Manchmal ist es einfach nur da
Letztes Jahr, als ich bei meiner Oma war – du kennst das bestimmt, diese gemütliche Küche mit den gelben Vorhängen und dem Geruch von Zimt – hat sie einfach gesagt: „Liebe is, wenn du jemanden magst, obwohl er nervt.“ Und dann hat sie gelacht. Ich hab gedacht: Ja. Genau das. Weil Liebe ja nicht nur dieses Glücksgefühl ist, das einen umhaut wie ein Sommergewitter. Es ist auch das, was bleibt, wenn das Gewitter vorbei ist. Wenn die Wäsche noch im Keller steht, wenn der Partner zum zehnten Mal vergessen hat, den Müll rauszubringen. Und du trotzdem nicht ausrastest. Oder nur ein bisschen.
Keine perfekte Formel
Ich hab mal mit Lena darüber geredet, du weißt schon, meine Kommilitonin aus dem Psychologiekurs. Die war damals gerade frisch verliebt – man sah es an den Augen, an der Haltung, an der Tatsache, dass sie ständig lächelte, obwohl der Dozent gerade über kognitive Dissonanz dozierte. Sie meinte: „Liebe ist, wenn du das Glück des anderen mehr willst als deins.“ Klingt schön. Klingt fast zu schön, oder? Ich hab damals genickt, aber innerlich gedacht: Und was ist, wenn ich gar nicht weiß, was ich für mich will? Kann ich dann überhaupt echte Liebe geben?
Weil, mal ehrlich – Liebe funktioniert ja nicht wie eine Maschine, wo du Input gibst und Output bekommst. Manchmal gibst du alles, und es reicht nicht. Manchmal bekommst du mehr, als du verdient hast. Und manchmal stehst du einfach da, mit offenen Armen, und fragst dich: Warum tut es trotzdem weh?
Die kleinen Dinge, die groß sind
Letzten Winter, als ich krank war – Grippe, Fieber, dieser ganze Mist – hat mir mein Mitbewohner Tom einfach eine Suppe auf den Nachttisch gestellt. Ohne groß was zu sagen. Hat nur gemeint: „Iss das. Und stell dich nicht an.“ Kein Drama, kein Getue. Aber in dem Moment… das war es. Für mich. Das war Liebe. Nicht mit Blumen, nicht mit Liebesbriefen. Mit einer lauwarmen Hühnersuppe aus der Tiefkühltruhe. Weil es gezeigt hat: Er hat hingeschaut. Er hat bemerkt, dass es mir schlecht geht. Und er hat was getan.
Du weißt, was ich meine? Diese Momente? Wenn jemand deinen Kaffee kennt – schwarz, ein Stück Zucker – und ihn dir bringt, ohne dass du was sagen musst. Wenn jemand deinen Stuhl rauszieht, wenn du müde bist. Wenn jemand deinen Humor versteht, auch wenn er niemand sonst versteht. Das ist es doch. Das ist menschliche Liebe. Nicht immer spektakulär. Aber echt.
Aber was ist mit uns selbst?
Hab ich mich neulich gefragt: Kann man überhaupt lieben, wenn man sich selbst nicht mag? Also richtig, tief drin? Ich meine, klar, man kann jemanden lieben, während man sich scheiße fühlt. Aber ist das dann nicht irgendwie… unvollständig? Fast ein bisschen unfair gegenüber dem anderen? Weil man dann vielleicht zu viel erwartet. Weil man hofft, dass der andere einen ganz macht. Und das kann er nicht. Niemand kann das.
Ich glaub, deshalb ist Selbstliebe so ein oft missverstandener Begriff. Es geht nicht darum, sich ständig im Spiegel anzuhimmeln oder sich teure Wellnesswochenenden zu gönnen. Es geht darum, sich selbst nicht ständig zu verurteilen. Dass man mal was falsch macht. Dass man mal müde ist. Dass man mal einfach nur in der Badewanne sitzt und nichts will außer Ruhe. Und dass das okay ist.
Und die anderen Arten von Liebe?
Manchmal vergessen wir, dass Liebe nicht nur zwischen Paaren existiert. Da ist die Liebe zur Familie – auch wenn die manchmal echt nervig sein kann. Oder die Liebe zu Freunden, die dich seit der Grundschule kennen und trotzdem noch mit dir abhängen. Letztes Jahr, auf dem Campingplatz in Mecklenburg, hab ich mit zwei alten Freundinnen am Lagerfeuer gesessen. Keiner hat viel gesagt. Wir haben einfach nur dagesessen, Bier getrunken, den Himmel angeguckt. Und das war… vollkommen. Nicht romantisch, nicht dramatisch. Aber tief. Weil wir uns verstanden, ohne reden zu müssen.
Und dann gibt’s noch die Liebe, die man manchmal einem Fremden entgegenbringt. Wenn du jemandem hilfst, der stolpert. Wenn du einem Obdachlosen einen Kaffee kaufst. Wenn du einem traurigen Gesicht auf der Straße einfach ein Lächeln schenkst. Das ist auch menschliche Liebe. Vielleicht sogar die ursprünglichste Form.
Keine einfache Antwort
Am Ende – und das sag ich jetzt ganz ehrlich – glaub ich, dass es keine einzige Definition von Liebe gibt. Weil sie sich verändert. Weil sie von Mensch zu Mensch anders ist. Weil sie von Moment zu Moment anders sein kann. Mal ist sie sanft, mal stürmisch, mal still, mal laut. Manchmal tut sie weh. Manchmal macht sie uns stärker. Manchmal macht sie uns einfach nur glücklich – ohne Grund.
Ich weiß nicht, ob ich es jetzt besser verstehe als vorher. Vielleicht nicht. Aber ich glaub, ich hab akzeptiert, dass man es nicht komplett verstehen muss. Dass es reicht, es zu fühlen. Auch wenn es unperfekt ist. Auch wenn es manchmal wehtut. Auch wenn es keine Garantie gibt.
Weil Liebe, wenn du mich fragst? Die ist nicht perfekt. Aber sie ist menschlich. Und das ist doch schon was, oder?
Du weißt was? Ich glaub, ich mach mir jetzt einen neuen Kaffee. Diesmal trink ich ihn warm.
