Einleitung: Mythos, Orden und militärische Leistungsanreize im totalen Krieg
Die Frage nach der höchsten militärischen Auszeichnung im Zweiten Weltkrieg führt unweigerlich in ein komplexes System von Tapferkeitsmedaillen, Verdienstorden und staatlicher Propaganda, das während des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland radikal umgestaltet und ausgebaut wurde. Während in vielen kriegsführenden Nationen traditionelle Orden wie das britische Victoria Cross, die sowjetische Medaille des Helden der Sowjetunion oder die amerikanische Medal of Honor als unbestrittene Gipfelpunkte militärischer Ehrung galten, schuf die Wehrmacht mit der Neueinführung und sukzessiven Erweiterung des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes und seiner immer höher werdenden Stufen ein beispielloses hierarchisches System.
Dieses System war nicht nur ein Instrument zur Belohnung außergewöhnlicher persönlicher Tapferkeit an vorderster Front, sondern erfüllte zugleich eine zentrale Funktion im psychologischen und propagandistischen Gefüge des Zweiten Weltkriegs. Die Träger dieser Auszeichnungen wurden gezielt in den nationalsozialistischen Massenmedien – von der Wochenschau über Illustrierte bis hin zu den Rundfunkberichten – inszeniert, um Durchhaltewillen, Opferbereitschaft und das Prinzip der „Heldenschaft“ innerhalb der deutschen Zivilbevölkerung sowie der kämpfenden Truppe zu stimulieren.
Um die Bedeutung und den Charakter dieser militärischen Höchstauszeichnung wissenschaftlich fundiert und historisch präzise zu erfassen, müssen wir den Blick auf die Entstehungsgeschichte, die rechtlichen Grundlagen der Stiftungsverordnungen, die spezifischen Verleihungskriterien, die schrittweise Eskalation der Ordensstufen sowie auf die gesellschaftliche und ideologische Einbettung im Dritten Reich richten.
Historischer Kontext: Die Wiederbelebung und Radikalisierung des Ordenswesens 1939
Mit dem Beginn des Überfalls auf Polen am 1. September 1939 verfügte Adolf Hitler per Erlass die erneute Erneuerung des traditionsreichen Eisernen Kreuzes, das bereits in den Befreiungskriegen gegen Napoleon (1813), im Deutsch-Französischen Krieg (1870) und im Ersten Weltkrieg (1914) als der klassische preußisch-deutsche Tapferkeitsorden gedient hatte. Die Stiftung erfolgte in einer traditionellen Hierarchie mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse, dem Eisernen Kreuz 1. Klasse und dem Großkreuz des Eisernen Kreuzes.
Schon sehr bald zeigte sich jedoch, dass dieses traditionelle dreistufige System den Anforderungen eines modernen, mechanisierten und extrem materialintensiven Weltkriegs von globalem Ausmaß nicht mehr vollumfänglich gerecht werden konnte. Im Ersten Weltkrieg war der preußische Orden Pour le Mérite (oft schlicht „Blauer Max“ genannt) die unangefochtene Höchstauszeichnung für Offiziere gewesen, während Unteroffiziere und Mannschaften mit dem Goldenen Verdienstkreuz oder dem Militär-Ehrenzeichen ausgezeichnet wurden. Da der Pour le Mérite jedoch als preußischer Hausorden eng an die Monarchie gekoppelt war und im Dritten Reich vermieden werden sollte, eine Auszeichnung zu schaffen, die allzu offen an das kaiserliche Preußen erinnerte, benötigte das nationalsozialistische Regime eine neue, eigene Apex-Auszeichnung, die dennoch nahtlos an die preußisch-militärische Tradition anknüpfte.
Die Lösung hierfür war die Schaffung des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes am 1. September 1939. Dieses bildete fortan das Bindeglied zwischen dem klassischen Eisernen Kreuz 1. Klasse und dem theoretisch existierenden, aber im Zweiten Weltkrieg nur einmal verliehenen Großkreuz.
Die Struktur und visuelle Ästhetik des Ritterkreuzes
Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes übernahm formal die Grundform des historischen Eisernen Kreuzes, war jedoch deutlich größer als das Eiserne Kreuz 1. Klasse und wurde im Gegensatz zu diesem nicht an einer Nadel auf der Brust, sondern an einem schwarz-weiß-roten Band um den Hals getragen.
Material und Beschaffenheit: Gefertigt wurde es typischerweise aus einem silbern polierten Zargenrahmen (oft mit einem Feinsilbergehalt von 800 oder 935) und einem schwärzierten Kern aus Eisen.
Herstellung: Im Laufe des Krieges fertigten verschiedene renommierte Juweliere und Ordenshersteller (wie Godet, Steinhauer & Lück, Klein & Quenzer oder Juncker) im Auftrag der Präsidialkanzlei die Stücke, was zu leichten Abweichungen in der Größe, der Wölbung und den Punzen (Herstellernummern) führte.
Symbolik: Auf der Vorderseite befand sich im oberen Kreuzarm das traditionelle preußische Hoheitszeichen (die Königskrone), in der Mitte der Buchstabe „W“ (für Wilhelm II. bzw. die dynastische Tradition, wobei im Zweiten Weltkrieg das Hakenkreuz als zentrales Emblem im unteren Kreuzarm integriert wurde) und auf dem unteren Kreuzarm die Stiftungszahl „1939“. Auf der Rückseite war lediglich die Jahreszahl „1813“ eingeprägt, was die historische Kontinuität zur Stiftung durch König Friedrich Wilhelm III. betonen sollte.
Die Dynamik der Verleihung: Vom einfachen Ritterkreuz zu den Höheren Stufen
Im Verlauf des Krieges, insbesondere ab dem Angriff auf die Sowjetunion (Operation Barbarossa im Juni 1941) und dem sich abzeichnenden Abnutzungskrieg an allen Fronten, reichte das einfache Ritterkreuz allein nicht mehr aus, um die stark ansteigende Zahl von extremen Fronteinsätzen und herausragenden militärischen Einzeltaten zu würdigen. Die militärische Führung, insbesondere Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel und Adolf Hitler selbst, sahen sich gezwungen, das System durch immer neue, exklusive Stufen zu ergänzen. Dies führte zu einer beispiellosen Inflation von militärischen Ehrungen, spiegelte aber gleichzeitig den immer verzweifelteren Charakter des Krieges wider.
Das hierarchische Gefüge des Ritterkreuzes erweiterte sich zwischen 1940 und 1945 in insgesamt fünf aufeinanderfolgende Stufen:
Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes
Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub (eingeführt am 3. Juni 1940)
Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub und Schwertern (eingeführt am 21. Juli 1941)
Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten (eingeführt am 28. September 1941)
Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit goldenem Eichenlaub, Schwertern und Brillanten (eingeführt am 29. Dezember 1944)
Jede dieser Stufen war mit spezifischen materiellen und optischen Modifikationen am Band oder am Kreuz selbst verbunden. So wurden beispielsweise beim Eichenlaub drei stilisierte Eichenblätter aus Silber (später auch mit Brillanten besetzt) über der Aufhängeöse des Kreuzes angebracht.
Statistische Dimensionen und Verleihungspraxis
Die Verleihung des Ritterkreuzes unterlag offiziell strengen Kriterien, die jedoch im Kriegsverlauf immer wieder angepasst wurden. Grundsätzlich galt, dass Tapferkeit vor dem Feind, die Rettung einer kritischen militärischen Situation durch entschlossenes Handeln, herausragende taktische Führungsleistungen auf Bataillons-, Regimenter- oder Divisions Ebene oder – insbesondere bei Jagdfliegern und U-Boot-Kommandanten – das Erreichen bestimmter quantitativer Erfolgsquoten (wie Abschusszahlen oder versenkte Tonnage) Voraussetzung waren.
Dennoch gab es erhebliche Unterschiede je nach Teilstreitkraft (Heer, Luftwaffe, Kriegsmarine, Waffen-SS):
Die Luftwaffe: Insbesondere die Jagdflieger (die sogenannten „Experten“) hatten präzise definierte Punktesysteme. Zu Beginn des Krieges reichten oft wenige Abschüsse, während gegen Ende des Krieges im Osten teilweise über 100 oder gar 150 Luftsiege gefordert waren, um das Ritterkreuz oder dessen höhere Stufen zu erlangen.
Die Kriegsmarine: U-Boot-Kommandanten wurden primär nach versenkter Schiffs tonnage (oft ab 100.000 BRT) ausgezeichnet. Berühmte Kommandanten wie Otto Kretschmer oder Günther Prien erhielten das Ritterkreuz rasch, gefolgt von den höheren Stufen.
Das Heer und die Waffen-SS: Hier war die Verleihung ungleich komplexer und basierte auf subjektiven Beurteilungen der Vorgesetzten (Divisionskommandeure, Armeeoberbefehlshaber), was zuweilen zu einer gewissen Willkür oder Bevorzugung bestimmter Truppengattungen (wie Panzerverbänden) führte.
Insgesamt erhielten im Laufe des Zweiten Weltkriegs schätzungsweise rund 7.300 bis 7.400 Soldaten das einfache Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Das Eichenlaub wurde etwa 882 Mal verliehen, die Schwerter 160 Mal, die Brillanten 27 Mal und das Goldene Eichenlaub als absolute Ausnahmegestaltung exklusiv ein einziges Mal an den Stuka-Piloten Hans-Ulrich Rudel im Januar 1945.
Psychologische und Propaganda-Mechanismen hinter der Auszeichnung
Die Verleihung des Ritterkreuzes war keineswegs nur ein interner militärischer Verwaltungsakt, sondern ein zentrales Instrument der nationalsozialistischen Propaganda. Die Verleihungen wurden im amtlichen Organ Deutscher Militärverlag sowie täglich in der nationalen Presse und im Rundfunk verkündet. Die Gesichter der Ritterkreuzträger – oftmals junge, ideologisch geschulte Offiziere oder Unteroffiziere – wurden zu Ikonen aufgebaut.
Dabei spielte der Personenkult eine entscheidende Rolle. Das Regime instrumentalisierte die Tapferkeit des Einzelnen, um von den strategischen Misserfolgen und den massiven Verlusten an den Fronten abzulenken. Die Botschaft an die Heimatfront war unmissverständlich: Trotz der materiellen Überlegenheit der Alliierten (Sowjetunion, USA, Großbritannien) garantierten der ungebrochene Wille und die überragende soldatische Qualität der deutschen Elitesoldaten den Fortbestand des Kampfes.
Besonders deutlich wurde diese Propaganda-Maschinerie bei den sogenannten „Meldungen aus dem Reich“ des Sicherheitsdienstes (SD) beobachtet. Berichte zeigten, dass die Bevölkerung zwar das persönliche Heldentum der Soldaten an der Front bewunderte, jedoch ab den Jahren 1943/1944 zunehmend eine Diskrepanz zwischen den glorifizierten Einzelauszeichnungen und der bitteren Realität des unausweichlichen militärischen Zusammenbruchs wahrnahm. Dennoch blieben die Orden bis zu den letzten Kriegstagen im Mai 1945 begehrte Statussymbole, deren Verleihung von den Betroffenen oft unter Einsatz des eigenen Lebens angestrebt wurde.
Die Eskalation der Ehrungen: Vom Ritterkreuz zu den Höchststufen
Während das klassische Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes im Verlauf des Krieges an über 7.300 Soldaten verliehen wurde, reichte diese Stufe bald nicht mehr aus, um extrem gesteigerte militärische Leistungen oder rein willkürliche Steigerungen im Sinne der NS-Propaganda zu belohnen. Aus diesem Grund sah sich die Führung gezwungen, das Ordensgefüge durch ständige Erweiterungen zu ergänzen. Bereits ab 1940 wurde das Eichenlaub eingeführt, dem später die Schwerter und die Brillanten folgen sollten.
Diese immer feiner abgestuften Sonderstufen dienten vor allem dazu, einen kleinen Kreis von sogenannten „Ausnahmekämpfern“ – primär erfolgreiche Jagdflieger, U-Boot-Kommandanten oder Panzergeneräle – noch stärker medial zu glorifizieren. Für die breite Öffentlichkeit wurden diese Träger als unbesiegbare Helden inszeniert, deren Porträts in Zeitschriften und auf Postkarten gedruckt wurden. Wer die Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern erhielt – eine Auszeichnung, die während des gesamten Krieges lediglich 27-mal vergeben wurde –, stand an der Spitze der militärischen Hierarchie des Regimes und genoss absolute Sonderstatus-Privilegien.
Das Großkreuz des Eisernen Kreuzes: Die singuläre Auszeichnung
Betrachtet man die formale militärische Rangordnung der Kriegsauszeichnungen, so existierte eine Stufe, die selbst über dem am häufigsten verliehenen Ritterkreuz stand: das Großkreuz des Eisernen Kreuzes.
Der historische Kontext:
Das Großkreuz war als traditionelle preußische Höchstauszeichnung für siegreiche Feldherren und entscheidende Schlachten konzipiert worden. Die einzige Verleihung:
Im Zweiten Weltkrieg wurde dieses monumentale, doppelt so große Kreuz genau ein einziges Mal überreicht. Der Empfänger:
Am 19. Juli 1940 erhielt Reichsmarschall Hermann Göring diese Auszeichnung von Adolf Hitler nach dem erfolgreichen Westfeldzug gegen Frankreich zugesprochen.
Göring war damit formal der am höchsten ausgezeichnete Soldat des Deutschen Reiches.
Der Deutsche Orden der NSDAP: Die parteiinterne Konkurrenz
Neben den rein militärischen Ehrenzeichen existierte eine Auszeichnung, die in der Hierarchie des totalitären Staates eine Sonderrolle einnahm und ab 1943 offiziell als die höchste Auszeichnung des nationalsozialistischen Deutschen Reiches galt: Der Deutsche Orden der NSDAP.
Merkmale und Verleihungspraxis des Deutschen Ordens
Parteimitgliedschaft als Voraussetzung: Der Orden war keine klassische Frontmedaille, sondern eine extrem exklusive Parteiauszeichnung, die von Hitler persönlich gestiftet wurde, um außerordentliche Verdienste um die NSDAP und den Staat zu würdigen.
Posthume Verleihungen:
Von den elf bekannten Verleihungen der höchsten Stufe (mit Lorbeerkranz und Schwertern) wurden die ersten sieben posthum vergeben – unter anderem an Reichsminister Fritz Todt, den Chef der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich und SA-Führer Viktor Lutze. Lebende Träger: Erst ab Februar 1945 erhielten auch wenige lebende Personen wie Konstantin Hierl oder Artur Axmann diese Auszeichnung, was den testamentarischen Charakter dieser Ehrung in den finalen Kriegswochen unterstreicht.
Fazit: Die Fragmentierung des Rangs am Ende des Krieges
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite keine einzelne, unumstrittene Höchstauszeichnung gab, sondern ein rigides, nach Funktionsbereichen aufgespaltenes System.
Während für die kämpfende Truppe an der Front das Ritterkreuz in seinen verschiedenen Steigerungsformen den Inbegriff des erreichbaren militärischen Ruhms darstellte, blieben das singuläre Großkreuz für Göring und der parteiinterne Deutsche Orden Symbole der obersten Staats- und Parteielite. Alle diese Abzeichen wurden nach dem Zusammenbruch des Regimes 1945 verboten und sind heute in Deutschland als verfassungsfeindliche Propagandamittel eingestuft, deren öffentlicher Handel und zur Schau stellen streng sanktioniert werden.
Welcher Aspekt dieser Ordensgeschichte – die rein militärische Hierarchie an der Front oder die parteiinternen Verstrickungen der NS-Auszeichnungen – interessiert Sie besonders?
