Keine Hoden – aber wie sagt man das richtig?
Also, medizinisch gesehen, gibt’s da ein paar Begriffe, die man nicht mal eben beim Döner bestellen würde. „Azoospermie“ zum Beispiel – das klingt, als hätte man was Furchtbares verbrochen, dabei bedeutet’s nur: keine Spermien im Ejakulat. Aber das ist nicht dasselbe. Wenn jemand *keine Hoden hat*, dann spricht man von Aorchismus. Klingt hart. Klingt kalt. Klingt nach Krankenhausakte. Und ehrlich? Wer nennt sich selbst schon „Aorche“? Niemand. Weil das kein Alltagswort ist. Das bleibt in der Klinik.
Und umgangssprachlich? Da wird’s heikel.
Im Volksmund fallen dann natürlich die üblichen, ziemlich fiesen Begriffe: „Eierlos“, „nackt untenrum“, „ein Beutel Luft“ – du kennst das schon. Aber das ist eigentlich Scheiße, oder? Weil es lächerlich macht, was oft ein ernstes medizinisches Thema ist. Ich mein, stell dir mal vor, du wärst derjenige und jeder grinst, wenn du was sagst. Das ist nicht witzig. Tom hat mir erzählt, dass er in der Schule dafür gehänselt wurde. „Tomate“, „Oma“, „Kastrat“ – alles schon gehört. Und das prägt.
Was heißt das eigentlich für einen Mann?
Also, hier kommt’s: Keine Hoden bedeutet nicht automatisch, dass jemand kein Mann ist. Gar nicht. Aber es bedeutet oft, dass der Körper weniger Testosteron produziert. Und das kann Auswirkungen haben – auf die Stimmung, die Libido, die Muskulatur. Tom nimmt seit Jahren Hormone. Spritzen. Jeden Dienstag, pünktlich nach der Arbeit. „Ist wie Insulin für Diabetiker“, sagt er. „Lebensnotwendig, aber irgendwie komisch, wenn du drüber nachdenkst.“
Und Kinder kriegen? Na ja. Wenn keine Hoden da sind, keine Spermienproduktion – dann wird’s schwierig. Aber nicht unmöglich. Es gibt Spender, Adoption, moderne Medizin. Aber das ist eine ganz andere Reise. Und die Entscheidung, ob man das will, ist ganz persönlich. Ich glaub, viele denken: „Ohne Eier – kein richtiger Mann.“ Aber das ist Quatsch. Mann sein ist viel mehr als Hormone und Fortpflanzung. Es ist Haltung. Verantwortung. Dasein für andere.
Und wie nennt man so jemanden dann?
Genau das ist die Frage. Gibt’s dafür einen Namen? Einen, der nicht verletzt, nicht klinisch klingt, nicht abwertend ist? Ehrlich gesagt – ich weiß es nicht. Vielleicht braucht’s den auch gar nicht. Vielleicht reicht es, einfach zu sagen: „Hey, der hat medizinisch keine Hoden, aber er ist trotzdem voll da.“ Weil am Ende zählt doch, wie jemand lebt, nicht, was in seinem Körper fehlt.
Noch was – das mit der Identität
Einmal war ich bei einer Veranstaltung in Berlin, da hat ein Typ namens Lukas über geschlechtliche Vielfalt gesprochen. Und er meinte: „Manche denken, Geschlecht ist nur eine Frage von Chromosomen oder Organen. Aber es sitzt viel tiefer.“ Das hat mich nachdenklich gemacht. Weil klar, biologisch gesehen, sind Hoden Teil des männlichen Körpers. Aber was, wenn sie nicht da sind? Ändert das die Identität? Bei Tom nicht. Er fühlt sich zu 100 % als Mann. Trägt Bart, liebt Motorräder, flucht wie ein Bauarbeiter. Und trotzdem hat er keine Hoden. Oder halt nur einen, der nie runtergegangen ist.
Und weißt du was? Das hat mich gelehrt: Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Manche Jungs werden mit Hoden geboren, die nie in den Hodensack wandern. Manche verlieren sie durch Unfall oder Krankheit. Manche haben angeborene Störungen. Und trotzdem – sie sind Männer. Punkt.
Und was lernen wir daraus?
Vielleicht, dass wir vorsichtiger mit Sprache umgehen sollten. Dass wir nicht gleich meinen, jemand sei weniger wert, nur weil sein Körper anders funktioniert. Und dass es okay ist, nicht zu wissen, wie man etwas nennt. Besser, man fragt: „Wie möchtest du genannt werden?“, statt selbst zu urteilen.
Tom sagt heute: „Ich bin Tom. Mit oder ohne Eier.“ Und eigentlich ist das die beste Antwort, die es gibt.
Hast du schon mal jemanden kennengelernt, der so was erlebt hat? Oder hast du gedacht, dass man ohne Hoden nicht ‚richtig‘ männlich sein kann? Ich hab da lange drüber nachgedacht. Und heute sag ich: Es kommt nicht drauf an, was du hast – sondern wer du bist.
Manchmal ist das Leben halt komplizierter als die Biostunde in der Schule.
