Das Mittelmeer als heimlicher Hotspot der Hai-Populationen
Man sitzt entspannt bei einem Espresso an der Côte d'Azur oder genießt die Sonne auf Mallorca, während nur wenige Kilometer vor der Küste eine Welt existiert, die viele lieber ausblenden würden. Das Mittelmeer ist, man mag es kaum glauben, eines der artenreichsten Gebiete für Haie weltweit, auch wenn die Bestände in den letzten Jahrzehnten massiv unter Druck geraten sind. Die Sache ist die: Das Mittelmeer fungiert als eine Art ökologische Sackgasse und Kinderstube zugleich. Hier leben etwa 47 Haiarten, darunter der Blauhai, der Kurzflossen-Mako und ja, auch der legendäre Große Weiße Hai, der hier historisch gesehen sogar eine eigene, genetisch isolierte Population bildet.
Besonders die Gewässer rund um die Straße von Sizilien und das Ionische Meer gelten als Gebiete, in denen Sichtungen theoretisch am wahrscheinlichsten sind. Das liegt vor allem an den Strömungsverhältnissen und dem Nahrungsangebot. Aber machen wir uns nichts vor, die Chance, beim Schnorcheln im flachen Wasser einem großen Hai zu begegnen, geht gegen null. Die Tiere sind extrem scheu und meiden den Lärm und Trubel der touristischen Zentren. Dennoch bleibt das Mittelmeer statistisch gesehen der Ort in Europa mit der höchsten Artenvielfalt, was paradox ist, wenn man bedenkt, wie überfischt und belastet dieses Binnenmeer eigentlich ist.
Warum die Adria für den Weißen Hai so attraktiv bleibt
Es gibt Regionen, über die spricht die Tourismusindustrie nicht gerne, und die nördliche Adria gehört dazu, wenn es um das Thema Haie geht. Historische Aufzeichnungen zeigen, dass die Gewässer vor Kroatien und Italien früher regelmäßig Schauplatz für Begegnungen mit dem Weißen Hai waren. Warum? Weil die Adria flach ist und früher gigantische Thunfischschwärme beherbergte, die den Haien als Hauptnahrungsquelle dienten. Ich bin davon überzeugt, dass die Adria auch heute noch eine unterschätzte Rolle spielt, vor allem als potenzielles Aufzuchtgebiet.
Obwohl die Sichtungen seltener geworden sind, tauchen immer wieder Berichte auf, die belegen, dass die großen Jäger noch da sind. Es ist kein Zufall, dass gerade in diesen Gewässern in der Vergangenheit Angriffe dokumentiert wurden, auch wenn diese im Vergleich zu den USA oder Australien verschwindend gering ausfallen. Das Wasser hier bietet im Sommer ideale Temperaturen, und die tiefen Gräben im Süden der Adria dienen als Rückzugsort für Arten wie den Nachtshark oder verschiedene Tiefseehaie, die kaum ein Mensch je zu Gesicht bekommt.
Die Rolle der Wassertemperatur in der Straße von Messina
Die Straße von Messina, diese schmale Meerenge zwischen Kalabrien und Sizilien, ist ein ganz spezieller Fall. Hier herrschen extreme Strömungen, die nährstoffreiches Tiefenwasser an die Oberfläche wirbeln. Das zieht alles an, was Rang und Namen hat, von Schwertfischen bis hin zu Blauhaien. Es ist ein bisschen wie ein Drive-in-Restaurant für Meeresräuber. Wissenschaftler haben dort sogar Exemplare des seltenen Sechskiemerhais gefunden, die normalerweise in Tiefen von über 1000 Metern leben, aber durch die besonderen Bedingungen in Messina fast bis an die Oberfläche gelockt werden.
Der wilde Atlantik: Warum Spanien und Portugal die Nase vorn haben
Wenn wir den Blick vom eher ruhigen Mittelmeer nach Westen richten, landen wir im rauen Atlantik. Hier ändert sich das Spiel komplett. Die Atlantikküste Spaniens, insbesondere Galicien, und die gesamte Küste Portugals sind wahre Autobahnen für Haie. Hier gibt es keine Barrieren, das offene Meer trifft auf den Kontinentalschelf, und das bedeutet: Upwelling. Kaltes, nährstoffreiches Wasser steigt auf, füttert das Plankton, das die Fische füttert, die wiederum die Haie füttern. Das ist der ewige Kreislauf, und er funktioniert hier oben im Nordwesten der Iberischen Halbinsel prächtig.
In den Häfen von Vigo oder A Coruña sieht man oft die Fangmengen der Langleinenfischer, und die Liste der Arten ist lang. Blauhaie sind hier fast schon Massenware, aber auch Heringshaie und Makos ziehen in großer Zahl vorbei. Die Küstenregionen Galiciens verzeichnen vermutlich die höchste Biomasse an Haien in ganz Europa. Und das ist genau der Punkt, an dem es knifflig wird: Die hohe Präsenz von Haien führt hier nicht zu Panik, sondern ist Teil der maritimen Kultur, auch wenn die Tiere meistens als Beifang oder gezielte Beute auf dem Markt landen.
Galicien und die Autobahn der Blauhaie
Blauhaie lieben die kühleren, aber nicht eiskalten Gewässer. Vor der nordspanischen Küste finden sie genau das, was sie brauchen. Diese Tiere sind Langstreckenschwimmer und nutzen die Strömungen des Atlantiks, um zwischen Amerika und Europa zu pendeln. Man muss sich das wie eine unsichtbare Schnellstraße vorstellen, die direkt an Kap Finisterre vorbeiführt. Ich finde es faszinierend, dass diese eleganten Tiere oft nur 20 oder 30 Meilen vor der Küste in riesigen Gruppen unterwegs sind, während die Touristen an den Stränden der Rías Baixas nichts davon ahnen.
Die Fischer berichten oft von "Haisommern", in denen das Meer förmlich kocht. Dabei handelt es sich meist um junge Blauhaie, die den Schutz der Küstennähe suchen, bevor sie sich ins offene Blau des Ozeans wagen. Es ist eine der wenigen Regionen in Europa, in denen man mit Fug und Recht behaupten kann, dass die Haipopulation noch halbwegs stabil ist, auch wenn der Druck durch die industrielle Fischerei enorm bleibt. 15 bis 20 Tonnen Hai pro Tag in einem einzigen Hafen sind dort keine Seltenheit – eine Zahl, die einem die Kehle zuschnürt, wenn man sich für den Schutz dieser Tiere einsetzt.
Britische Gewässer: Mehr als nur kalte Fluten
Man denkt bei Großbritannien an Regen, Tee und vielleicht noch an Fish and Chips, aber kaum jemand hat den Weißen Hai vor Cornwall auf dem Schirm. Und doch: Die Gewässer rund um die britischen Inseln, insbesondere der Südwesten Englands und die Westküste Irlands, sind absolute Hotspots für Haie. Der Golfstrom sorgt dafür, dass das Wasser hier deutlich wärmer ist, als es der Breitengrad vermuten ließe. Das zieht Arten an, die man eher in den Subtropen vermuten würde.
Cornwall ist das Zentrum der britischen Haiforschung. Hier werden im Sommer regelmäßig Blauhaie und Makos markiert. Aber der wahre Star der britischen Gewässer ist ein anderer. Ein Riese, der völlig harmlos ist, aber jedem Schwimmer erst einmal einen ordentlichen Schrecken einjagt, wenn die riesige Rückenflosse aus dem Wasser ragt. Die Rede ist vom Riesenhai (Basking Shark), dem zweitgrößten Fisch der Erde.
Der Riesenhai: Der sanfte Gigant vor Schottland
Wenn Sie im Sommer an die Westküste Schottlands reisen, etwa zu den Hebriden, stehen die Chancen verdammt gut, dass Sie einen Hai sehen. Aber keine Sorge, dieser hier will nur Ihr Plankton. Der Riesenhai kann bis zu 12 Meter lang werden und wiegt mehrere Tonnen. Es ist ein surreales Erlebnis, diese Tiere mit weit aufgerissenem Maul durch das Wasser gleiten zu sehen. Schottland hat mittlerweile einige der weltweit wichtigsten Schutzgebiete für diese Art eingerichtet, da sie sich hier paaren und ihre Jungen zur Welt bringen.
Es ist diese Mischung aus kaltem Wasser und extrem hoher Planktondichte, die Schottland zu einem der besten Orte für Hai-Beobachtungen in ganz Europa macht. Und das Beste daran? Man muss nicht einmal tauchen. Oft reicht ein Fernglas und ein Platz auf einer Klippe. Das zeigt uns doch mal wieder, dass die Natur ihre ganz eigenen Regeln hat und sich nicht an unsere Klischees von "Haien nur im warmen Wasser" hält.
Die Nordsee und Ostsee: Ein schwieriges Pflaster für Knorpelfische
Kommen wir zu den Gewässern, die uns Deutschen am nächsten liegen. Wie sieht es in der Nordsee und der Ostsee aus? Hier wird es deutlich dünner, was die Hai-Dichte angeht. Die Nordsee ist zwar ein produktives Meer, aber sie ist auch flach und durch den Schiffsverkehr extrem lärmbelastet. Trotzdem gibt es sie: Den Dornhai zum Beispiel. Er war früher so häufig, dass er als "Seeaal" in jeder Fischbude landete. Heute sind die Bestände massiv eingebrochen, erholen sich aber dank strenger Quoten langsam wieder.
In der Ostsee hingegen haben Haie ein ganz anderes Problem: den Salzgehalt. Haie sind auf einen gewissen Salzgehalt angewiesen, um ihren Auftrieb und ihren Stoffwechsel zu regulieren. Je weiter man nach Osten in die Ostsee vordringt, desto süßer wird das Wasser. Deshalb findet man Haie eigentlich nur im Kattegat und Skagerrak, also dort, wo die Nordsee in die Ostsee übergeht. Ein Hundshai in der Kieler Förde? Das wäre eine absolute Sensation und ein Zeichen dafür, dass das Tier sich völlig verirrt hat.
Dennoch verirren sich gelegentlich größere Arten in die Nordsee. Es gibt verbriefte Berichte über Heringshaie, die bis in die Deutsche Bucht vordringen. Der Heringshai sieht dem Weißen Hai zum Verwechseln ähnlich, ist aber deutlich kleiner und auf – Überraschung – Heringe spezialisiert. Er ist ein kräftiger, schneller Jäger, der perfekt an die kühlen Temperaturen der Nordsee angepasst ist. Aber mal ehrlich: Die Chance, beim Urlaub auf Sylt einen Hai zu sehen, ist geringer als ein Lottogewinn.
Die Azoren: Das Epizentrum der Meeresräuber
Wenn wir Europa geografisch weit fassen, dürfen die Azoren nicht fehlen. Diese portugiesische Inselgruppe mitten im Atlantik ist für Haie das, was der Serengeti für Löwen ist. Hier gibt es keine flachen Schelfmeere, hier geht es direkt vom Vulkangestein tausende Meter in die Tiefe. Das zieht die ganz großen Kaliber an. Wer mit Haien tauchen will, ohne Käfig und mit einer Sichtweite von 30 Metern, der muss hierher.
Die Azoren sind einer der wenigen Orte weltweit, an denen man zuverlässig auf Kurzflossen-Makos trifft. Der Mako ist der Gepard der Meere, er kann Geschwindigkeiten von bis zu 70 km/h erreichen und springt meterhoch aus dem Wasser. Dass diese Tiere so nah an die Inseln herankommen, liegt an den Unterwasserbergen, den sogenannten Seamounts. Diese wirken wie Magneten auf das gesamte Ökosystem. Es ist ein wilder, ungezähmter Ort, und wer dort im Wasser ist, spürt sofort: Hier bin ich nicht mehr an der Spitze der Nahrungskette.
Gefahren und Missverständnisse: Wer frisst hier eigentlich wen?
Lassen Sie uns kurz über das Offensichtliche sprechen: Die Angst. Jedes Mal, wenn in der Bild-Zeitung ein verwackeltes Handyvideo von einer Rückenflosse vor Mallorca auftaucht, bricht kollektive Hysterie aus. Aber bleiben wir mal bei den harten Fakten. Die Zahl der tödlichen Haiangriffe in Europa in den letzten 100 Jahren lässt sich fast an einer Hand abzählen. Die Gefahr, auf der Hinfahrt zum Strand bei einem Autounfall ums Leben zu kommen, ist statistisch gesehen tausendfach höher.
Das eigentliche Problem ist, dass wir den Haien ihren Lebensraum wegnehmen und sie massenhaft abschlachten. Jährlich werden weltweit etwa 100 Millionen Haie getötet, viele davon in europäischen Gewässern als Beifang oder für den Export nach Asien. In Spanien ist der Verzehr von Hai (oft als "Cazón" oder "Pez Espada" getarnt) völlig normal. Wir sollten uns also weniger fragen, wo die meisten Haie sind, um sie zu meiden, sondern eher, wo sie sind, damit wir diese Gebiete endlich unter wirksamen Schutz stellen können.
Ein Hai im Wasser ist ein Zeichen für ein gesundes Ökosystem. Wo keine Räuber sind, gerät das Gleichgewicht aus den Fugen. Die Angst vor Haien ist ein tief sitzender Instinkt, befeuert durch Hollywood, aber sie entbehrt in Europa jeglicher rationalen Grundlage. (Und ja, das sage ich auch, wenn ich selbst im tiefen Blau vor den Azoren schwimme und mein Herz etwas schneller klopft).
Der Einfluss des Klimawandels auf die Wanderrouten
Ein Thema, das wir nicht ignorieren können, ist die Erwärmung der Meere. Der Klimawandel verschiebt die Grenzen. Wir beobachten bereits jetzt, dass Arten aus den afrikanischen Gewässern weiter nach Norden ziehen. Der Hammerhai beispielsweise wurde schon vor der Küste Irlands gesichtet – ein Ereignis, das vor 50 Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Das Wasser im Mittelmeer wird im Sommer immer wärmer, was dazu führen könnte, dass tropische Arten sich hier dauerhaft niederlassen.
Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass es "gefährlicher" wird. Es bedeutet lediglich, dass sich die biologische Landkarte verändert. Die Haie folgen ihrer Beute, und wenn die Makrelen und Thunnusse aufgrund der Wassertemperatur ihre Routen ändern, ziehen die Haie nach. Es ist ein dynamischer Prozess, den wir gerade erst anfangen zu verstehen. Experten sind sich uneins, ob dies zu einer Zunahme der Hai-Populationen in Nordeuropa führen wird, aber die Tendenz ist klar: Die Grenzen verschieben sich polwärts.
Häufig gestellte Fragen zu Haien in Europa
Gibt es Weiße Haie im Mittelmeer?
Ja, definitiv. Es gibt eine ansässige Population von Weißen Haien im Mittelmeer. Sie gelten jedoch als extrem selten und vom Aussterben bedroht. Die meisten Sichtungen konzentrieren sich auf die Straße von Sizilien, die Adria und das Ägäische Meer. Angriffe auf Menschen sind in den letzten Jahrzehnten so gut wie nicht mehr vorgekommen.
Welcher Strand in Europa hat die meisten Haie?
Es gibt keinen spezifischen "Badestrand", an dem sich Haie sammeln. Haie bevorzugen tiefere Gewässer oder abgelegene Küstenabschnitte. Wenn man jedoch von der Nähe spricht, dann sind die Strände Galiciens (Nordspanien) und die Küsten Cornwalls (England) Gebiete, in denen Haie relativ nah an der Küste patrouillieren, allerdings meist in für Schwimmer uninteressanten Tiefen.
Ist das Schwimmen im Mittelmeer wegen Haien gefährlich?
Nein. Das Risiko ist statistisch gesehen vernachlässigbar. Die im Mittelmeer vorkommenden Haie, wie der Blauhai, sind in der Regel nicht an Menschen als Beute interessiert. Die meisten Unfälle in der Vergangenheit passierten durch Provokation oder Verwechslung in extrem trübem Wasser, was im Mittelmeer selten der Fall ist.
Welche Haiart ist in Europa am häufigsten?
Der am weitesten verbreitete Hai in europäischen Gewässern ist der Kleingefleckte Katzenhai. Er ist klein, völlig harmlos für Menschen und lebt meist am Boden in Küstennähe. In den tieferen Gewässern des Atlantiks ist der Blauhai die am häufigsten anzutreffende größere Haiart.
Mein Fazit: Ein Appell für mehr Respekt statt Angst
Am Ende des Tages ist die Frage nach dem "Wo" eigentlich zweitrangig. Viel wichtiger ist das "Wie" – wie wir mit diesen Tieren umgehen. Europa ist ein Haikontinent, auch wenn wir das gerne verdrängen. Ob im tiefen Atlantik vor Galicien, in den strömungsreichen Gewässern der Azoren oder in den versteckten Winkeln des Mittelmeers: Haie sind da, und das ist gut so. Sie sind die Gesundheitspolizei unserer Ozeane.
Ich finde es ehrlich gesagt traurig, dass wir eine so enorme Angst vor Tieren haben, die wir gleichzeitig fast ausgerottet haben. Wenn Sie das nächste Mal am Meer stehen, egal ob in Italien, Spanien oder auf Sylt, denken Sie daran: Irgendwo da draußen, unter der glitzernden Oberfläche, zieht vielleicht gerade ein Blauhai seine Bahnen. Das sollte uns nicht mit Furcht erfüllen, sondern mit einer gewissen Ehrfurcht vor der Wildnis, die wir trotz aller Zivilisation noch direkt vor unserer Haustür haben. Wir brauchen keine haifreien Zonen, wir brauchen haifreundliche Zonen. Denn ein Meer ohne Haie wäre ein totes Meer, und das können wir uns schlichtweg nicht leisten.

