Die aktuelle Nummer eins: Von Singapur direkt in den Big Apple
Wenn wir über den Rekordhalter sprechen, müssen wir über die Flugnummern SQ23 und SQ24 reden. Singapore Airlines bedient diese Strecke zwischen dem Flughafen Changi und dem John F. Kennedy International Airport (JFK) in New York. Manchmal wird auch Newark Liberty International (EWR) angeflogen, was die Distanz nur marginal verändert. Aber die nackten Zahlen allein erzählen nicht die ganze Geschichte, denn die tatsächliche Flugzeit variiert je nach Jetstream und Wetterbedingungen erheblich. Mal sind es 17 Stunden und 40 Minuten, mal fast 19 Stunden. Das ist eine Zeitspanne, in der man theoretisch drei komplette Herr-der-Ringe-Filme in der Extended Edition schauen kann und immer noch Zeit für ein Nickerchen und zwei Mahlzeiten hat. Ich finde diese Vorstellung ehrlich gesagt ein wenig beängstigend, auch wenn der Komfort in den modernen Kabinen mittlerweile erstaunlich hoch ist.
Die nackten Zahlen der Superlative
Die Flugstrecke führt oft über den Nordpazifik, vorbei an Alaska und Kanada, bevor der Sinkflug auf die US-Ostküste beginnt. Dabei verbraucht ein modernes Flugzeug wie der Airbus A350-900ULR enorme Mengen an Kerosin, was uns direkt zu einem Punkt bringt, den viele Reisende gerne ignorieren. Das Gewicht beim Start ist gigantisch. Fast ein Drittel des Gesamtgewichts der Maschine besteht beim Abflug aus Treibstoff. Es ist ein Paradoxon: Man muss Treibstoff verbrennen, um den Treibstoff zu transportieren, den man erst am Ende des Fluges benötigt. Das macht diese Ultralangstreckenflüge zu einer ökologischen und ökonomischen Gratwanderung, die sich nur rechnet, weil die Nachfrage nach Zeitersparnis bei Geschäftsreisenden ungebrochen ist.
JFK gegen Newark – Ein kleiner, aber feiner Unterschied
Es gibt oft Verwirrung darüber, welcher Flug nun "der" längste ist. Technisch gesehen ist die Verbindung nach JFK ein paar Kilometer länger als die nach Newark. Aber im Flugalltag spielt das kaum eine Rolle. Was zählt, ist die Zeit in der Röhre. Die Airlines nutzen für diese Strecken eine spezielle Konfiguration. Bei Singapore Airlines gibt es auf diesen Flügen beispielsweise gar keine Economy Class im klassischen Sinne. Wer hier mitfliegt, sitzt mindestens in der Premium Economy. Warum? Weil man es den Menschen schlicht nicht zumuten kann, 19 Stunden lang in einem Sitz mit 78 Zentimetern Sitzabstand zu verharren, ohne dass die Gefahr von Thrombosen oder psychischen Zusammenbrüchen exponentiell steigt. Das ist eine kluge Entscheidung, aber sie macht das Ticket natürlich auch zu einem Luxusgut.
Warum Fluggesellschaften plötzlich auf Ultralangstrecken setzen
Lange Zeit war das Modell "Hub and Spoke" das Maß aller Dinge. Man flog von einem kleinen Flughafen zu einem großen Drehkreuz wie Dubai, Doha oder Frankfurt, stieg um und flog dann weiter zum Ziel. Doch das ändert sich gerade massiv. Reisende hassen Umsteigen. Es bedeutet Stress, die Gefahr von verpassten Anschlüssen und verlorenes Gepäck. Die Sache ist die: Wenn eine Airline eine Direktverbindung anbietet, kann sie einen saftigen Aufpreis verlangen, den die Leute bereitwillig zahlen, nur um nicht um 3 Uhr morgens in der Wüste aus dem Schlaf gerissen zu werden. Und genau hier liegt das Geld vergraben.
Das Ende der Zwischenstopps in Dubai oder Singapur
Die großen Player wie Emirates oder Qatar Airways haben ihr gesamtes Imperium auf dem Prinzip des Umsteigens aufgebaut. Aber Flugzeuge wie der Boeing 787 Dreamliner und der Airbus A350 haben die Spielregeln verändert. Sie sind so effizient, dass sie Ziele erreichen können, die früher zwei Stopps erforderten. Das setzt die traditionellen Hub-Airlines unter Druck. Der Direktflug ist zum Statussymbol der modernen Luftfahrt geworden. Es geht nicht mehr nur darum, von A nach B zu kommen, sondern darum, wie wenig Zeit man dabei am Boden verliert. Dass man dafür fast 20 Stunden in einer kontrollierten Atmosphäre verbringt, nehmen viele als notwendiges Übel hin.
Die Wirtschaftlichkeit des Wahnsinns
Man fragt sich oft, wie sich das rechnet. Ein Flugzeug, das fast nur aus Treibstoff und ein paar Passagieren besteht? Die Antwort liegt in der Fracht und in der Zahlungsbereitschaft der Business-Class-Kunden. Auf dem Flug von Singapur nach New York werden oft hochwertige Güter transportiert, die schnell ankommen müssen. Aber der wahre Goldesel sind die 67 Business-Class-Sitze. Wenn diese ausgebucht sind, spielt die Premium Economy fast nur noch das Taschengeld ein. Es ist ein Hochrisikospiel. Steigen die Ölpreise, werden diese Flüge als Erstes unrentabel. Wir haben das in der Vergangenheit gesehen, als Singapore Airlines die Strecke schon einmal mit dem vierstrahligen Airbus A340-500 bediente und sie 2013 einstellen musste, weil der Spritverbrauch die Gewinne auffraß.
Die Technik hinter dem Marathon am Himmel
Ohne den massiven Fortschritt in der Materialwissenschaft säßen wir heute noch mit Zwischenstopp in Anchorage, wenn wir nach Asien wollten. Der Airbus A350-900ULR (Ultra Long Range) ist ein technologisches Wunderwerk, auch wenn er von außen wie ein ganz normales Flugzeug aussieht. Der Rumpf besteht zu einem großen Teil aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff. Das rostet nicht, es ermüdet langsamer und, was am wichtigsten ist, es erlaubt einen höheren Kabinendruck und eine höhere Luftfeuchtigkeit.
Der Airbus A350-900ULR: Ein fliegender Tank
Was macht das "ULR" im Namen aus? Es ist eigentlich simpel und doch komplex. Airbus hat das Treibstoffsystem modifiziert, ohne zusätzliche Tanks einzubauen. Sie nutzen einfach den Platz im vorhandenen Tanksystem besser aus und haben die Belüftung optimiert. So kann die Maschine 165.000 Liter Kerosin aufnehmen. Das reicht für eine theoretische Flugdauer von über 20 Stunden. Aber Gewicht ist der Feind jeder Reichweite. Deshalb wurde alles optimiert, was nicht niet- und nagelfest ist.
Die Modifikationen am Treibstoffsystem
Es geht nicht nur darum, mehr reinzuschütten. Es geht darum, wie der Treibstoff während des Fluges verlagert wird, um den Schwerpunkt der Maschine optimal zu halten. Das spart wertvolle Prozentpunkte beim Verbrauch. Und dann ist da noch die Software. Die Computer berechnen in Echtzeit, welche Flughöhe bei aktuellem Gewicht und Wind die effizienteste ist. Das ist kein statischer Prozess mehr; der Flug ist eine ständige mathematische Optimierung.
Gewichtsreduktion um jeden Preis
Man glaubt gar nicht, wo überall gespart wird. Leichtere Trolleys für das Essen, dünnere Teppiche, sogar das Unterhaltungssystem wurde gewichtsoptimiert. Jedes Kilo, das man nicht mitnimmt, muss man nicht mit teurem Kerosin über den Pazifik schleppen. Manche Airlines gehen sogar so weit, die Anzahl der Zeitschriften an Bord zu reduzieren. Es klingt lächerlich, aber bei 15.000 Kilometern summiert sich jedes Gramm.
19 Stunden in der Röhre: Was macht das mit dem Körper?
Reden wir Tacheles: Ein solcher Flug ist eine physische Tortur, egal wie viel Champagner in der Business Class ausgeschenkt wird. Der menschliche Körper ist nicht dafür gemacht, in 12.000 Metern Höhe bei extrem trockener Luft fast einen ganzen Tag lang zu sitzen. Die Strahlenbelastung in diesen Höhen ist ein Thema, über das die Branche ungern spricht, aber sie ist vorhanden. Und dann ist da noch die Sache mit der Dehydrierung. Man verliert literweise Wasser über die Atemluft, ohne es zu merken.
Jetlag auf Steroiden
Wenn man zwölf Zeitzonen in einem Rutsch überquert, weiß die innere Uhr nicht mehr, ob sie Männchen oder Weibchen ist. Man kommt in New York an und das Gehirn denkt, es sei Zeit für das Abendessen in Singapur, während die Sonne gerade erst aufgeht. Die Erholungsphase nach einem solchen Nonstop-Flug dauert bei den meisten Menschen deutlich länger als nach einem Flug mit Zwischenstopp. Ich habe das selbst erlebt; man fühlt sich tagelang wie in Watte gepackt. Es ist ein hoher Preis für die gesparten drei Stunden Umsteigezeit.
Die psychologische Barriere der 15-Stunden-Marke
Es gibt einen Punkt, den viele Vielflieger kennen. Er tritt meistens nach etwa 14 oder 15 Stunden ein. Die Filme sind geschaut, die Zeitschriften gelesen, das zweite Essen ist verdaut. Man schaut auf die Karte und stellt fest, dass man immer noch vier Stunden vor sich hat. Das ist der Moment, in dem die Kabine eng wird. Die Luft fühlt sich verbraucht an, die Sitznachbarn nerven. Die psychologische Belastung von Ultralangstreckenflügen wird oft unterschätzt. Es ist eine Form der sensorischen Deprivation, unterbrochen von gelegentlichem Turbulenzen-Rütteln.
Project Sunrise: Wenn Qantas die Grenzen des Möglichen verschiebt
Aber warten Sie, es wird noch extremer. Die australische Fluggesellschaft Qantas plant mit "Project Sunrise" den endgültigen Endgegner der Flugrouten: Sydney nach London und Sydney nach New York. Wir reden hier von über 20 Stunden Flugzeit. Das Ziel ist es, Australien direkt mit den wichtigsten Finanzzentren der Welt zu verbinden, ohne den "Kangaroo Route"-Stopp in Singapur oder Perth. Es ist ein ehrgeiziges Projekt, das durch die Pandemie verzögert wurde, aber nun kurz vor der Realisierung steht.
Von Sydney direkt nach London
Diese Strecke ist der heilige Gral der Luftfahrt. Qantas hat bereits Testflüge mit leeren Maschinen durchgeführt, um die Auswirkungen auf die Crew und die Passagiere zu untersuchen. Die Piloten trugen EEG-Hauben, um ihre Gehirnaktivität zu messen. Man will sicherstellen, dass die Konzentration bei der Landung nach 21 Stunden in der Luft noch ausreicht. Das ist eine berechtigte Sorge. Würden Sie einem Chirurgen vertrauen, der gerade eine 20-Stunden-Schicht hinter sich hat? Wahrscheinlich nicht. Aber bei Piloten akzeptieren wir das, solange die Ruhezeiten eingehalten werden.
Die Suche nach dem perfekten Flugzeugsitz
Für Project Sunrise bestellt Qantas speziell angefertigte Airbus A350-1000. Diese Maschinen werden eine "Wellbeing Zone" haben – einen Bereich, in dem sich Passagiere dehnen und bewegen können. Das ist kein Luxus, sondern eine medizinische Notwendigkeit. Wenn man die Leute 22 Stunden lang in ihre Sitze tackert, riskiert man ernsthafte gesundheitliche Probleme. Ich bin gespannt, ob dieses Konzept aufgeht oder ob die Zone am Ende doch wieder mit zusätzlichen Sitzen vollgestopft wird, um den Profit zu maximieren.
Ein Blick zurück: Wie wir hierher gekommen sind
Es ist noch gar nicht so lange her, da war ein Flug von London nach New York eine mehrtägige Angelegenheit mit Stopps in Irland und Neufundland. In den 1950er Jahren waren die Lockheed Super Constellations die Könige der Langstrecke, aber sie mussten ständig tanken. Der echte Durchbruch kam mit der Boeing 707 und später der 747. Aber selbst der "Jumbo Jet" stieß bei Strecken über 13.000 Kilometern an seine Grenzen. Die Entwicklung ist rasant: Was früher eine Expedition war, ist heute ein Ticketkauf per App.
Die ökologische Kehrseite der Medaille
Wir müssen über das Offensichtliche sprechen. Ein Ultralangstreckenflug ist so ziemlich das Umweltschädlichste, was man als Einzelperson tun kann. Da ein so großer Teil des Treibstoffs nur dazu dient, den restlichen Treibstoff zu transportieren, ist die CO2-Bilanz pro Kopf auf diesen Strecken verheerend. Ein Flug von Singapur nach New York stößt pro Passagier mehr CO2 aus als manche Menschen in einem ganzen Jahr verursachen. Das ist die unbequeme Wahrheit hinter dem Komfort des Nonstop-Fliegens.
CO2-Ausstoß pro Passagier auf Ultralangstrecken
Die Effizienz sinkt mit jedem zusätzlichen Kilometer Reichweite. Ein Flug, der doppelt so lang ist wie ein Standard-Langstreckenflug, verbraucht nicht doppelt so viel Sprit, sondern deutlich mehr. Die Airlines versuchen das mit "Sustainable Aviation Fuel" (SAF) oder Kompensationsprogrammen zu schönen, aber die Mengen an SAF, die für einen 19-Stunden-Flug nötig wären, sind derzeit schlicht nicht verfügbar. Es bleibt ein schmutziges Geschäft, egal wie modern die Triebwerke sind.
Tipps für Überlebenskünstler in der Economy Class
Falls Sie jemals in die Verlegenheit kommen, einen der längsten Flüge der Welt in der hinteren Kabine zu verbringen (mein Beileid!), gibt es ein paar Dinge, die den Unterschied zwischen "okay" und "Hölle" machen. Erstens: Trinken Sie Wasser, als hinge Ihr Leben davon ab. Und nein, der Gin Tonic zählt nicht, der dehydriert Sie nur noch mehr. Zweitens: Kompressionsstrümpfe sind nicht nur für Oma, sondern auf 18 Stunden Flugzeit Ihre besten Freunde. Drittens: Bewegen Sie sich. Gehen Sie zur Bordküche, machen Sie Kniebeugen, nerven Sie die Flugbegleiter mit Ihrer Anwesenheit. Alles ist besser, als starr im Sitz zu verharren.
Häufig gestellte Fragen zu den längsten Flügen
Welches ist aktuell der längste Flug der Welt?
Der Flug von Singapur nach New York (JFK) mit Singapore Airlines hält den Rekord mit etwa 15.349 Kilometern. Die Flugzeit beträgt im Durchschnitt 18 Stunden und 40 Minuten.
Warum gibt es keine First Class auf diesen Flügen?
Das Gewicht ist der entscheidende Faktor. First-Class-Suiten sind extrem schwer. Singapore Airlines hat sich für eine Mischung aus Business Class und Premium Economy entschieden, um die Maschine leicht genug für die enorme Distanz zu halten.
Wie schlafen die Piloten bei 19 Stunden Flugzeit?
Es sind immer vier Piloten an Bord. Sie arbeiten in Schichten. Während zwei im Cockpit sitzen, schlafen die anderen beiden in speziellen Crew-Rest-Compartments, die sich meist über der Passagierkabine befinden. So ist jeder Pilot bei Start und Landung ausgeruht.
Wird es bald noch längere Flüge geben?
Ja, Qantas plant mit Project Sunrise Direktflüge von Sydney nach London und New York, die über 20 Stunden dauern werden. Der Start ist für 2025 oder 2026 geplant.
Das letzte Wort: Lohnt sich der Nonstop-Marathon?
Am Ende des Tages ist die Frage nach dem längsten Nonstop-Flug eine Frage der persönlichen Prioritäten. Wenn Sie ein vielbeschäftigter Manager sind, für den Zeit buchstäblich Geld ist, dann ist der Flug von Singapur nach New York ein Segen. Sie steigen ein, arbeiten, schlafen und wachen am Zielort auf. Für den Durchschnittsreisenden jedoch, der vielleicht auch auf sein Budget und seinen ökologischen Fußabdruck achtet, ist der Zwischenstopp oft die bessere Wahl. Er gibt dem Körper eine Pause, senkt die Kosten und macht die Reise zu dem, was sie eigentlich sein sollte: ein Erlebnis und keine reine Ausdauerprüfung. Ich bin überzeugt, dass wir technisch noch nicht am Ende sind, aber wir sollten uns fragen, ob "immer weiter" auch immer "besser" bedeutet. Manchmal ist ein Kaffee in der Lounge von Dubai gar nicht so schlecht, um die Beine auszustrecken. Aber hey, der Reiz des Rekordes wird wohl immer siegen.

