Der Anbau von eigenen Tomaten im Garten, auf dem Balkon oder im Gewächshaus gehört zu den befriedigendsten Projekten für Hobbygärtner. Saftig, aromatisch und sonnengereift schmecken die roten Früchte unvergleichlich besser als jede Supermarktware. Doch wer im Sommer eine reiche und qualitativ hochwertige Ernte einfahren möchte, kommt um eine wichtige Pflegemaßnahme nicht herum: das sogenannte Ausgeizen.
Dabei handelt es sich um das gezielte Entfernen überschüssiger Triebe.
1. Die Anatomie der Tomatenpflanze verstehen: Was sind Geiztriebe?
Um zu verstehen, welche Triebe entfernt werden müssen, lohnt sich ein genauer Blick auf den Wuchs einer klassischen Tomatenpflanze. Die meisten Kultursorten – insbesondere die beliebten Stabtomaten, Fleischtomaten sowie viele Rispem- und Kirschtomaten – wachsen primär in die Höhe. Sie bilden einen kräftigen Haupttrieb aus, der als Rückgrat der Pflanze dient und die Hauptlast der Fruchtstände trägt.
Während die Pflanze wächst und gedeiht, nutzt sie ihre Energie jedoch nicht nur für den Hauptstamm und die Ausbildung von Blüten.
Diese Seitentriebe werden in der Gärtnersprache als Geiztriebe bezeichnet:
Der Name ist Programm: Die Bezeichnung leitet sich daher ab, dass diese Triebe im Vergleich zum Haupttrieb „mit Erträgen geizen“.
Sie stecken ihre Kraft primär in üppiges Blattwerk und verzweigte Stängel, anstatt nennenswerte Mengen an großen, schmackhaften Früchten zu produzieren. Schnelles Wachstum:
Geiztriebe entwickeln sich während der warmen Sommermonate rasant. Wird hier nicht regelmäßig eingegriffen, verliert die Tomatenpflanze innerhalb weniger Wochen ihre klare Struktur und verwandelt sich in ein undurchdringliches Dickicht.
2. Warum müssen Geiztriebe unbedingt entfernt werden?
Viele Gartenneulinge stellen sich zu Beginn die berechtigte Frage, warum man der Natur überhaupt ins Handwerk pfuschen sollte. Schließlich gilt im Pflanzenreich oft die Faustregel: Mehr Grün und mehr Blüten bedeuten am Ende auch mehr Ertrag. Im Falle der Tomate ist das Gegenteil der Fall. Das Entfernen der Geiztriebe ist aus mehreren ökologischen und physiologischen Gründen essenziell:
Konzentration der Nährstoffe und Energie
Eine Tomatenpflanze verfügt nur über begrenzte Ressourcen an Wasser, Mineralstoffen und Nährstoffen, die sie über die Wurzeln aus der Erde zieht. Wenn unzählige Seitentriebe ungehindert wachsen dürfen, verteilt sich diese wertvolle Energie auf eine riesige Biomasse. Die Folge: Die Früchte am Haupttrieb bleiben kleiner, reifen langsamer und entwickeln weniger Aroma.
Vorbeugung von Pilzkrankheiten (Luftzirkulation)
Der wohl wichtigste gesundheitliche Aspekt des Ausgeizens ist die Vermeidung von Feuchtigkeit im Blätterwald. Tomaten sind anfällig für Pilzerkrankungen, an vorderster Front die heimtückische Kraut- und Braunfäule (Phytophthora infestans).
Bessere Besonnung
Tomaten sind absolute Sonnenanbeter. Die Früchte benötigen direkte Sonneneinstrahlung, um den vollen, süßen Geschmack zu entwickeln und ihre rote Farbe auszubilden.
Bessere Handhabbarkeit und Standsicherheit
Stabtomaten müssen im Laufe des Sommers an Stäben, Spiralen oder Schnüren hochgebunden werden, um das Gewicht der Früchte zu tragen. Ein unkontrollierter Wildwuchs macht die Pflege, das Anbinden und schlussendlich auch die Ernte zu einer echten Herausforderung. Zudem drohen schwere, überladene Seitentriebe bei starkem Wind oder Gewitter komplett auszubrechen und die Pflanze nachhaltig zu beschädigen.
3. Welche Tomatensorten müssen zwingend ausgegeizt werden – und welche nicht?
Bevor man zur Tat schreitet, ist eine wichtige Unterscheidung der Tomatensorten erforderlich.
Stabtomaten (Eintriebig):
Hierzu gehören die allermeisten klassischen Rundtomaten, Fleisch-, Eier- und Cocktailtomaten. Diese Sorten müssen konsequent und regelmäßig ausgegeizt werden, da sie sonst ihre Wuchsform verlieren und keine zufriedenstellenden Erträge liefern. Busch- und Strauchtomaten:
Diese Sorten wachsen von Natur aus kompakt, buschig und oft mehrtriebig. Sie müssen in der Regel nicht ausgegeizt werden. Ein Entfernen der Triebe würde hier den Ertrag drastisch mindern. Lediglich wenn die Pflanze im Beet viel zu dicht steht, kann ein leichtes Auslichten im inneren Bereich sinnvoll sein. Wildtomaten:
Wildtomaten bilden eine absolute Ausnahme. Sie wachsen extrem stark verzweigt, bilden hunderte kleine Früchte und müssen weder angebunden noch jemals ausgegeizt werden.
Im kommenden zweiten Teil dieses Ratgebers erfahren Sie eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie Sie Geiztriebe optimal erkennen, mit den Fingern oder Werkzeugen entfernen, welche Sonderformen (wie das zweitriebige Ziehen) existieren und wie Sie mit bereits zu groß gewordenen Trieben umgehen.
Möchten Sie im nächsten Abschnitt direkt erfahren, wie das Ausgeizen handwerklich Schritt für Schritt funktioniert?
Die richtige Technik: Ausbrechen versus Schneiden
Wenn es darum geht, die unerwünschten Triebe fachgerecht zu entfernen, spielen sowohl der Zeitpunkt als auch das Werkzeug eine entscheidende Rolle. Junge und zarte Geiztriebe, die eine Länge von wenigen Zentimetern nicht überschreiten, lassen sich am besten direkt mit den Fingern abknipsen.
Dazu packen Sie den Trieb nahe der Blattachsel zwischen Daumen und Zeigefinger und biegen ihn zur Seite, bis er sauber abbricht. Diese Methode hat den Vorteil, dass die Wundfläche an der Pflanze besonders klein bleibt und durch den natürlichen Bruch schnell abtrocknet.
Haben Sie das Ausgeizen einige Tage vernachlässigt und die Triebe sind bereits kräftiger sowie faserig geworden, sollten Sie keinesfalls mehr unüberlegt daran reißen. Andernfalls riskieren Sie tiefe Risse im Hauptstamm, die das Einnorozen von Krankheitserregern begünstigen.
Greifen Sie stattdessen zu einem scharfen Messer oder einer sauberen Gartenschere.
Sonderfälle: Welche Tomaten dürfen unberührt bleiben?
Nicht jede Tomatensorte folgt den strengen Regeln der klassischen Stabtomate. Werden beispielsweise Buschtomaten, Wildtomaten oder bestimmte Ampeltomaten konsequent ausgegeizt, führt dies zu massiven Ernteeinbußen.
Buschtomaten:
Diese kompakten Sorten wachsen von Natur aus gedrungen und verzweigen sich in viele Richtungen. Sie bilden an nahezu jedem Seitentrieb Blüten und Früchte aus. Ein Entfernen der Triebe würde das Ertragspotenzial drastisch schmälern. Wildtomaten:
Kleinfrüchtige Sorten wie die Johannisbeertomate zeichnen sich durch ein extrem buschiges, teils kriechendes Wachstum aus. Sie sind extrem robust und müssen weder angebunden noch ausgegeizt werden. Cocktail- und Cherrytomaten:
Hier differenzieren Profis etwas genauer. Zwar handelt es sich oft um Stabtomaten, allerdings tolerieren viele Sorten eine zweitreibige oder drittreibige Kultur hervorragend. Neben dem Haupttrieb wird dann ein kräftiger Seitentrieb – meist direkt unter dem ersten Blütenstand – stehen gelassen, während der Rest entfernt wird.
Nachhaltige Verwertung: Zu schade für den Kompost
Abgeschnittene oder ausgebrochene Geiztriebe müssen keineswegs im Bioabfall oder auf dem Komposthaufen landen. Sie stecken voller wertvoller Nährstoffe und eignen sich perfekt für die Weiterverwendung im Garten:
Tomaten-Stecklinge:
Da Tomatenpflanzen enorm regenerationsfähig sind, bilden gesunde Geiztriebe in einem Glas mit Wasser innerhalb weniger Tage kräftige Wurzeln aus. Nach dem Einpflanzen in Töpfe entsteht so kostenlos eine neue, voll tragende Tomatenpflanze. Pflanzenjauche:
Zerkleinerte Triebe lassen sich mit Wasser ansetzen und nach einigen Wochen Gärung als nährstoffreicher, organischer Flüssigdünger für Starkzehrer im Garten einsetzen.
Das „Toppen“ im Spätsommer: Der finale Schnitt
Neben dem wöchentlichen Ausgeizen der Seitentriebe gibt es gegen Ende der Saison eine weitere wichtige Maßnahme: das sogenannte Kappen oder Toppen der Haupttriebspitze.
Etwa vier bis sechs Wochen vor der voraussichtlich letzten Ernte – meist Ende August oder Anfang September – wird der Haupttrieb der Tomatenpflanze oberhalb des letzten gut entwickelten Blütenstandes abgeschnitten.
Dieser Schnitt signalisiert der Pflanze, das Längenwachstum einzustellen und keine neuen Blüten mehr zu bilden. Sämtliche verbleibende Energie der Wurzeln und Blätter fließt nun exklusiv in die bereits vorhandenen, grünen Früchte. So wird sichergestellt, dass die letzten Tomaten vor den ersten kalten Herbstnächten noch vollständig ausreifen und ihr volles, aromatisches Geschmacksprofil entfalten können.
Wichtiger Hinweis: Führen Sie das Toppen am besten an einem sonnigen Tag durch. Dadurch können die Schnittstellen rasch abtrocknen, und das Risiko für Pilzinfektionen an der verbliebenen Hauptachse sinkt auf ein Minimum.
Haben Sie bei Ihren Tomatenpflanzen in dieser Saison bereits mit dem Ausgeizen begonnen, oder planen Sie den Anbau von unkomplizierten Buschtomaten?
