Welche Buchstaben gibt es in Japan nicht? (Teil 1)
Wenn man sich das erste Mal mit der japanischen Sprache beschäftigt, fällt sofort auf, wie grundlegend anders sie im Vergleich zu europäischen Sprachen aufgebaut ist. Wer Deutsch, Englisch oder Französisch gewohnt ist, nutzt ein alphabetisches System mit einer festen Anzahl von Buchstaben, aus denen sich Wörter Buchstabe für Buchstabe zusammensetzen.
Um diese Frage präzise zu beantworten, müssen wir uns zunächst von dem klassischen westlichen Begriff des „Alphabets“ verabschieden. Streng genommen besitzt die japanische Sprache kein klassisches Alphabet im Sinne von Einzeltönen wie A, B oder C, sondern ein kombiniertes System aus Silbenschriften und chinesischen Schriftzeichen.
1. Das Fundament: Warum es im Japanischen keine Konsonanten als Einzelgänger gibt
Im deutschen Alphabet gibt es zahlreiche Konsonanten, die alleine stehen oder mit Vokalen kombiniert werden können. Im Japanischen existieren die beiden Hauptsilbenschriften Hiragana und Katakana.
Das entscheidende Prinzip hierbei ist: Fast jedes Zeichen repräsentiert eine komplette Silbe, die in der Regel aus einem Konsonanten und einem Vokal besteht.
Es gibt die fünf puren Vokale: A, I, U, E, O.
Die restlichen Grundzeichen setzen sich aus Konsonanten zusammen, die unrennbar mit diesen Vokalen verschmolzen sind (wie Ka, Ki, Ku, Ke, Ko oder Sa, Shi, Su, Se, So).
Hier zeigt sich bereits der erste große Unterschied zu westlichen Sprachen: Isolierte Konsonanten als eigenständige Buchstaben existieren im japanischen Lautsystem nicht. Ein Buchstabe wie ein alleinstehendes „B“, „K“ oder „T“ kann in den japanischen Silbenschriften nicht geschrieben oder gesprochen werden, da immer ein Vokal mitschwingt. Die einzige Ausnahme bildet ein nasal gesprochenes „N“, das als einziges Zeichen keinen eigenen Vokal besitzt, im japanischen Alltag jedoch eine Sonderrolle einnimmt.
2. Die großen Luste: Welche westlichen Buchstaben im japanischen Lautsystem fehlen
Betrachtet man das westliche lateinische Alphabet mit seinen 26 Buchstaben, tauchen beim japanischen Gegenstück (oft in Romaji, der lateinischen Umschrift, dargestellt) beziehungsweise in den Silbentabellen einige auffällige Lücken auf.
Das „L“:
Im Japanischen existiert kein eigenständiger „L“-Laut. Wenn Japaner Wörter aus westlichen Sprachen übernehmen (wie Milk oder Lemon), wird das „L“ im Katakana-System grundsätzlich durch ein „R“ ersetzt. Aus Lemon wird im Japanischen beispielsweise Remon. Für westliche Ohren klingt das japanische „R“ ohnehin wie eine Mischung aus einem weichen „R“, „D“ und „L“. Das „V“: Einen echten „V“-Laut (wie im deutschen Wort Vogel) kennt das klassische Japanisch nicht. Lange Zeit wurde er schlicht durch ein „B“ ersetzt. In modernem Katakana (für Fremdwörter) hat man zwar Hilfskonstruktionen eingeführt, um ein „V“ anzunähern (wie Vu), im ureigenen japanischen Wortschatz existiert dieser Buchstabe jedoch überhaupt nicht.
Das „Q“ und das „X“: Diese Buchstaben kommen im japanischen System weder als Laut noch als eigenständiges Silbenzeichen vor.
Laute mit „Qu“ werden im Japanischen meist in eine Silbenkombination aus „K“ und „U“ aufgelöst.
3. Historische Verluste: Buchstaben, die früher existierten und heute verschwunden sind
Interessanterweise gab es in der japanischen Sprachgeschichte sogar Zeichen und Laute, die früher einmal genutzt wurden, im Laufe der Jahrhunderte aber ausgemustert wurden.
In einer großen Rechtschreibreform im Jahr 1946 wurden diese offiziell für obsolet erklärt. Sie wurden durch die einfachen Vokale I und E ersetzt, weil sich die Aussprache im Laufe der Zeit ohnehin so stark angenähert hatte, dass man die Unterscheidung im Alltag nicht mehr benötigte.
Welche konkreten Auswirkungen diese lautspezifischen Besonderheiten auf Lehnwörter haben und wie Japaner versuchen, fehlende Laute im Alltag zu umgehen, wird im zweiten Teil dieses Artikels detailliert beleuchtet.
Die phonetischen Lücken: Welche Laute im Japanischen völlig fehlen
Betrachtet man das japanische Lautsystem im Detail, fällt auf, dass nicht nur bestimmte Buchstaben des lateinischen Alphabets fehlen, sondern ganze phonetische Kategorien, die für westliche Sprecher vollkommen selbstverständlich sind. Ein klassisches Beispiel hierfür ist das L sowie die phonetische Unterscheidung zwischen R und L.
Im Japanischen gibt es ein einziges phonemisches Segment, das im deutschen Romaji meist mit „r“ transkribiert wird (wie in ra, ri, ru, re, ro).
Weitere westliche Laute auf der Vermisstenliste
Neben den Klassikern Q, V, X und C gibt es weitere spezifische Buchstabenkombinationen und Konsonanten, die im japanischen Silbensystem traditionell nicht vorkommen:
Das scharfe „F“ und „W“-Nuancen: Zwar gibt es ein fu (bzw. hu), doch dieses wird ganz anders gebildet als im Deutschen – nämlich mit den Lippen, ohne dass die Zähne die Unterlippe berühren. Ein echtes labiodentales „F“ fehlt.
Die stimmhaften Reibulauten: Laute wie „V“ oder das englisch-sprachige „Th“ existieren im japanischen Ursprungsvokabular überhaupt nicht.
Doppelkonsonanten am Silbenende: Bis auf den Nasal „N“ (gesprochen als n oder m am Ende einer Silbe) enden japanische Laute immer auf einen Vokal. Endkonsonanten wie -t, -k, -p oder -s am Wortende sind im Japanischen unmöglich.
Wie das moderne Japan mit den fehlenden Buchstaben umgeht
Da die globale Vernetzung, das Internet und internationale Lehnwörter (Gairaigo) auch vor Japan nicht haltmachen, stand das Land vor einem linguistischen Problem: Wie schreibt man Fremdwörter, die Laute enthalten, für die es keine Silben gibt?
Die Lösung hierfür ist die Katakana-Schrift.
Aus dem im Japanischen fehlenden „V“ wird in Katakana ein „B“ oder eine Kombination aus U mit einem kleinen Vokal (so wird aus Video im Japanischen Bideo oder Vuideo).
Das fehlende „F“ wird oft durch das Fu-Zeichen in Kombination mit kleinen Vokalen umgangen, um Laute wie Fa, Fi oder Fe zu formen.
Der Buchstabe „L“ wird im modernen Kontext fast immer durch die entsprechenden „R“-Silben ersetzt (Club wird zu Kurabu).
Fazit und Zusammenfassung
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Frage nach den fehlenden Buchstaben in Japan tiefe Einblicke in die Funktionsweise einer ostasiatischen Silbenschrift gibt. Die Buchstaben C, Q, V, W (in vielen Kombinationen), X und L existieren weder im Hiragana- noch im Katakana-System.
Wer Japanisch lernt, muss sich folglich von dem Gedanken verabschieden, westliche Rechtschreibregeln eins zu eins zu übertragen. Stattdessen taucht man in eine faszinierende Welt ein, in der Klänge modular aus Silbenbausteinen zusammengesetzt werden.
Welcher Aspekt der japanischen Schriftzeichen hat dich bei der Recherche am meisten überrascht?
