Was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von einem "Loch im Herz" sprechen?
Das ist der erste wichtige Punkt, den wir klären müssen, denn „Loch im Herz“ ist ein sehr dramatischer Begriff, finde ich. Medizinisch reden wir hier selten von einem echten, klinisch relevanten Loch, sondern meistens von einem PFO. Stell dir vor, wir sind alle mal Föten gewesen, und da brauchen wir ja eine Umgehung, weil die Lunge noch nicht arbeitet. Das Herz hat quasi eine kleine Tür, das Foramen Ovale, die sich nach der Geburt schließen sollte, wenn das Baby das erste Mal richtig atmet. Diese Tür drückt sich dann einfach nur an die Wand, sie verschmilzt aber nicht immer vollständig.
Wenn diese Klappe eben nicht ganz fest verklebt ist, bleibt ein PFO zurück. Es ist also kein Loch, das durch eine Krankheit entstanden ist, sondern eher eine anatomische Laune der Natur, die bei einem Viertel der Menschen einfach nicht perfekt „aufgeräumt“ hat. Ich habe mal gelesen, dass die Wahrscheinlichkeit dafür statistisch höher ist, als man denkt, und das macht die Sache gleich viel weniger beängstigend, oder?
Die Zahlen: Wie verbreitet ist das persistierende Foramen Ovale (PFO)?
Die Prävalenz schwankt natürlich je nach Untersuchungsmethode und Bevölkerungsgruppe, das ist ein wichtiger Vorbehalt, den man immer machen muss. Aber die großen Studien, die Echokardiographien bei gesunden Menschen ohne Herzbeschwerden durchgeführt haben, landen immer wieder im Bereich von einem Viertel bis zu einem Drittel der Bevölkerung. Wenn man das hochrechnet, bedeutet das, dass in einem durchschnittlichen Freundeskreis statistisch gesehen mindestens zwei bis drei Personen dieses PFO haben könnten.
Warum das so ist? Ich denke, es liegt daran, dass sich die Herzstrukturen während der schnellen Entwicklung im Mutterleib hochkomplex falten und verbinden müssen. Es ist wirklich erstaunlich, wie oft dieser Prozess so gut funktioniert, und es ist fast schon ein Wunder, dass es nicht noch mehr „Fehler“ gibt. Das Entscheidende ist, dass die meisten Menschen über 90 Prozent ihres Lebens keine Ahnung haben, dass diese Verbindung existiert, weil sie keine Funktionseinschränkung darstellt.
Warum bemerken die meisten Menschen ihr Loch im Herz nie?
Der Grund ist simpel: Der Druck im linken Vorhof ist normalerweise höher als im rechten. Das bedeutet, dass Blut immer nur in die Richtung fließen kann, in die es sowieso fließen soll – vom linken zum rechten Vorhof, also vom sauerstoffreichen Blut zum sauerstoffärmeren. Das verhindert, dass ungesundes Blut zurück in den großen Körperkreislauf gelangt. Es ist wie eine Einbahnstraße, die durch die normalen physiologischen Druckverhältnisse gesichert ist.
Ich persönlich finde es faszinierend, wie der Körper diese kleinen Ungereimtheiten kompensiert, solange keine äußeren Umstände den Druck umkehren. Man braucht schon einen massiven Anstieg des Drucks im rechten Vorhof – zum Beispiel beim Pressen, Husten oder eben bei bestimmten Atemmanövern – damit überhaupt ein nennenswerter Blutfluss gegen die natürliche Richtung stattfinden könnte. Und selbst dann ist es meistens nur ein winziger Schwall.
Wann wird aus einem PFO ein echtes Problem und welche Symptome gibt es?
Hier wird es spannend, weil das die Fragen sind, die die Leute wirklich umtreiben, wenn sie von diesem Thema hören. Das PFO wird erst dann zu einem klinischen Problem, wenn es als möglicher Weg für paradoxe Embolien dient. Paradoxe Embolie, das klingt furchtbar, beschreibt aber nur, dass ein Gerinnsel, das eigentlich im venösen System (z.B. in den Beinen) entstehen müsste, über das PFO direkt in den arteriellen Kreislauf gelangt, also ins Gehirn oder zum Herzen selbst.
Deshalb wird bei manchen Patienten mit ungeklärten Schlaganfällen oder auch bei bestimmten Formen von Migräne mit Aura, die keine andere Ursache finden, ein PFO vermutet. In diesen Fällen, so meine Meinung, sollte man die Situation genauer untersuchen lassen. Aber Achtung: Nur weil ein PFO da ist und jemand einen Schlaganfall hatte, heißt das nicht automatisch, dass das PFO die Ursache war; das ist eine sehr komplexe Kausalitätskette, die Experten sorgfältig prüfen müssen.
Der Unterschied zum angeborenen Herzfehler: Das Vorhofseptumdefekt (ASD)
Es ist wirklich wichtig, dieses PFO nicht mit einem echten Loch im Herzen zu verwechseln, dem sogenannten Vorhofseptumdefekt, kurz ASD. Das ASD ist ein echter, struktureller Defekt, bei dem die Wand zwischen den Vorhöfen eine richtige Lücke hat, die nicht nur eine Überlappung von Gewebe ist. Die Prävalenz hier ist viel, viel geringer, ich glaube, man spricht von etwa 1 zu 10.000 Lebendgeburten, also ist das wirklich selten im Vergleich zum PFO.
Und das ist der springende Punkt: Ein ASD muss fast immer behandelt werden, weil der Links-Rechts-Shunt (Blutfluss vom linken in den rechten Vorhof) oft konstant und signifikant ist. Das führt zu einer Überlastung der Lungenarterien und der rechten Herzkammer, was unbehandelt zu ernsthaften Problemen führt. Ein PFO hingegen ist oft nur ein „Durchgang“ bei Druckspitzen, während das ASD eine permanente Öffnung ist. Das sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe, auch wenn der Name so ähnlich klingt.
Wie findet man heraus, ob man selbst betroffen ist und was kostet das?
Wenn Sie sich Sorgen machen oder wenn bei Ihnen eine ungeklärte neurologische oder vaskuläre Ursache gesucht wird, wird man wahrscheinlich ein transoesophageales Echokardiogramm (TEE) vorschlagen, manchmal auch mit Kontrastmittel. Das ist die Goldstandard-Methode. Ich denke, man sollte diesen Schritt nicht leichtfertig gehen, da es sich um einen invasiveren Eingriff handelt als ein einfaches Brust-Echo.
Die Kosten sind natürlich ein wichtiger Faktor in Deutschland. Ein einfaches transthorakales Echo (TTE), das man vielleicht zuerst macht, wird meist von der Krankenkasse übernommen, wenn ein Verdacht besteht. Die weiterführenden, spezifischen Untersuchungen, gerade wenn sie elektiv und nicht akut notwendig sind, können allerdings Kosten im oberen dreistelligen Bereich verursachen, wenn sie nicht klar indiziert sind. Am Ende gilt: Wenn Sie keine Symptome haben, die auf eine Verbindung hindeuten, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie aktiv etwas tun müssen, sehr gering, egal wie viele Prozent der Bevölkerung statistisch gesehen betroffen sind.

