Die biologische Uhr der Vespinae: Warum Licht für die Flugfähigkeit alles entscheidet
Wespen sind, biologisch betrachtet, Sonnenkinder. Das ist kein sentimentaler Quatsch, sondern schlichte Neurobiologie. Die meisten Vertreter der Familie Vespidae besitzen einen Sehapparat, der auf eine extrem hohe zeitliche Auflösung und den Kontrast des ultravioletten Spektrums programmiert ist. Sobald die Dämmerung einsetzt und die Photonenrate sinkt, bricht ihr Navigationssystem zusammen. Aber warum eigentlich? Das Problem liegt in der Bauweise der Ommatidien, also der Einzelaugen. Diese sind bei tagaktiven Wespen so klein und eng beieinander liegend, dass sie kaum Restlicht einfangen können. Wer schon einmal versucht hat, mit einer Sonnenbrille der Kategorie 4 in einem dunklen Keller ein Buch zu lesen, bekommt eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich eine Deutsche Wespe nach 21:00 Uhr fühlt. Es geht einfach nicht.
Die Rolle der Ocellen bei der nächtlichen Orientierung
Neben den großen Facettenaugen besitzen Wespen drei kleine Punktaugen auf dem Scheitel, die sogenannten Ocellen. Viele Menschen glauben fälschlicherweise, diese dienten dem Bildsehen, doch die Wahrheit ist profaner: Sie fungieren als hochempfindliche Lichtsensoren für die Horizontstabilität. Bei Dunkelheit liefern diese Sensoren jedoch nur noch Rauschen. Wenn die Sonne unter den Horizont sinkt, verlieren Wespen ihren Referenzpunkt für oben und unten. Das Ergebnis ist ein desorientierter Flugstil, der oft in Kollisionen endet. In etwa 85 % aller Fälle, in denen eine Wespe nachts gegen eine Fensterscheibe knallt, ist sie schlichtweg "blind" von einer künstlichen Lichtquelle angelockt worden, ohne ihre Flugbahn korrigieren zu können. Woher ich das weiß? Weil ich selbst schon oft genug im Spätsommer beobachtet habe, wie diese Tiere völlig kopflos gegen Lampen prallen, was eigentlich untypisch für ihre sonst so präzisen Flugmanöver ist.
Der Mythos der Nachtaktivität: Wenn die Hornisse das Gesetz bricht
Hier wird es knifflig. Während die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) im Nest bleibt, sobald die Lichtintensität unter einen gewissen Schwellenwert fällt, dreht die Hornisse (Vespa crabro) erst richtig auf. Sie ist die einzige heimische Wespenart, die man mit Fug und Recht als fakultativ nachtaktiv bezeichnen kann. Hornissen jagen auch bei Neumond, was in der Insektenwelt eine enorme Leistung darstellt. Die biologische Anpassung dahinter ist faszinierend: Ihre Facettenaugen sind schlichtweg größer und die Photorezeptoren im Inneren sind empfindlicher für schwache Lichtreize. Aber wir sollten uns nichts vormachen. Auch eine Hornisse fliegt nachts nicht so präzise wie am helllichten Tag. Sie nutzt das Licht der Sterne, des Mondes oder – leider immer häufiger – unsere Gartenbeleuchtung als Ersatzsonne. Das führt oft zu dem Phänomen, dass Menschen nachts auf ihrer Terrasse von brummenden Giganten besucht werden.
Warum jagen Hornissen überhaupt in der Finsternis?
Es ist ein klassischer Fall von ökologischer Nischenbesetzung. Wenn die Konkurrenz schläft, gehört der Tisch dir. Nachts fliegen unzählige Motten, Nachtfalter und andere Insekten, die tagsüber unauffindbar sind. Eine Hornisse kann in einer einzigen Nacht bis zu 500 Gramm Insekten für ihr Volk erbeuten, wobei ein beträchtlicher Teil dieser Jagdstrecke in der Dämmerung und Nacht anfällt. Da bleibt kaum Zeit für Schläfchen. Der Energieaufwand ist jedoch gewaltig. Der Flug bei kühleren Nachttemperaturen erfordert eine ständige Vibration der Flügelmuskulatur, um die Körpertemperatur auf den nötigen 30 bis 35 Grad Celsius zu halten. Doch der Ertrag rechtfertigt das Risiko, denn die Beutedichte an einer Straßenlaterne ist für eine Hornisse wie ein All-you-can-eat-Buffet, das man nicht einfach links liegen lässt. Aber Vorsicht: Die Lichtverschmutzung wird hier zum Problem, da die Tiere oft die Orientierung verlieren und erschöpft verenden, weil sie den Weg zurück zum Nest im künstlichen Lichtkegel nicht mehr finden.
Physiologische Barrieren: Temperatur und Thermoregulation nach Sonnenuntergang
Fliegen ist Schwerstarbeit. Für eine Wespe bedeutet Dunkelheit meistens auch Kälte, und Kälte ist der natürliche Feind der Flugmuskulatur. Die meisten Wespenarten sind ektotherm, was bedeutet, dass ihre Aktivität direkt von der Umgebungstemperatur abhängt. Sinken die Werte unter 12 bis 15 Grad Celsius, werden die Flügelbewegungen träge. Das ist der Punkt, an dem das Fliegen bei Dunkelheit nicht mehr nur eine Frage der Sicht, sondern der reinen Mechanik wird. Im Nest herrscht eine konstante Wärme von etwa 30 Grad Celsius, die durch die Muskelvibration der Arbeiterinnen aufrechterhalten wird. Warum sollten sie diese wohlige Sicherheit verlassen, um draußen im Dunkeln zu erfrieren? Das Risiko steht in keinem Verhältnis zum Nutzen.
Der Energieverbrauch im Nachtmodus
Man muss sich das wie einen Akku vorstellen, der bei Kälte doppelt so schnell leer geht. Eine Wespe, die nachts draußen festsitzt, muss ihre Stoffwechselrate massiv erhöhen, um nicht zu erstarren. Wenn sie dann keine Energiequelle findet – was nachts schwierig ist, da viele Blüten geschlossen sind –, ist ihr Schicksal besiegelt. Und genau hier liegt der Hund begraben. Die Evolution hat die meisten Wespen darauf programmiert, bei Sonnenuntergang den Heimweg anzutreten, um Energie zu sparen. Nur wer nachts jagen kann, wie die Hornisse, hat einen Stoffwechsel, der diesen Modus unterstützt. Es gibt Berichte aus dem Jahr 2022, die zeigen, dass durch die milderen Nächte infolge des Klimawandels immer mehr Wespen auch nach der Dämmerung noch aktiv sind. Aber wir sind weit davon entfernt, von einer generellen Nachtaktivität zu sprechen.
Der Vergleich: Heimische Wespen gegen tropische Nachtjäger
Um das Ganze in Relation zu setzen, lohnt ein Blick über den Tellerrand nach Mittel- und Südamerika. Dort leben Wespen der Gattung Apoica, die tatsächlich strikt nachtaktiv sind. Diese Tiere haben Augen, die im Verhältnis zum Kopf massiv vergrößert sind – ein deutliches Zeichen für eine spezialisierte Nachtsicht. Unsere heimischen Arten wirken dagegen wie Amateure im Dunkeln. Während die Apoica-Wespen den Tag in einer starren Traube am Nest verbringen, um nachts koordiniert auszuschwärmen, ist das Verhalten unserer Gemeinen Wespe eher als "versehentliches Nachtfliegen" zu bezeichnen. Die issue remains: Ohne künstliche Lichtquellen gäbe es bei uns fast keinen nächtlichen Wespenflug, abgesehen von den bereits erwähnten Hornissen.
Lichtverschmutzung als künstlicher Trigger
Wir Menschen haben die Spielregeln verändert. Durch LED-Strahler und Straßenbeleuchtung gaukeln wir den Insekten einen Tag vor, der biologisch gar nicht existiert. Das erklärt, warum Sie vielleicht schon einmal eine Wespe nachts an Ihrer Küchenlampe gesehen haben. Sie ist nicht "nachtaktiv" geworden, sie wurde schlichtweg von ihrem Navigationsinstinkt betrogen. Der Kontrast zwischen der tiefschwarzen Nacht und einer 1000-Lumen-Lampe ist für das Insektenauge so gewaltig, dass es wie ein Magnet wirkt. In Städten wie Berlin oder Hamburg wurde beobachtet, dass die Aktivitätszeiträume von Vespula-Arten in stark beleuchteten Straßenzügen um bis zu 2 Stunden verlängert sind. Ob das den Völkern langfristig nützt oder schadet, darüber streiten sich die Experten noch heftig. Eines ist jedoch sicher: Ein natürlicher Zustand ist das nicht.

