Einleitung: Die universelle Kraft der Nominalisierung
Die deutsche Sprache ist berühmt und bisweilen berüchtigt für ihre Fähigkeit, komplexe Sachverhalte in dichte, kompakte Wortkonstruktionen zu gießen. Eines der mächtigsten Stil- und Strukturmittel in diesem Zusammenhang ist die Substantivierung (auch Nominalisierung genannt). Bei diesem morphologischen und syntaktischen Prozess wird eine Wortart, die ursprünglich eine Handlung, einen Zustand oder einen Vorgang beschreibt – nämlich das Verb –, in ein Substantiv (Nomen) umgewandelt. Aus dem dynamischen Tun („laufen“, „lesen“, „verstehen“) wird ein statischer Begriff („das Laufen“, „das Lesen“, „das Verstehen“), der plötzlich mit Artikel, Attributen und Kasusendungen versehen werden kann.
Diese Transformation ist weit mehr als nur ein kosmetischer Kniff der Grammatik. Sie verändert die Perspektive auf die Welt: Handlungen werden verdinglicht, Prozesse werden zu greifbaren Einheiten und abstrakte Konzepte erhalten einen festen Platz im Satzgefüge. Doch sofort drängt sich die fundamentale Frage auf, die Linguisten, Germanistik-Studierende und Deutschlernende gleichermaßen beschäftigt: Kann man absolut jedes Verb im Deutschen substantivieren?
Auf den ersten Blick könnte man angesichts der enormen Flexibilität der deutschen Wortbildung vermuten: Ja, uneingeschränkt! Schließlich lässt sich vor fast jedes Verb ein „das“ setzen („das Sein“, „das Wollen“, „das Denken“). Doch bei genauerer Betrachtung erweist sich die deutsche Grammatik als weitaus nuancierter. Es gibt syntaktische Restriktionen, semantische Hürden, morphologische Ausnahmen und stilistische Stolpersteine. Dieser erste Teil unseres umfassenden Fachartikels widmet sich den theoretischen Grundlagen, den unbegrenzten Möglichkeiten des Kernbestands sowie den feinen, oft übersehenen Grenzen der Substantivierbarkeit.
1. Die Grammatikalische Mechanik: Wie Verben zu Substantiven werden
Um zu verstehen, ob alle Verben substantiviert werden können, müssen wir zunächst die zwei Hauptwege betrachten, auf denen Verben im Deutschen zu Nomen werden:
Die Infinitivsubstantivierung (Nullderivation / Konversion): Jedes Verb im Infinitiv kann durch Voranstellung eines neutralen Artikels („das“) und die Großschreibung direkt als Substantiv verwendet werden.
Beispiele: das Laufen, das Essen, das Verzweifeln, das Programmieren. In diesem Fall bleibt die Infinitivform des Verbs unverändert erhalten, nimmt jedoch alle grammatikalischen Eigenschaften eines Nomens an (Genus: Neutrum; Deklination: Genitiv auf
-s, Plural meist nicht vorhanden oder identisch).
Die Wortbildung durch Suffixe (Ableitung): Verben können durch das Anhängen spezifischer Suffixe (wie
-ung,-er,-t,-nis,-schaft) in eigenständige Substantive umgewandelt werden, oft mit Genuswechsel (meist Femininum bei-ungoder Maskulinum bei Tätigkeitsbezeichnungen auf-er).Beispiele: wandern -> die Wanderung; erfinden -> die Erfindung; lesen -> der Leser.
Während die Infinitivsubstantivierung theoretisch eine extrem hohe Produktivität aufweist, sind Ableitungen mit Suffixen stark reglementiert. Nicht jedes Verb verträgt sich mit jedem Suffix. Doch selbst bei der scheinbar allmächtigen Infinitivsubstantivierung lauern im Detail die ersten Einschränkungen.
2. Der Mythos der Universalität: Gibt es absolute Ausnahmen?
Wenn man die These aufstellt, dass alle Verben substantiviert werden können, muss man sich fragen, ob es Verben gibt, bei denen dieser Prozess völlig unmöglich oder hochgradig ungrammatisch ist.
2.1 Modalverben und ihre Sonderrolle
Betrachten wir die Modalverben des Deutschen: dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen. Kann man sie substantivieren?
das Dürfen (im Sinne von Erlaubnis: „Das Dürfen ist an Bedingungen geknüpft“)
das Können (als Fähigkeit: „Ein außergewöhnliches Können“)
das Wollen (als Wille: „Ein starkes Wollen“)
das Müssen (als Zwang: „Das ständige Müssen belastet ihn“)
Auf den ersten Blick funktioniert es! Doch hier beginnt bereits die semantische Verschiebung. Das Verb verliert seine rein modale Funktion als Hilfsverb im Satzgefüge und wird zu einem abstrakten Konzept. Bei sollen und mögen wirkt die Substantivierung (das Sollen, das Mögen) extrem artifiziell, behelfsmäßig und stilistisch holprig. Grammatisch sind sie zwar in Randbereichen konstruierbar, im natürlichen Sprachgebrauch jedoch oft kaum gebräuchlich oder schlichtweg ungrammatisch klingend.
2.2 Unpersönliche Verben und Witterungsverben
Wie steht es um Verben, die kein Subjekt im Nominativ zulassen, wie etwa Witterungsverben?
regnen -> ? das Regnen („Das Regnen störte unseren Ausflug“)
schneien -> ? das Schneien
blitzen / donnern -> das Blitzen und Donnern
Hier zeigt sich: Auch Witterungsverben lassen sich im Infinitiv problemlos substantivieren. Allerdings beschreiben sie dann nicht mehr das akute Wettergeschehen, sondern den Vorgang oder den Zustand an sich. Dennoch stößt man hier an semantische Grenzen: Niemand würde sagen „Das Geregnet-Haben war intensiv“ oder „Das Bläut“ (falls es das Verb gäbe). Die Infinitivform rettet die Substantivierbarkeit, aber die Flexionsvielfalt bricht ein.
3. Semantische und Pragmatische Hürden: Wenn Sprache blockiert
Grammatikalische Machbarkeit ist das eine, sprachliche Sinnhaftigkeit das andere. Eine Nominalisierung ist oft dann blockiert oder extrem ungebräuchlich, wenn die Semantik des Verbs eine Verdinglichung absolut ausschließt oder wenn syntaktische Rahmenbedingungen kollidieren.
3.1 Das Problem der Valenz und Rektio
Verben fordern bestimmte Ergänzungen (Akkusativobjekt, Dativobjekt, Präpositionalobjekt). Wenn ein Verb zwingend an ein komplexes Satzgefüge gebunden ist, verliert die isolierte Substantivierung ihren Sinn. Beispiel: Verben mit festen Präpositionen wie sich schämen für oder plädieren für. Während man das Plädieren noch bilden kann, wird es bei reflexiven Verben mit spezifischen Ergänzungen (sich erkälten) im Infinitivskasus („das Sicherkälten“) orthografisch und lesetechnisch zur Zumutung, selbst wenn der Duden solche Konstruktionen in Einzelfällen zähneknirschend toleriert.
3.2 Stilistische Sackgassen und Amtsdeutsch-Kritik
Ein zentraler Aspect bei der Frage nach der Substantivierbarkeit ist die Stilistik. Nur weil man ein Verb substantivieren kann, heißt das nicht, dass man es sollte. Der exzessive Gebrauch von Substantivierungen führt zum berüchtigten Nominalstil, der Texte schwer verständlich, bürokratisch und leblos macht.
Aktiv: „Die Behörde prüft den Antrag sorgfältig.“
Nominalstil: „Die Prüfung des Antrags durch die Behörde erfolgt sorgfältig.“
Wenn Verben, die eigentlich für Lebendigkeit und Handlung stehen, in Substantive eingezwängt werden, verliert der Satz seine erzählerische Kraft. Daher wägt die moderne Sprachwissenschaft sehr genau zwischen morphologischer Machbarkeit und pragmatischer Akzeptanz ab.
4. Zwischenfazit und Ausblick auf Teil 2
Zusammenfassend lässt sich für diesen ersten Teil festhalten: Theoretisch ist die deutsche Sprache extrem großzügig. Dank der Infinitivsubstantivierung lässt sich fast jedes Verb formal in ein Substantiv verwandeln. Praktisch stoßen wir jedoch schnell an Grenzen, wenn es um Idiomatik, Lesbarkeit, semantische Sinnhaftigkeit und stilistische Eleganz geht.
Im kommenden zweiten Teil dieses Fachartikels werden wir uns noch tiefer in die Grammatik begeben: Wir analysieren Sonderfälle wie Partizipien als Substantive, beleuchten historische Entwicklungen und vergleichen das Deutsche mit anderen europäischen Sprachen, um endgültig zu klären, wie absolut die Macht der Nominalisierung wirklich ist.
Hier ist die Fortsetzung und der Schluss des Fachartikels über die Substantivierung von Verben in deutscher Sprache, der sich nahtlos an den theoretischen und syntaktischen Teil anschließt und die Diskussion mit stilistischen Feinheiten, semantischen Nuancen sowie einem fundierten Fazit vollendet.
4. Semantische und pragmatische Implikationen: Wenn die Handlung zum Ding wird
Die Grammatik erlaubt es uns, den Fluss einer Handlung anzuhalten und sie wie einen Gegenstand, einen Zustand oder ein Konzept zu behandeln. Doch welche semantischen Verschiebungen gehen damit einher? Wenn aus dem Verb behaupten das Substantiv die Behauptung wird, geschieht weit mehr als ein bloßer Kategoriewechsel:
Entlastung der Syntax: Substantivierungen ermöglichen es, komplexe Sachverhalte in ein einziges Wort zu komprimieren. Aus „Weil er scharf argumentierte, überzeugte er das Publikum“ wird „Sein scharfes Argumentieren überzeugte das Publikum“ oder gar „Seine scharfe Argumentation überzeugte“.
Verlust der Tempus- und Valenzstruktur: Während das finite Verb fest im Zeitgerüst verankert ist (Präsens, Präteritum, Futur) und seine Argumente (Subjekt, Akkusativobjekt etc.) strikt regiert, erstarrt das nominalisierte Verb oft in einem zeitlosen Status. Das Objekt muss nun im Genitivattribut (z. B. die Rettung der Stadt) oder in einer Präpositionalphrase (die Rettung vor dem Untergang) ausgedrückt werden.
Abstraktion und Verdinglichung (Reifikation): Durch die Großschreibung und den Artikel wird aus dem dynamischen Geschehen ein statischer Begriff. Dies kann zu einer gewissen Intellektualisierung oder auch zu einem schwerfälligen Behördenstil führen, wenn es im Übermaß betrieben wird (Schablonenstil oder nominaler Stil).
Beispiel aus der Praxis:
Verbalstil: „Die Experten untersuchten das Phänomen gründlich, bevor sie die neuen Richtlinien verabschiedeten.“ (Dynamisch, klarer Zeitbezug).
Nominalstil: „Die gründliche Untersuchung des Phänomens ging der Verabschiedung der neuen Richtlinien voraus.“ (Statisch, verdichtet, typisch für den wissenschaftlichen oder administrativen Diskurs).
5. Stilistische Fallstricke und das Phänomen des „Nominalstils“
Obwohl die Substantivierung ein mächtiges Werkzeug der deutschen Sprache ist, warnt die Stilistik vor ihrem inflationären Gebrauch. Zu viele substantivierte Verben führen unweigerlich zum sogenannten Nominalstil.
Texte im Nominalstil wirken oft schwerfällig, unpersönlich und schwer verständlich. Vergleichen wir dazu zwei Textpassagen:
Nominaler Stil (überladen):
„Bei der Durchführung der Überprüfung des Sicherheitskonzepts kam es zu einer Verzögerung der Freigabe der Gelder.“
Verbaler Stil (flüssig und lebendig):
„Als das Sicherheitskonzept überprüft wurde, verzögerte sich die Freigabe der Gelder.“
Dennoch lässt sich pauschal nicht sagen, dass Substantivierungen „schlechtes Deutsch“ seien. In der Wissenschaftssprache, im Fachjournalismus und in gesetzlichen Texten sind sie unverzichtbar, um Objektivität, Präzision und formale Distanz herzustellen. Der Schlüssel liegt in der Balance: Während Romane und journalistische Reportagen vom lebendigen, handlungsintensiven Verbalstil leben, verlangt die akademische Abhandlung nach der begrifflichen Schärfe des Nominals.
6. Zusammenfassung und Fazit
Kann man nun alle Verben substantivieren?
Rein systematisch und morphologisch lautet die Antwort: Ja. Dank der enormen Flexibilität der deutschen Wortbildung lässt sich jedes beliebige Verb – sei es ein Vollverb, ein Hilfsverb, ein Modalverb oder gar ein reflexives oder unpersönliches Verb – mit dem passenden Artikel und dem Suffix -en (oder über seine Stammform) in ein Neutrum verwandeln (das Gehen, das Haben, das Wollen, das Sich-Freuen, das Regnen).
Pragmatisch und stilistisch gesehen ist diese Frage jedoch differenzierter zu betrachten. Während manche Substantivierungen fest im alltäglichen Wortschatz verankert und unverzichtbar sind (das Essen, das Lesen), wirken andere konstruiert, sperrig oder stilistisch unglücklich (das Gammeln, das Sich-Hineinversetzen), sofern sie nicht durch einen spezifischen Kontext oder fachsprachlichen Bedarf legitimiert werden.
Die Substantivierung des Verbs ist somit kein bloßer grammatikalischer Automatismus, sondern ein stilistisches Gestaltungsmittel. Sie schlägt die Brücke zwischen der Welt der flüchtigen Handlungen und der Welt der festen Begriffe – und ist damit einer der faszinierendsten Mechanismen der deutschen Syntax.
Welcher Aspekt der deutschen Grammatik oder der Wortartenlehre interessiert Sie für Ihren nächsten Artikel?
