War es Portugal, Spanien oder doch jemand ganz anderes?
Klar, wenn man an Kolonialismus denkt, fallen einem sofort Portugal und Spanien ein, oder? Die haben ja ab dem späten 15. Jahrhundert die Weltmeere unsicher gemacht und riesige Gebiete in Südamerika und Asien erobert. Lissabon und Sevilla waren damals ja quasi die Nabel der Welt. Mein Prof meinte aber, dass das schon eine sehr eurozentrische Sichtweise ist. Und da hatte er, finde ich, auch recht. Es kommt halt immer drauf an, wie man 'Kolonialmacht' definiert.
Wenn wir von der klassischen Vorstellung sprechen, also einer Nation, die jenseits ihrer Grenzen Land besetzt, Ressourcen ausbeutet und eigene Leute ansiedelt, dann sind die Portugiesen und Spanier definitiv ganz vorne dabei. Vasco da Gama, Kolumbus – die Namen kennt ja jeder. Aber war das wirklich das erste Mal in der Geschichte, dass so etwas passiert ist?
Ein Blick in die Antike: Die Griechen und Römer
Ganz ehrlich, als ich darüber nachdachte, fiel mir ein, dass es ja schon viel früher ähnliche Strukturen gab. Denk mal an die alten Griechen! Die haben doch auch überall im Mittelmeerraum Kolonien gegründet, oder? Syrakus auf Sizilien, Marseille (damals Massalia) in Frankreich – das waren ja keine kleinen Handelsposten, sondern richtige Städte, die von griechischen Siedlern gegründet wurden. Die haben ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Götter mitgebracht und die lokale Bevölkerung oft assimiliert oder verdrängt.
Und die Römer? Die waren ja Meister darin. Ihr Imperium war quasi eine riesige Kolonialmacht, die sich über weite Teile Europas, Nordafrikas und des Nahen Ostens erstreckte. Sie haben Provinzen eingerichtet, ihre Gesetze durchgesetzt, Infrastruktur gebaut (Straßen! Aquädukte!) und römische Bürger angesiedelt. Das war doch auch eine Form von Kolonialismus, wenn auch vielleicht nicht mit der gleichen Motivation wie später die europäischen Mächte, die primär auf Rohstoffe und Handel aus waren.
Was ist der Unterschied? Definitionssache, oder?
Genau das ist der Punkt, meinte auch mein Prof. Die Definition ist entscheidend. Wenn wir Kolonialismus als die Ausdehnung der Herrschaft eines Staates über fremde Gebiete verstehen, oft mit dem Ziel der wirtschaftlichen Ausbeutung und der Ansiedlung eigener Bevölkerung, dann gab es das schon lange vor dem 15. Jahrhundert. Die Griechen haben Kolonien gegründet, um Überbevölkerung zu steuern und Handelsrouten zu sichern. Die Römer wollten ihr Reich erweitern und stabilisieren.
Die 'moderne' Form des Kolonialismus, wie wir sie von Portugal, Spanien, später England, Frankreich und den Niederlanden kennen, hatte aber oft eine stärkere Ideologie der 'Zivilisierung' und eine noch systematischere Ausbeutung von Ressourcen und Menschen zum Ziel, oft über riesige Distanzen hinweg, die technologisch erst durch die Seefahrt möglich wurden.
Gibt es noch ältere Kandidaten?
Man muss aber auch noch weiter zurückschauen. Was ist mit den Assyrern oder den Persern? Die hatten auch riesige Reiche, die sie durch Eroberung aufgebaut und dann verwaltet haben. War das Kolonialismus? Ich persönlich würde sagen, ja, in einer gewissen Form schon. Sie haben Tribute gefordert, lokale Herrscher eingesetzt oder abgesetzt und ihre Macht über weite Gebiete ausgeübt. Die Phönizier hatten Handelsposten im gesamten Mittelmeerraum, die auch zu Siedlungen wurden. Karthago war ja selbst mal eine phönizische Kolonie.
Letztendlich, wenn man es ganz genau nimmt, ist die Idee, dass eine Gruppe von Menschen sich in einem fremden Gebiet niederlässt und dort Macht ausübt, wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Jede größere Migration, jede Eroberung, hatte ja irgendwie koloniale Züge. Aber die Intensität, die Distanz und die systematische Ausrichtung, die wir mit dem Begriff 'Kolonialismus' heute verbinden, die kam erst mit den europäischen Seemächten so richtig in Fahrt.
Also, die Antwort auf die Frage, wer die erste Kolonialmacht war, ist nicht so einfach. Wenn wir von der klassischen Definition des modernen Kolonialismus sprechen, dann sind Portugal und Spanien die ersten, die in großem Stil über Ozeane hinweg kolonisiert haben. Aber wenn wir einen breiteren Blickwinkel wählen, finde ich, dann waren es die Griechen und Römer, die schon sehr früh ähnliche Strukturen etabliert haben. Und noch weiter zurück, gibt es viele Beispiele von Imperien, die ebenfalls koloniale Tendenzen zeigten. Es ist wirklich eine Frage der Perspektive und der Definition, findest du nicht auch?
