Ich guckte sie an. Blinzelte. Und musste lachen. Weil – ganz ehrlich – das klingt erstmal total absurd. Aber dann dachte ich: Moment mal… was ist „ist“ denn wirklich?
Das kleine Wort mit großer Wirkung
„Ist“ ist ja das dritte Person Singular vom Verb „sein“. Das wissen wir alle. „Er ist“, „sie ist“, „es ist“ – läuft bei jedem von uns seit der Grundschule wie Autopilot. Es ist (aha!) das Verb, das Zustände ausdrückt, Existenz, Identität. Ohne „sein“ läuft gar nichts im Deutschen. Kein Satz wie „Das Buch ist interessant“ oder „Es ist kalt heute“.
Aber ein Adverb? Nein. Ganz klar: „ist“ ist kein Adverb. Adverbien beschreiben, wie, wann, wo oder warum etwas geschieht. Sie modifizieren Verben, Adjektive oder ganze Sätze. Denk mal an Wörter wie „schnell“, „heute“, „dort“, „vielleicht“. Die sagen uns etwas über die Art und Weise oder den Ort oder die Zeit.
„Ist“ macht das nicht. Es ist kein Umstandswort. Es ist Kern des Prädikats. Es ist – naja – das Verb selbst.
Warum die Verwirrung?
Aber warum fragt dann jemand, ob „ist“ ein Adverb ist? Gute Frage. Vielleicht, weil es so oft mitten im Satz steht und unsichtbar wirkt? Es ist (schon wieder!) so allgegenwärtig, dass man es überhört. Fast wie ein Füllwort. Und Füllwörter – manchmal verwechseln wir die ja mit Adverbien.
Oder vielleicht, weil es manchmal wie eine Art Verstärker wirkt? So wie in: „Das ist wirklich toll!“ Da steht „ist“ zwar immer noch als Verb da, aber das eigentliche Gewicht liegt auf „wirklich“ – und das ist dann das Adverb. Vielleicht verliert „ist“ da für einen Moment seine grammatische Identität in den Ohren der Sprecher:innen.
Ich hab’s mal mit meinem Neffen versucht – der ist zwölf und schreibt gerade einen Aufsatz über seine Lieblingsband. Ich fragte: „Tim, glaubst du, ‚ist‘ ist ein Adverb?“ Er guckte mich an, als hätte ich gefragt, ob die Erde eine Scheibe ist. „Alter, nein. Das ist das Hilfsverb. Oder, äh, das Vollverb. Je nachdem.“ Und dann korrigierte er mich: „Ne, Moment – bei ‚Die Band ist gut‘ ist es Vollverb. Bei ‚Die Band ist gespielt worden‘ ist es Hilfsverb.“
Respekt. Der Zwölfjährige hat’s kapiert. Und ich dachte nur: „Mann, die Jugend heute…“
Adverbien, die wie ‚ist‘ klingen? Vielleicht.
Gibt’s denn Wörter, die wie „ist“ klingen und trotzdem Adverbien sind? Also, nicht wirklich. Aber – und jetzt kommt’s – die Verwechslung könnte entstehen, wenn man Dialekte oder Umgangssprache mit reinzieht. In manchen Regionen sagt man ja Sachen wie „Des is’ grad“ oder „Is’ eh so“. Und da wird „ist“ so zusammengesackt, dass es fast wie ein Satzpartikel wirkt – so wie „eben“ oder „halt“. Und Partikeln? Die sind manchmal schwer zu greifen, grammatisch gesehen. Die stehen da, machen Stimmung, geben Nuance. Aber auch das ist kein Adverb.
Ich erinnere mich an einen Typen aus München, den ich mal auf einem Kongress getroffen hab. Der sagte ständig „Is’ eh klar“. Und irgendwann dachte ich: „Hört sich an wie ein eigenes Wort, fast wie ein Adverb der Selbstverständlichkeit.“ Aber nein. Tatsächlich ist es immer noch das Verb „ist“, nur extrem verkürzt und in eine feste Redewendung gepackt.
Warum das alles eigentlich wichtig ist
Klar, im Alltag braucht niemand eine grammatische Analyse von „ist“. Wir sagen es zigmal am Tag, ohne nachzudenken. Aber – und das ist mir bei dem Gespräch mit meiner Schwester klar geworden – wenn man anfängt, über solche kleinen Wörter nachzudenken, verändert sich die Sprache. Plötzlich sieht man, wie clever sie ist. Wie viel Bedeutung in so einem winzigen „ist“ steckt.
Es hält Sätze zusammen. Es verbindet Subjekt und Prädikat. Es sagt aus, dass etwas existiert, so wie es ist. Es ist (ja, schon wieder) die Basis.
Und manchmal – ehrlich – ist es fast philosophisch. „Ich denke, also bin ich.“ Nicht „Ich denke, also raschle ich“ oder „Ich denke, also vielleicht bin ich“. Nein. Es ist „bin ich“. Es ist „ist“. Es ist.
Zusammenfassung, aber locker
Also – um es nochmal zu sagen: Nein, „ist“ ist kein Adverb. Es ist ein Verb. Und zwar ein ziemlich wichtiges. Es beschreibt keinen Umstand, keine Art und Weise. Es ist die Aussage selbst. Es ist das, was passiert (oder eben nicht).
Adverbien sind andere. Die lauern nebenbei und sagen uns, wie, wann, wo. „Ist“ steht mitten im Rampenlicht – auch wenn wir’s kaum bemerken.
Aber hey – das ist doch genau das Schöne an der Sprache, oder? Dass die unscheinbaren Wörter oft die stärksten sind. Und dass man mal über so was nachdenkt – beim Tee auf dem Balkon, mit der Schwester, im Sommerwind – das macht’s aus.
Weißt du, was? Ich glaub, ich frag sie nächstes Mal, ob „nicht“ ein Artikel ist. Nur so zum Spaß.
