten Ihre Darts ein Gewicht haben, mit dem Sie sich absolut sicher fühlen – meist liegt das zwischen 21 und 24 Gramm. Zu leichte Darts flattern bei der langen Distanz zum Bullseye gerne mal weg.
Häufige Mythen rund um das höchste Finish im Dartsport
Es kursieren viele Halbwahrheiten über den Big Fish. Einer der hartnäckigsten Mythen ist, dass man den 170er nur werfen sollte, wenn der Gegner weit zurückliegt. Das ist völliger Unsinn. Im modernen Darts ist Aggressivität der Schlüssel. Wenn Sie die Chance haben, das Leg zu beenden, dann nutzen Sie sie. Es gibt keine "taktische Sicherheit", die besser ist als ein gewonnenes Leg.
Ein weiterer Mythos besagt, dass Linkshänder es schwerer hätten, den 170er zu werfen, weil ihre Wurfbahn den Blick auf das Bullseye anders verdeckt. Auch das lässt sich statistisch nicht belegen. Spieler wie James Wade haben bewiesen, dass die Händigkeit keine Rolle spielt. Wo es wirklich schwierig wird, ist die Blockade durch bereits steckende Darts. Aber das ist ein Problem, das jeden Spieler betrifft, egal mit welcher Hand er wirft.
Häufig gestellte Fragen zum 170er Finish (FAQ)
Gibt es ein höheres Finish als 170?
Nein. Im Standard-Darts (501 Double Out) ist 170 die absolute Obergrenze. Jede Zahl darüber, wie zum Beispiel 171, 174 oder 180, kann nicht mit einem Doppel oder dem Bullseye beendet werden. Wer also 171 Punkte Rest hat, muss sich erst "stellen", um im nächsten Durchgang checken zu können.
Zählt das Bullseye als Doppel?
Ja, im Dartsport wird das Bullseye (der rote Innenkreis) als "Doppel-25" gewertet. Da es 50 Punkte zählt, erfüllt es die Bedingung, ein Leg mit einem Double-Out zu beenden. Der grüne Außenring (Single Bull) zählt hingegen nur 25 Punkte und ist kein gültiges Doppelfeld für das Ende eines Legs.
Wie oft wurde der Big Fish schon im Fernsehen geworfen?
Es sind mittlerweile Tausende Male. In den Anfangszeiten des TV-Darts war es noch eine Sensation, heute gehört es bei großen Turnieren fast zum Standardprogramm. Dennoch verliert der Moment nie seinen Zauber. Die Zuschauer warten förmlich darauf, dass ein Spieler auf der 170 stehen bleibt, um die berühmten "Big Fish"-Schilder hochzuhalten.
Was passiert, wenn ich das Bullseye treffe, aber vorher keine zwei Triple-20er geworfen habe?
Dann haben Sie zwar Punkte erzielt, aber das Leg geht weiter. Wenn Sie zum Beispiel 170 Rest haben und S20, T20, Bullseye werfen, haben Sie nur 130 Punkte erzielt und stehen nun auf 40 Rest. Der "Big Fish" ist nur dann ein solcher, wenn er das Leg beendet.
Das letzte Wort: Ist der Big Fish nur Show oder echte Taktik?
Manche Kritiker behaupten, der Versuch eines 170er Finishes sei oft zu riskant, da man bei einem Fehlschuss auf dem Bullseye oft einen ungünstigen Restwert stehen lässt. Wenn man das Bullseye verfehlt und nur die 25 trifft, bleibt man auf 25 Rest stehen – eine denkbar undankbare Zahl, die man nicht mit einem Dart auschecken kann. Doch ich sage: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Darts ist ein Spiel der Momente und der psychologischen Dominanz.
Der Big Fish ist mehr als nur eine Zahl auf der Anzeigetafel. Er ist ein Statement. Er sagt dem Gegner: "Egal wie gut du spielst, ich kann dieses Spiel jederzeit beenden." In einer Sportart, in der Millimeter über Tausende von Euro entscheiden, ist dieser Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit Gold wert. Also, wenn Sie das nächste Mal auf 170 stehen: Zögern Sie nicht. Visieren Sie die Triple-20 an, atmen Sie tief durch und versuchen Sie, den großen Fisch an Land zu ziehen. Es gibt kaum ein besseres Gefühl in diesem Sport. Und wenn es nicht klappt? Dann war es zumindest ein verdammt guter Versuch, über den man an der Bar noch lange reden kann.
Letztlich bleibt der 170er das, was Darts ausmacht: Ein kurzer Moment der absoluten Perfektion in einer ansonsten chaotischen Welt aus fliegenden Pfeilen und Rechenfehlern. Er ist der Grund, warum wir zuschauen, und der Grund, warum wir selbst immer wieder ans Oche treten. Wahrscheinlich ist es genau diese Mischung aus purer Mathematik und dem unvorhersehbaren menschlichen Faktor, die den Big Fish so unsterblich macht.
