Die alte Schule: Sehr geehrter Herr, liebe Frau
Früher war das einfacher. Du wusstest: Brief an den Chef? Sehr geehrter Herr Müller. An die Kundin? Sehr geehrte Frau Schneider. Ende. Aus. Kein Nachdenken. Aber irgendwann hat das angefangen, komisch zu klingen. Kalt. Fast schon abweisend. Ich erinner mich an eine E-Mail, die ich mal an eine Kollegin geschickt hab – Sehr geehrte Frau Bergmann – und dann hat sie geantwortet: Hey, wir arbeiten schon zwei Jahre zusammen, du kannst mich ruhig duzen. Voll peinlich. Aber eigentlich auch verständlich.
Warum das Sie manchmal wie ein Panzer wirkt
Das Sie soll Respekt zeigen. Aber oft wirkt’s eher wie Distanz. Als wolltest du sagen: „Ich will nichts mit dir zu tun haben, außer geschäftlich.“ Und das will man ja nicht immer. Gerade in Teams, in Projekten, wo man sich fast täglich sieht. Da fühlt sich ein „Guten Morgen, Herr Wagner“ irgendwann an, als würdest du mit einem Fremden sprechen. Ich hab mal in einer Firma gearbeitet, wo alle per Sie waren – selbst die Praktikanten. War irgendwie seltsam. Wie in einem Museum. Keiner hat sich getraut, Witze zu machen. Keiner hat mal einen Kaffee angeboten. Alles total steif.
Dann kam das Du – und mit ihm das Chaos
Auf der anderen Seite: das Du. Plötzlich: „Hi Max, alles klar?“ – in der ersten E-Mail. Und du denkst: Wer ist Max? Und warum duzt der mich? Ich hab mal einen Bewerbungstraining-Kurs gegeben, und eine Teilnehmerin hat mir erzählt, sie hätte in ihrer Initiativbewerbung „Hallo“ geschrieben. Einfach so. Und dann: „Ich würde mich freuen, wenn wir uns duzen könnten.“ Die Antwort? Keine. Nix. Totenstille. Kein Feedback, kein Gespräch. Einfach rausgeflogen. Weil sie zu forsch war. Also – das Du ist nicht immer die Lösung.
Der Moment, in dem’s klickt
Aber manchmal passiert’s einfach. Ohne Plan. Ich war letztens auf einer kleinen Tagung in Leipzig. Kennst du diese Situations, wo man in der Pause steht, Kaffee in der Hand, und plötzlich unterhält man sich über alles – von Podcasts bis zur Kinderbetreuung. Da hat eine Frau gesagt: „Du, ich find das echt spannend, was du erzählst. Darf ich einfach du sagen?“ Und ich: „Klar!“ Warum hat das funktioniert? Weil es nicht aufgezwungen war. Weil es aus dem Gespräch gewachsen ist. Nicht aus einer Regel. Aus einer Verbindung.
Wie finde ich den richtigen Ton?
Also – was tun? Ich glaube, es geht nicht um Regeln, sondern um Fühlen. Um Kontext. Um Respekt – aber echten, nicht den verkrampften. Frag dich einfach: Was passt hier? Wer ist die Person? Wie ist die Situation? Und: Wie fühle ich mich dabei?
Bei mir läuft’s meist so: Ich starte mit Sie, aber nicht mit „Sehr geehrter“, sondern mit „Hallo Herr Weber“ oder „Liebe Frau Klein“. Ist schon mal lockerer. Und wenn sich das Gespräch entwickelt, dann wechsel ich. Meistens frag ich sogar: Wollen wir uns duzen? Klingt ehrlich, ist höflich, und gibt dem anderen die Wahl. Kein Druck. Kein falsches Gefühl.
Ausnahme: Der erste Eindruck zählt
Bei Bewerbungen? Da bleib ich lieber klassisch. Kein „Hi“ ohne Vorwarnung. Kein Du, nur weil’s „modern“ ist. Da will ich nicht riskieren, als unprofessionell rüberzukommen. Aber selbst da: Ich schreibe nicht mehr „Sehr geehrter Herr Mustermann“, sondern „Guten Tag, Herr Weber“. Klingt menschlicher. Und trotzdem respektvoll.
Und was ist mit Geschlecht?
Ach ja – das ist noch ein Punkt. Was, wenn ich den Namen hab, aber nicht weiß, ob die Person sich als Frau, Mann oder nichtbinär identifiziert? Ehrlich? Das ist tricky. Ich hab lange überlegt. Und mittlerweile schreib ich oft einfach den Namen: Liebe/r Lena Meyer oder Sehr geehrte*r Lena Meyer. Oder ich verzichte auf die Anrede und beginne direkt mit dem Inhalt: Herzlichen Dank für Ihre Nachricht. Manchmal ist es okay, nicht alles perfekt zu machen. Hauptsache, man meint es ehrlich.
Am Ende geht’s um Respekt – nicht um Etikette
Weißt du was? Ich glaube, die Angst vor der falschen Anrede kommt oft daher, dass wir uns unsicher sind. Wir wollen nicht unhöflich wirken. Aber eigentlich geht’s nicht um die richtige Formel. Sondern darum, ob du den anderen als Mensch siehst. Ob du zuhören kannst. Ob du Raum gibst.
Letztens hab ich eine Nachricht von einem jungen Kollegen bekommen. Stand da: „Hi, ich bin’s, Tom. Darf ich du sagen?“ Einfach so. Kein Getue. Und ich fand’s super. Weil’s authentisch war. Weil er gefragt hat. Weil er sich traut hat, menschlich zu sein.
Also – wie adressierst du persönlich? Ich sag’s mal so: Fang mit Respekt an. Aber lass dich nicht von Regeln erdrücken. Trau dich, zu fühlen. Und manchmal? Einfach fragen. Darf ich du sagen? Ist doch keine Schwäche. Sondern Stärke.
Hast du so was schon erlebt? Kennst du jemanden, der dich einfach geduzt hat – und es war total okay? Oder umgekehrt: Jemand, der dich gesiezt hat, und du hattest das Gefühl, er will dich nicht wirklich kennenlernen? Erzähl mal. Ich find’s spannend, wie unterschiedlich das läuft. Weil jeder von uns ja auch anders ist. Und das ist eigentlich ganz gut so.
