Was ist überhaupt Bindungsstil?
Bevor wir zu der großen Frage kommen – welche denn nun die unsicherste ist – machen wir mal einen Schritt zurück. Denn nicht jeder hat sich schon mal durch wissenschaftliche Abhandlungen zur Bindungstheorie gequält. (Ich selbst hab das in meinem Psychologiestudium gemacht – und das war nicht gerade sexy, sag ich dir.)
Eigentlich ist es ganz einfach: Unser Bindungsstil entwickelt sich in den ersten Lebensjahren, basierend auf der Beziehung zu unseren Eltern oder Bezugspersonen. Und dieser Stil prägt, wie wir später in Beziehungen ticken. Ob wir vertrauen können, ob wir Abstand brauchen, ob wir Angst haben, verlassen zu werden.
Die unsicheren Typen: Ängstlich und vermeidend
Es gibt ja grundsätzlich vier Bindungsstile: sicher, ängstlich (auch ambivalent genannt), vermeidend und das ganze Chaos in Kombination – also ängstlich-vermeidend. Und jetzt kommt’s: wenn von „der unsichersten“ die Rede ist, dann reden die meisten eigentlich von der ängstlichen Bindung. Aber – und das ist wichtig – die vermeidende ist auch nicht gerade ein Leuchten an Sicherheit.
Die ängstlich Gebundenen? Die sind ständig auf der Suche nach Bestätigung. Sie wollen Nähe, aber sobald sie die kriegen, denken sie: „Warum will der mich eigentlich? Ich bin doch nicht gut genug.“ Und dann wird’s schnell hektisch. Nachrichten, die nicht sofort beantwortet werden, fühlen sich wie ein Liebesentzug an. Ich kenn das – meine Freundin Lena zum Beispiel. Die ruft dann schonmal an, nachdem ich drei Stunden nicht geantwortet hab, und fragt: „Hab ich was falsch gemacht?“
Aber Moment – ist vermeidend nicht auch extrem unsicher?
Jetzt könnte man meinen: ja, die Ängstlichen sind emotional labil, aber die Vermeidenden, die wirken ja so cool. Die sagen: „Ich brauch niemanden. Alles gut.“ Aber hinter dieser Fassade steckt oft pure Angst. Nur anders verpackt. Statt sich zu klammern, machen sie dicht. Abstand ist ihr Schutzschild.
Ich hatte mal einen Kollegen, Tom. Der war so vermeidend, das war schon fast komisch. Bei jeder kleinen Emotion hat er gesagt: „Kein Drama, alles easy.“ Aber wenn man genauer hinsah – der hatte panische Angst vor Nähe. Konnte über Gefühle nicht reden. Wenn seine Freundin traurig war, hat er einfach Fernsehen geschaut. Nicht aus Kälte – aus totaler Überforderung.
Die echte Unsicherheit: wenn beides zusammentrifft
Und dann gibt’s noch die ängstlich-vermeidende Mischung. Das ist sozusagen die Hardcore-Version. Da will jemand Nähe, hat aber gleichzeitig Todesangst davor. Weißt du, wie das ist? Das ist wie: „Komm her, aber bleib weg.“ „Lieb mich, aber berühr mich nicht.“
Ehrlich gesagt, glaube ich, dass dieser Stil – die dissoziierte oder ängstlich-vermeidende Bindung – eigentlich die unsicherste ist. Weil da keine Strategie funktioniert. Die innere Zerrissenheit ist so groß, dass man sich selbst nicht mehr traut. Ich hab mal eine Therapiegruppe begleitet, wo eine Frau sagte: „Ich seh meinen Partner an und will ihn in den Arm nehmen – aber meine Arme bleiben wie festgenagelt.“ Das hat mich tief getroffen.
Warum überhaupt fragen, welcher der unsicherste ist?
Eine gute Frage. Vielleicht, weil wir hoffen, dass wir nicht dieser Typ sind. Oder weil wir denken: wenn wir den „schlechtesten“ kennen, können wir ihn fixen. Aber eigentlich geht’s nicht um Kategorien. Es geht darum, zu verstehen: Unsicherheit ist menschlich. Jeder hat sie. Nur in unterschiedlichen Formen.
Ich selbst neige manchmal zum ängstlichen Stil. Vor ein paar Jahren, als ich mit Julia zusammen war, hab ich ständig ihre WhatsApp-Status gecheckt. Wenn sie „online“ war und nicht antwortete – innerlich bin ich abgestürzt. Heute lach ich drüber. Aber damals war es echt. Und wichtig: Ich hab’s bearbeitet. Mit Therapie, mit Gesprächen, mit Selbstreflexion.
Kann man unsichere Bindung ändern?
Und jetzt kommt die gute Nachricht: Ja. Wirklich. Auch wenn uns unser Bindungsstil aus der Kindheit prägt – wir sind nicht dazu verdammt, ihn für immer zu leben. Sicher, es braucht Arbeit. Es ist wie ein Muskel: je mehr du Nähe zulässt, Vertrauen übst, Emotionen zeigst, desto sicherer wirst du.
Ich hab mal einen Workshop mitgemacht – in München, im Herbst. Draußen regnete es, drinnen saßen wir in einem Kreis auf Kissen. Irgendwann sollte jeder sagen: „Ich habe Angst, dass…“ Und als ich dran war, hab ich geheult. Einfach so. Weil ich Angst hatte, allein zu sein. Und danach? Fühlte ich mich leichter. Weil ich es ausgesprochen hatte. Und niemand ist weggelaufen.
Fazit: Die unsicherste Bindung ist die, die man nicht sieht
Letztendlich glaube ich: die gefährlichste, die unsicherste Bindung ist nicht unbedingt die lauteste oder die offensichtlichste. Es ist die, die wir verleugnen. Die, von der wir denken: „Bei mir ist alles okay.“ Dabei blockieren wir Nähe, ohne es zu merken.
Die ängstliche ist auffällig – aber sichtbar. Die vermeidende schweigt – und wird oft übersehen. Und die gemischte? Die kämpft still mit sich selbst.
Vielleicht ist die Antwort gar nicht so wichtig: welche ist die unsicherste. Wichtiger ist: erkennen, wo ich stehe. Und mutig genug sein, daran zu arbeiten. Denn Sicherheit – die kriegt man nicht geschenkt. Die baut man. Stück für Stück.
Weißt du, was mich beruhigt? Dass fast jeder irgendwo eine Macke hat. Und dass das völlig in Ordnung ist. Hauptsache, wir bleiben ehrlich – zu uns und zu den anderen.
