Warum gibt es so viele Begriffe für den „Alleinarbeiter“?
Wir haben eben viele Wörter für dieses Verhalten, weil die Nuancen entscheidend sind. Wenn ich jemanden beobachte, der hart arbeitet und seine Ergebnisse immer liefert, nenne ich ihn vielleicht einen Macher oder jemanden mit hohem Verantwortungsbewusstsein. Das ist meist positiv besetzt, er ist zuverlässig bis in die Haarspitzen.
Aber sobald diese Person anfängt, Mikromanagement zu betreiben und Kollegen aktiv davon abhält, Aufgaben zu übernehmen, kippt die Stimmung. Dann hören Sie Begriffe wie „unbelehrbar“ oder eben das schon erwähnte „Kontrollfreak“. Ich habe neulich in einem Projekt erlebt, wie eine Kollegin die gesamte Präsentation neu aufsetzen wollte, obwohl die Vorlage gut war, nur weil sie meinte, die Schriftart sei nicht optimal – das ist dieses klassische Muster, das uns auf die Palme bringt.
Dieser Drang, alles zu tun, ist selten böswillig gemeint, sondern oft ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der diese Person gelernt hat: Wenn es schnell und richtig gehen soll, muss ich es selbst machen. Es ist eine Art Selbstschutzmechanismus, der im beruflichen Kontext aber schnell zum Flaschenhals wird, weil Effizienz eben auch Delegation bedeutet.
Die Wurzeln: Ist das Perfektionismus oder tief sitzende Unsicherheit?
Das ist die spannende Frage, oder? Ich glaube fest daran, dass der Wunsch, alles selbst zu erledigen, selten nur mit Faulheit der Kollegen erklärt werden kann, auch wenn das oft der erste Gedanke ist. Viel wahrscheinlicher ist die Verbindung zu echtem, manchmal krankhaftem Perfektionismus.
Der Perfektionist setzt die Latte so hoch, dass niemand sie erreichen kann – und da er selbst diese Latte nicht überspringen kann, ohne sich selbst zu überfordern, delegiert er gar nicht erst. Er denkt: „Wenn ich es selbst mache, weiß ich wenigstens, dass es zu 95 Prozent gut wird. Wenn ich es abgebe, riskiere ich 70 Prozent und muss es am Ende doch korrigieren.“ Das ist eine sehr ineffiziente Rechnung, aber sie ergibt psychologisch Sinn.
Manchmal steckt auch die Angst vor dem Versagen dahinter. Wenn ich die volle Kontrolle über den Prozess habe, kann ich das Endergebnis beeinflussen und mich somit vor Kritik schützen. Wenn ich delegiere, gebe ich einen Teil dieser Kontrolle ab und mache mich verletzlich. Ich habe oft bemerkt, dass diese Menschen unglaublich viel Energie darauf verwenden, ihre eigene Arbeitslast zu verwalten, anstatt sie zu verteilen.
Konkrete Anzeichen: Woran erkennen Sie diesen Typ Mensch?
Es gibt ein paar rote Flaggen, die mir immer wieder auffallen, wenn ich mit solchen „Alleinarbeitern“ zu tun habe. Erstens: Die Unfähigkeit, „Nein“ zu neuen Aufgaben zu sagen, weil sie glauben, sie müssen alles abfangen. Zweitens: Sie fragen nie nach Hilfe, was oft als Stärke verkauft wird, aber eigentlich ein Zeichen dafür ist, dass sie Hilfe nicht zulassen können.
Außerdem, und das ist ein feines Detail, neigen sie dazu, Aufgaben, die sie delegiert haben, heimlich zu überprüfen oder sogar im letzten Moment komplett neu zu machen, ohne den ursprünglichen Bearbeiter zu informieren. Das ist extrem demotivierend für das Umfeld. Wenn Sie feststellen, dass Sie für eine Aufgabe nur die „Ausführung“ erhalten, aber nie die „Entscheidungsgewalt“ – dann haben Sie es mit einem klassischen Autarkie-Liebhaber zu tun.
Wann wird der Wunsch nach Autarkie zum Problem für das Team?
Solange die Person nur sich selbst überarbeitet, ist es ihr persönliches Problem, wenn auch ein Risiko für Burnout. Das ändert sich schlagartig, sobald die Leistung eines Teams oder einer Abteilung davon abhängig ist. Ich erinnere mich an einen Fall, da war der Senior-Entwickler derart überlastet, weil er jeden Code-Review selbst machen musste, dass das gesamte Release um drei Wochen verschoben wurde.
Der größte Schaden ist aber oft der kulturelle. Wenn der eine Kollege immer alles macht, lernt der Rest des Teams nicht, diese Fähigkeiten zu entwickeln. Es entsteht eine Abhängigkeit, und das Wissen sitzt nur noch in einem Kopf. Wenn dieser Mensch dann Urlaub nimmt oder kündigt, bricht das System zusammen. Das ist das Gegenteil von resilienter Organisation, finde ich.
Man muss auch die Perspektive der anderen sehen: Wenn jemand nie delegiert, signalisiert er unterschwellig, dass er den Kollegen nicht vertraut oder sie für inkompetent hält. Das ist Gift für die Moral, selbst wenn es nicht so gemeint ist.
Der Weg zur Delegation: Wie man den Kontrollfreak langsam überzeugt
Wie geht man nun damit um, wenn man selbst so ein Mensch ist oder mit einem zusammenarbeitet? Man kann diese tief sitzende Verhaltensweise nicht über Nacht ändern. Mein Tipp wäre, mit sehr kleinen, risikoarmen Aufgaben zu beginnen. Sagen Sie nicht: „Übernehmen Sie das gesamte Projekt“, sondern: „Könnten Sie bitte nur diesen einen Report erstellen? Ich vertraue Ihnen da voll und ganz.“
Wichtig ist, den Fokus von der *Methode* auf das *Ergebnis* zu lenken. Fragen Sie nicht, welche Schriftart benutzt wurde, sondern ob die Zahlen im Report korrekt sind. Wenn das Ergebnis stimmt, muss man diesen Erfolg enthusiastisch anerkennen. Das baut Vertrauen auf – und Vertrauen ist die einzige Währung, die den Kontrollzwang langsam entwaffnet.
Außerdem hilft es, sich selbst zu fragen: Was ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn es nicht perfekt ist? Ist die Welt dann wirklich untergegangen? Oftmals ist die Antwort ein klares Nein, aber das muss man sich immer wieder bewusst machen, wenn man vor einem Stapel Arbeit sitzt, den man eigentlich teilen sollte.
Fazit: Der Macher braucht manchmal einen sanften Anstoß
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir jemanden, der alles alleine machen will, entweder als fleißigen Selbstoptimierer oder als bremsenden Kontrollfreak bezeichnen. Es hängt stark davon ab, wie sich dieses Verhalten auf das soziale oder berufliche Umfeld auswirkt.
Diese Menschen sind oft die Säulen, auf denen Projekte stehen, aber sie müssen lernen, dass Stärke nicht nur in der eigenen Leistung liegt, sondern auch darin, andere wachsen zu lassen. Es ist ein Prozess, der Geduld erfordert, aber es lohnt sich, ihn anzustoßen, denn niemand kann auf Dauer alles alleine tragen, selbst wenn er es noch so sehr versuchen möchte.

