Der Mythos der Blutverdünnung durch Wasser und was wirklich dahintersteckt
Man hört es ständig beim Hausarzt oder liest es in bunten Gesundheitsmagazinen: Trink viel, damit dein Blut schön dünn bleibt. Aber was bedeutet das eigentlich genau? Wenn wir von Blutverdünnung sprechen, meinen die meisten Menschen intuitiv, dass das Blut weniger zähflüssig wird, fast so wie eine Suppe, die man mit zu viel Brühe gestreckt hat. In der Medizin hingegen meint Blutverdünnung meist die Hemmung der Thrombozytenaggregation oder die Blockade von Gerinnungsfaktoren. Wasser kann das nicht. Es besitzt keine pharmakologische Komponente, die in die Kaskade der Blutgerinnung eingreift, um etwa Fibrin daran zu hindern, ein Netz zu spinnen. Trotzdem ist der Volksmund nicht ganz auf dem Holzweg, denn ein dehydrierter Körper produziert tatsächlich ein Blutbild, das man als eingedickt bezeichnen könnte. Der Hämatokritwert steigt an, die Anzahl der festen Bestandteile im Verhältnis zum Plasma nimmt zu, und das Herz muss plötzlich gegen einen höheren Widerstand anpumpen. Das ist der Moment, in dem die Sache mit dem Wasser trinken relevant wird, nicht als Medikamenten-Ersatz, sondern als Basisvoraussetzung für eine funktionierende Hämodynamik.
Die Verwechslung von Viskosität und Antikoagulation
Hier liegt oft der Hund begraben. Viskosität beschreibt den inneren Widerstand einer Flüssigkeit gegen das Fließen. Honig hat eine hohe Viskosität, Wasser eine niedrige. Wenn wir dehydriert sind, steigt die Viskosität unseres Blutes, weil das Plasma – der flüssige Teil – schrumpft, während die roten Blutkörperchen gleich bleiben. Wir werden also zähflüssiger. Das ist aber etwas völlig anderes als die Antikoagulation, bei der es darum geht, die Bildung von Blutgerinnseln zu verhindern. Ein Mensch kann perfekt hydriert sein und trotzdem eine gefährliche Thrombose entwickeln, weil seine Gerinnungsfaktoren Amok laufen. Wasser trinken schützt also vor der Eindickung durch Flüssigkeitsmangel, aber es ist kein Schutzschild gegen genetische oder krankheitsbedingte Gerinnungsstörungen. Ich finde es fast schon gefährlich, wie oft diese beiden Konzepte in einen Topf geworfen werden, nur weil das Wort dünn so herrlich unpräzise ist.
Warum die Metapher vom verdünnten Saft hinkt
Stellen wir uns das Blut wie einen Tomatensaft vor. Wenn man Wasser hinzufügt, wird er heller und flüssiger. Im menschlichen Körper funktioniert das aber nur bis zu einem gewissen Punkt, denn wir sind kein offenes Gefäß. Unsere Nieren sind die Türsteher des Körpers. Sobald wir mehr Wasser trinken, als für das optimale Volumen nötig ist, schmeißen die Nieren den Überschuss gnadenlos raus. Man kann sein Blut also nicht unendlich verdünnen, indem man literweise Wasser in sich hineinschüttet. Der Körper hält die Homöostase, also das Gleichgewicht, mit einer Präzision aufrecht, die jede Schweizer Uhr alt aussehen lässt. Das Volumen wird reguliert, die Konzentration der Elektrolyte wird bewacht, und am Ende bleibt das Blut genau so, wie es sein muss, es sei denn, man übertreibt es so maßlos, dass das System kollabiert.
Was passiert eigentlich im Körper wenn wir einen Liter Wasser stürzen
Es dauert etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten, bis das erste Glas Wasser im Blutkreislauf ankommt. Nachdem das Wasser den Magen passiert hat, wird es im Dünndarm absorbiert und gelangt über die Pfortader in den Kreislauf. In diesem Moment geschieht etwas Faszinierendes: Das Blutvolumen steigt tatsächlich kurzzeitig an. Die Gefäße dehnen sich leicht aus, und spezielle Rezeptoren im rechten Herzvorhof sowie in den Halsschlagadern registrieren den Druckanstieg. Das ist kein passiver Vorgang, sondern ein hochdynamisches Feedback-System. Wenn Sie also einen Liter Wasser auf Ex trinken, fluten Sie Ihr System mit einem Lösungsmittel, das sofort beginnt, die Konzentration von gelösten Stoffen wie Natrium zu senken. Aber keine Sorge, das Blut wird dadurch nicht zu Wasser, es wird lediglich für einen Moment etwas voluminöser.
Die Rolle der Osmose in den roten Blutkörperchen
Die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten, reagieren extrem empfindlich auf die Konzentration des sie umgebenden Plasmas. Wenn das Plasma durch extremes Wassertrinken zu stark verdünnt wird – man spricht hier von einem hypotonen Milieu –, dann passiert etwas Beängstigendes: Durch Osmose dringt Wasser in die Zellen ein, um den Konzentrationsunterschied auszugleichen. Die Zellen schwellen an. Im schlimmsten Fall könnten sie platzen, aber das passiert beim gesunden Menschen praktisch nie, weil die Niere viel schneller reagiert, als wir trinken können. Dennoch zeigt dieses Beispiel, dass das Blut nicht einfach nur eine Transportflüssigkeit ist, sondern ein lebendiges Gewebe, dessen Wassergehalt strengsten Regeln unterliegt. Die Vorstellung, man könne sein Blut durch Wasser gesund spülen, ist daher eher eine romantische Idee als physiologische Realität.
Wie die Nieren auf plötzliche Flüssigkeitsschwemmen reagieren
Die Nieren sind die eigentlichen Helden der Blutbeschaffenheit. Sobald das Blutvolumen steigt und die Konzentration der gelösten Teilchen sinkt, stellt die Hirnanhangdrüse die Produktion des Hormons ADH, des antidiuretischen Hormons, ein. Ohne ADH öffnen die Nieren die Schleusen. Das überschüssige Wasser wird nicht im Blut behalten, um es zu verdünnen, sondern als heller Urin ausgeschieden. Dieser Prozess ist so effektiv, dass ein gesunder Erwachsener bis zu 800 bis 1000 Milliliter Flüssigkeit pro Stunde ausscheiden kann. Wer also glaubt, er tue seinem Blut etwas Gutes, wenn er fünf Liter am Tag trinkt, der trainiert primär seine Blase und nicht die Fließeigenschaften seiner Gefäße. Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass viel hilft viel, wo doch eigentlich das Maß der Dinge die Balance ist.
Blutviskosität vs Blutvolumen: Wo der feine Unterschied liegt
Um zu verstehen, warum Wasser trinken das Blut nicht im medizinischen Sinne verdünnt, müssen wir uns die Viskosität genauer ansehen. Die Viskosität des Blutes wird von mehreren Faktoren bestimmt: der Anzahl der roten Blutkörperchen, der Verformbarkeit dieser Zellen, der Menge an Fibrinogen und natürlich dem Wasseranteil im Plasma. Wenn wir zu wenig trinken, steigt die Viskosität. Das Blut wird klebrig. Das ist unbestritten. Aber wenn wir genug getrunken haben, sinkt die Viskosität nicht unter einen natürlichen Schwellenwert ab, egal wie viel wir zusätzlich trinken. Es gibt eine Art Sättigungseffekt. Das Blut erreicht seine optimale Fließfähigkeit, und danach bringt jeder zusätzliche Liter keinen weiteren Vorteil mehr für die Zirkulation. Es ist, als würde man versuchen, ein bereits perfekt geschmiertes Getriebe mit noch mehr Öl zu fluten – es bringt einfach nichts mehr.
Hämatokrit-Werte und ihre Bedeutung für die Fließfähigkeit
Der Hämatokrit ist der prozentuale Anteil der zellulären Bestandteile am Gesamtblutvolumen. Bei Männern liegt er meist zwischen 42 und 50 Prozent, bei Frauen etwas niedriger. Wenn dieser Wert durch Flüssigkeitsmangel auf 55 oder 60 Prozent ansteigt, wird es kritisch. Das Blut fließt langsamer durch die Kapillaren, der Sauerstofftransport wird ineffizienter, und das Risiko für Mikrothrombosen steigt. Wasser trinken normalisiert diesen Wert. Es drückt ihn aber nicht auf 20 Prozent herunter. Ein zu niedriger Hämatokrit wäre ohnehin ein Zeichen für eine Anämie, also Blutarmut, und nicht für eine gute Hydratation. Man sieht also: Wasser ist der Regulator, der dafür sorgt, dass der Hämatokrit in seinem gesunden Korridor bleibt. Nicht mehr und nicht weniger.
Warum Wasser kein Ersatz für Aspirin oder Heparin ist
Das ist der Punkt, an dem ich am deutlichsten werden muss. Ein Patient mit Vorhofflimmern oder nach einem Herzinfarkt benötigt Medikamente, die die Gerinnung chemisch beeinflussen. Diese Mittel greifen in die enzymatischen Prozesse ein. Wasser hat diesen Hebel nicht. Wenn ein Blutplättchen aktiviert wird, weil es eine raue Stelle an einer verkalkten Arterienwand findet, dann wird es dort anhaften, egal ob der Patient zwei oder vier Liter Wasser am Tag getrunken hat. Die Adhäsionskräfte der Thrombozyten lassen sich nicht durch H2O wegspülen. Es ist ein gefährlicher Trend in manchen esoterischen Kreisen, Wasser als natürliches Heilmittel gegen Verstopfungen der Gefäße anzupreisen, das Medikamente ersetzen könne. Das ist schlichtweg lebensgefährlich und wissenschaftlich gesehen völliger Humbug.
Die chemische Kaskade der Blutgerinnung im Detail
Die Blutgerinnung ist ein Meisterwerk der Evolution, bestehend aus über einem Dutzend Faktoren, die wie Dominosteine nacheinander umfallen. Am Ende steht die Umwandlung von löslichem Fibrinogen in festes Fibrin. Dieser Prozess benötigt Kalzium, Enzyme wie Thrombin und eine ganze Reihe von Cofaktoren. Wasser nimmt an keiner dieser Reaktionen aktiv teil. Es dient lediglich als Medium, in dem diese Akteure schwimmen. Eine echte Blutverdünnung würde bedeuten, einen dieser Dominosteine zu entfernen oder zu blockieren. Wasser fügt lediglich mehr Platz zwischen den Steinen hinzu, aber es verhindert nicht, dass sie fallen, wenn der Anstoß erfolgt ist. Wer das versteht, begreift auch, warum die Frage nach der Blutverdünnung durch Wasser mit einem klaren Nein beantwortet werden muss, wenn man die medizinische Definition zugrunde legt.
Die Gefahr der Wasserintoxikation: Wenn zu viel des Guten schadet
Es klingt paradox, aber man kann sich tatsächlich mit Wasser vergiften. In der Medizin nennen wir das Hyponatriämie. Wenn man in extrem kurzer Zeit enorme Mengen Wasser trinkt, ohne gleichzeitig Elektrolyte zuzuführen, wird das Natrium im Blut so stark verdünnt, dass der osmotische Druck im Extrazellulärraum massiv abfällt. Das Wasser flüchtet daraufhin in die Zellen, wo die Salzkonzentration noch höher ist. Besonders dramatisch ist das im Gehirn. Da der Schädelknochen hart ist, können die schwellenden Gehirnzellen nirgendwohin ausweichen. Der Druck steigt. Das führt zu Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Krampfanfällen und im schlimmsten Fall zum Tod. Das ist die ultimative, aber tödliche Form der Blutverdünnung. Hier wird das Blut so dünn, dass es seine lebensnotwendige Funktion als stabiles Milieu für die Zellen verliert.
Die Elektrolyt-Falle beim exzessiven Trinken
Unser Körper braucht Salze, um elektrische Impulse zu leiten. Natrium, Kalium, Magnesium – diese Ionen sind die Währung unserer Nerven und Muskeln. Wenn wir das Blut durch exzessives Trinken fluten, schwemmen wir diese Elektrolyte über die Nieren aus oder verdünnen sie unter das kritische Niveau. Ein Natriumwert unter 135 mmol/L gilt bereits als grenzwertig, unter 125 mmol/L wird es brenzlig. Interessanterweise passiert das oft bei Marathonläufern, die zwar viel trinken, aber vergessen, dass sie über den Schweiß massiv Salz verlieren. Sie trinken reines Wasser und verdünnen ihr Blut in eine gefährliche Dysbalance hinein. Das zeigt uns: Die Qualität des Blutes hängt nicht von der Menge des Wassers ab, sondern vom richtigen Verhältnis zwischen Lösungsmittel und gelösten Stoffen.
Symptome einer Hyperhydratation erkennen
Wie merkt man, dass man es übertrieben hat? Es beginnt oft schleichend. Ein flaues Gefühl im Magen, leichte Übelkeit, ein dumpfer Kopfschmerz, der sich nicht wie ein normaler Spannungsschmerz anfühlt. Man fühlt sich aufgedunsen. Wenn dann noch Konzentrationsstörungen oder eine merkwürdige Schlappheit dazukommen, sollte man hellhörig werden. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass Durst das einzige Signal des Körpers ist. Manchmal ist das Fehlen von Durst bei gleichzeitigem Zwang zum Trinken das eigentliche Problem. Ich kenne Menschen, die sich stolz fühlen, wenn sie sechs Liter Wasser am Tag schaffen, aber sie merken gar nicht, dass sie ihren Körper damit unter Dauerstress setzen. Die Nieren laufen auf Hochtouren, das Herz muss mehr Volumen bewegen, und das Blut ist permanent an der Grenze zur Elektrolyt-Verdünnung.
Trinkmengen im Vergleich: Wie viel braucht der Mensch wirklich?
Die alte Regel von zwei Litern am Tag ist so etwas wie das medizinische Äquivalent zu einer Wetterbauernregel: Sie stimmt oft, aber nicht immer. Ein 100 Kilogramm schwerer Bauarbeiter im Hochsommer braucht natürlich mehr als eine 50 Kilogramm schwere Rentnerin im klimatisierten Wohnzimmer. Die Faustformel von 30 bis 35 Millilitern pro Kilogramm Körpergewicht ist ein guter Anhaltspunkt, aber eben nur das. Das Blut braucht genug Flüssigkeit, um die Abfallstoffe zur Niere zu transportieren, aber es braucht keinen Wasserfall. Fakt ist auch, dass wir einen erheblichen Teil unseres Wasserbedarfs über die Nahrung decken. Ein Apfel, eine Gurke, sogar ein Stück Fleisch bestehen zu einem großen Prozentsatz aus Wasser. Wer also sehr wasserhaltig isst, muss weniger trinken, um sein Blut im optimalen Fluss zu halten.
Sportler vs Büroangestellte: Wer muss mehr spülen?
Sportler haben ein ganz anderes Problem. Durch die körperliche Anstrengung und die Hitzeentwicklung steigt die Viskosität des Blutes innerhalb von Minuten an, wenn nicht gegengesteuert wird. Das Blut wird dickflüssiger, die Herzfrequenz steigt, um den Widerstand zu überwinden. Hier ist das Trinken essenziell, um die Leistungsfähigkeit zu erhalten. Ein Büroangestellter hingegen, der acht Stunden sitzt, hat kaum Flüssigkeitsverluste durch Schweiß. Wenn er sich drei Liter Wasser hineinquält, verdünnt er sein Blut nicht für eine bessere Denkleistung, sondern sorgt lediglich dafür, dass er jede Stunde zur Toilette rennen muss. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass übermäßige Hydratation bei Inaktivität das Blut in einer Weise verändert, die gesundheitliche Vorteile bringt. Im Gegenteil, es ist eine unnötige Belastung für das Herz-Kreislauf-System.
Der Einfluss von Alter und Klima auf die Blutbeschaffenheit
Mit dem Alter lässt das Durstgefühl nach. Das ist ein echtes Problem, denn das Blut älterer Menschen neigt tatsächlich eher zur Eindickung, weil die Gesamtkörperflüssigkeit abnimmt. Hier kann man fast von einer chronischen Dehydratation sprechen. In diesem Fall hilft Wasser trinken tatsächlich, das Blut wieder auf ein normales Viskositätsniveau zu bringen. In heißen Klimazonen wiederum ist die Verdunstung über die Haut so hoch, dass das Blutvolumen innerhalb weniger Stunden kritisch absinken kann. Hier dient das Wasser als Volumenersatz, um den Blutdruck stabil zu halten. Man sieht: Die Antwort auf die Frage, ob Wasser das Blut verdünnt, ist auch immer eine Frage des Kontextes. Es ist ein Wiederherstellen des Soll-Zustandes, keine Verbesserung über das natürliche Maximum hinaus.
Häufige Irrtümer über das Trinken und die Herzgesundheit
Ein Klassiker unter den Mythen ist die Vorstellung, dass man durch viel Trinken Kalkablagerungen aus den Gefäßen spülen könne. Das ist physiologisch gesehen vollkommener Unsinn. Arteriosklerose ist ein Prozess in der Gefäßwand, nicht auf der Oberfläche. Man kann eine verkalkte Leitung nicht reinigen, indem man einfach mehr Wasser durchschickt, wenn der Kalk fest in der Wand sitzt. Ebenso wenig schützt Wasser allein vor einem Schlaganfall, wenn andere Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Rauchen vorhanden sind. Wasser sorgt für das Volumen, aber es ist kein Reinigungsmittel für die Innenseite unserer Arterien. Das Blut bleibt eine komplexe Suspension, keine einfache Lösung.
Hilft Wasser gegen Thrombosen bei langen Flügen?
Hier gibt es ein klares Ja, aber mit Einschränkungen. Bei langen Flügen führt die trockene Kabinenluft zu einem erhöhten Flüssigkeitsverlust über die Atmung. Gleichzeitig bewegen wir uns nicht, was den venösen Rückstrom verlangsamt. Wenn wir jetzt auch noch zu wenig trinken, steigt die Viskosität des Blutes an. In dieser spezifischen Situation hilft Wasser trinken tatsächlich dabei, das Blut nicht zu dick werden zu lassen und somit das Thromboserisiko zu senken. Aber – und das ist das große Aber – das Wasser verhindert nicht die Gerinnung an sich. Die Bewegung der Beine ist weitaus wichtiger. Wasser ist hier nur ein unterstützender Faktor, kein Allheilmittel. Es hält das Blut in seinem natürlichen Fließzustand, es macht es nicht dünner als normal.
Kann man Bluthochdruck einfach wegspülen?
Das Gegenteil ist oft der Fall. Wer bereits unter Bluthochdruck leidet und eine Herzschwäche hat, dem kann zu viel Wasser sogar schaden. Mehr Wasser bedeutet mehr Volumen, und mehr Volumen bedeutet oft mehr Druck in den Gefäßen. Das Herz muss schwerer arbeiten, um die zusätzliche Masse zu bewegen. In der Kardiologie gibt es Patienten, die müssen ihre Trinkmenge sogar einschränken, damit ihr Blutvolumen nicht zu groß wird und das Herz überfordert. Der Gedanke, dass man den Druck im System senkt, indem man mehr Flüssigkeit hinzufügt, widerspricht den Gesetzen der Hydrodynamik in einem geschlossenen Kreislauf. Wer gesund ist, reguliert das über die Nieren weg, aber wer krank ist, kann durch zu viel Wasser sein Blutvolumen in gefährliche Höhen treiben.
Spezielle Situationen: Wann die Flüssigkeitszufuhr kritisch wird
Es gibt Momente im Leben, da ist die Frage nach dem Wasser und dem Blut lebenswichtig. Denken wir an schwere Infekte mit Fieber. Hier verliert der Körper Wasser, das Blut dickt ein, die Gefahr von Komplikationen steigt. In solchen Phasen ist Wasser trinken tatsächlich eine Form der Lebensrettung für die Mikrozirkulation. Oder nach einer Blutspende: Der Körper hat plötzlich einen halben Liter Volumen verloren. Hier trinken wir nicht, um das Blut zu verdünnen, sondern um den Druck im System wiederherzustellen, damit das Gehirn weiterhin genug Sauerstoff bekommt. Es geht also immer um die Aufrechterhaltung der Homöostase.
Ein anderes Beispiel sind Ödeme. Viele Menschen glauben, sie hätten zu viel Wasser im Körper und dürften deshalb nichts trinken. Oft ist aber das Gegenteil der Fall: Das Blut ist so dickflüssig oder der Eiweißgehalt so niedrig, dass Wasser aus den Gefäßen ins Gewebe flüchtet. Hier kann kontrolliertes Trinken – oft in Verbindung mit Medikamenten – helfen, das Wasser wieder zurück in die Blutbahn zu ziehen. Die Physiologie ist hier oft kontraintuitiv. Man muss das System als Ganzes verstehen, statt nur auf eine Komponente zu starren. Das Blut ist der Spiegel unseres Wasserhaushalts, aber es ist kein passiver Sumpf, den man einfach nach Belieben verdünnen kann.
Frequently Asked Questions zum Thema Blut und Wasser
Beeinflusst Kaffee die Blutverdünnung anders als Wasser?
Kaffee galt lange Zeit als Flüssigkeitsräuber. Das ist heute weitgehend widerlegt. Koffein wirkt zwar kurzzeitig harntreibend, aber bei regelmäßigem Konsum gewöhnt sich der Körper daran. In Bezug auf die Blutviskosität verhält sich Kaffee fast wie Wasser, solange man es nicht übertreibt. Er hat jedoch keinen zusätzlichen verdünnenden Effekt. Manche Studien deuten sogar darauf hin, dass bestimmte Inhaltsstoffe im Kaffee die Thrombozytenfunktion ganz leicht beeinflussen könnten, aber dieser Effekt ist so minimal, dass er im Alltag keine Rolle spielt. Trinken Sie Ihren Kaffee also für den Genuss, nicht als Blutverdünner.
Kann man Blutverdünner-Medikamente durch Wasser ersetzen?
Ein ganz klares und entschiedenes Nein. Wer Medikamente wie Marcumar, Eliquis oder Aspirin verschrieben bekommen hat, tut dies aus einem triftigen Grund. Diese Mittel greifen in die Biochemie der Gerinnung ein, was Wasser niemals leisten kann. Wer seine Medikamente eigenmächtig absetzt und glaubt, er könne das durch drei Liter Wasser am Tag kompensieren, riskiert Schlaganfälle oder Lungenembolien. Wasser ist eine Basis für die Gesundheit, aber kein Ersatz für spezialisierte Pharmakologie. Sprechen Sie darüber immer mit Ihrem Kardiologen, bevor Sie solche Mythen in die Tat umsetzen.
Hilft viel Trinken bei der Blutabnahme?
Ja, das ist einer der wenigen Momente, in denen der Effekt sofort spürbar ist. Wenn man vor einer Blutabnahme ausreichend trinkt, sind die Venen besser gefüllt und das Blut fließt leichter in das Röhrchen. Das liegt daran, dass das Plasmavolumen gut aufgefüllt ist und der Druck in den Venen steigt. Das medizinische Personal hat es dann leichter, die Vene zu finden, und das Blut gerinnt nicht schon in der Kanüle. Es ist also kein Märchen, sondern ein praktischer Tipp für jeden Patienten. Eine echte Verdünnung der Laborwerte findet dabei beim Gesunden kaum statt, da die Niere die Werte stabil hält.
Verändert Alkohol die Fließfähigkeit des Blutes?
Alkohol ist ein zweischneidiges Schwert. Kurzfristig wirkt er dehydrierend, was das Blut eher eindicken lässt (der klassische Kater-Effekt). Gleichzeitig hat Alkohol eine leicht hemmende Wirkung auf die Blutplättchen, was ihn oberflächlich wie einen Blutverdünner wirken lässt. Aber Vorsicht: Die negativen Effekte auf die Leber, den Blutdruck und das Krebsrisiko überwiegen bei weitem jeden vermeintlichen Nutzen für die Fließfähigkeit. Wer Alkohol trinkt, um sein Blut zu verdünnen, betreibt Raubbau an seinem Körper. Wasser bleibt das einzige Getränk, das die Viskosität ohne schädliche Nebenwirkungen reguliert.
Das Fazit: Ein kühler Kopf für ein gesundes Blutbild
Was bleibt also hängen nach all den Fakten und physiologischen Exkursen? Die Antwort auf die Frage, ob Wasser das Blut verdünnt, ist ein nuanciertes: Es kommt darauf an, was man unter Verdünnung versteht. Wenn man damit meint, dass Wasser einen dehydrierten, zähflüssigen Zustand in einen gesunden, fließfähigen Zustand überführt, dann ja. Wasser ist das Schmiermittel unseres Lebens. Wenn man jedoch meint, dass man durch exzessives Trinken die Gerinnungsfähigkeit des Blutes unter das normale Maß senken oder Medikamente ersetzen kann, dann ist die Antwort ein klares Nein. Der Körper ist kein passiver Behälter, sondern ein hochintelligentes System, das Überschüsse sofort korrigiert.
Ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns weniger Sorgen um die perfekte Anzahl an Litern machen sollten und mehr auf die Signale unseres Körpers hören müssten. Ein gesundes Maß an Hydratation sorgt dafür, dass unser Blut genau die Konsistenz hat, die es für den Transport von Sauerstoff und Nährstoffen braucht. Alles, was darüber hinausgeht, ist meist nur Arbeit für die Nieren. Wer sich gesund ernährt, sich bewegt und bei Durst zu Wasser greift, tut für sein Blut bereits mehr als jeder, der sich zwanghaft literweise Flüssigkeit einflößt. Am Ende ist das Blut ein Spiegelbild unserer gesamten Lebensweise, und Wasser ist lediglich ein – wenn auch unverzichtbarer – Baustein in diesem komplexen Gefüge. Bleiben Sie also entspannt, trinken Sie ein Glas Wasser, wenn Sie durstig sind, aber erwarten Sie keine medizinischen Wunder von einem einfachen Molekül.

