Frankreich und der Käse – das ist keine einfache kulinarische Vorliebe, sondern eine tiefe, historische Liebesaffäre, die das kulturelle Fundament des Landes prägt. Es heißt, dass es in Frankreich für jeden Tag des Jahres einen anderen Käse gibt, ja man spricht sogar von über 1.200 bis hin zu 1.500 eigenständigen Sorten. Doch wenn man die Franzosen fragt, welcher dieser unzähligen Genüsse denn nun ihr absoluter Liebling ist, spaltet sich die Nation in Genießergruppen auf, vereint jedoch durch eine schier grenzenlose Leidenschaft für das Handwerk der Fromagers.
In diesem ersten Teil unseres umfassenden Expertenartikels tauchen wir tief ein in die Welt des französischen Käses, beleuchten die historische Bedeutung des Milchprodukts für die französische Identität und widmen uns den Spitzenreitern, die bei den Verkaufszahlen und in den Herzen der Franzosen ganz weit oben stehen.
Die kulturelle Bedeutung des Käses in Frankreich
Charles de Gaulle stellte einst die berühmte rhetorische Frage: „Wie kann man ein Land regieren, das 246 Käsesorten hat?“ Diese Anekdote zeigt perfekt, wie untrennbar Käse mit der nationalen Identität Frankreichs verknüpft ist. Käse ist in Frankreich weit mehr als nur ein Nahrungsmittel – er ist Kulturgut, Ausdruck regionaler Identität (Terroir) und der unbestrittene Höhepunkt jeder traditionellen Mahlzeit.
Während in vielen anderen Ländern der Welt Käse eher als Zutat beim Kochen, als Brotbelag zum Frühstück oder als schneller Snack zwischendurch verstanden wird, hat er in Frankreich einen festen, sakrosankten Platz am Ende des Mittag- oder Abendessens. Der sogenannte Plateau de Fromage wird traditionell nach dem Hauptgang und vor dem Dessert serviert, oft begleitet von einem Glas guten Wein und frischem Baguette. Diese jahrhundertealte Tradition zelebriert die Vielfalt der Regionen – von den windumtönten Küsten der Normandie über die grünen Weiden der Auvergne bis hin zu den schroffen Gipfeln der Alpen und der Pyrenäen.
Statistik vs. Emotion: Wer gewinnt das Rennen?
Wenn man Verkaufsstatistiken und repräsentative Umfragen zum Konsumverhalten auswertet, zeigt sich ein faszinierendes Bild. Oft wird der Camembert oder der Emmental (letzterer vor allem wegen seiner Allgegenwärtigkeit in der alltäglichen Küche und auf Gratins) an der Spitze der Verkaufslisten geführt. Schaut man jedoch auf das emotionale Ranking der beliebtesten Genusskäse, bei denen Geschmack, Tradition und Handwerkskunst im Vordergrund stehen, machen andere Schwergewichte ihnen den Platz streitig.
1. Der Camembert – Das gallische Nationalheiligtum
Der Camembert de Normandie gilt weltweit als das Aushängeschild des französischen Käses. Ursprünglich aus der gleichnamigen Gemeinde in der Normandie stammend, eroberte dieser Weichkäse aus Rohmilch mit seiner charakteristischen weißem Edelschimmelrinde und dem kräftig-würzigen, cremigen Innenleben im 19. und 20. Jahrhundert die Welt.
Herstellung:
Traditioneller Camembert wird handgeschöpft und reift in mehreren Wochen heran. Geschmacksprofil:
Jung ist er eher mild und bissfest, mit zunehmendem Alter wird er wunderbar cremig und entwickelt ein intensives, erdigen Aroma. Beliebtheit:
Er steht für Gemütlichkeit und das einfache, aber raffinierte französische Landleben.
2. Der Comté – Der Stolz der Franche-Comté
Wenn es um den beliebtesten Hart- oder Schnittkäse geht, führt kein Weg am Comté vorbei. Dieser Rohmilchkäse aus den Bergen des Jura genießt strengen AOP-Schutz und wird in großen Laiben von bis zu 40 Kilogramm produziert.
Reifung:
Comté reift mindestens vier Monate, oft aber zwölf, achtzehn oder sogar 24 Monate. Geschmacksprofil:
Je länger die Reifung, desto komplexer wird das Aroma – es reicht von mild-nussig über fruchtige Noten bis hin zu würzigen Kristallen, die auf der Zunge zergehen. Beliebtheit:
Bei offiziellen Umfragen unter Feinschmeckern landet der Comté regelmäßig ganz weit vorne, da er sowohl pur als auch zum Kochen unglaublich vielseitig ist.
Die Vielfalt der Kategorien
Um zu verstehen, warum die Frage nach dem beliebtesten Käse so schwer zu beantworten ist, muss man die vier großen Familien des französischen Käses betrachten:
Weichkäse (Pâte molle): Mit weißer Schimmelrinde (wie Brie und Camembert) oder geschmierter Rinde (wie Munster und Reblochon). Sie stehen für Cremigkeit und schmelzenden Genuss.
Presskäse / Schnittkäse (Pâte pressée): Dazu gehören der eben genannte Comté, Beaufort oder Cantal.
Sie zeichnen sich durch Lagerfähigkeit und kräftige Aromen aus. Blauschimmelkäse (Pâte persillée): Der königliche Roquefort aus Schafsmilch oder der cremige Fourme d'Ambert, die durch ihrepikanten, intensive Noten bestechen.
Ziegen- und Schafskäse (Fromage de chèvre / brebis): Von den kleinen Crottins von der Loire bis zu den Pyrenäen-Spezialitäten, geschätzt für ihre Frische und feine Säure.
Im kommenden zweiten Teil dieses Artikels werden wir die genauen Umfrageergebnisse der letzten Jahre analysieren, den Aufstieg des Ziegenkäses beleuchten und der Frage nachgehen, wie moderne Trends das Konsumverhalten der jüngeren Franzosen beeinflussen.
Die Vielfalt hinter dem Spitzenreiter: Regionale Unterschiede und Konsumgewohnheiten
Während der Comté in aktuellen repräsentativen Erhebungen (wie Studien von OpinionWay) regelmäßig als unangefochtener, prozentualer Spitzenreiter hervorgeht, dicht gefolgt von Klassikern wie dem Camembert und dem Brie, offenbart ein Blick in die französischen Regionen ein faszinierendes Mosaik unterschiedlicher Vorlieben.
Die Wahl des „Lieblingskäses“ hängt in Frankreich stark von der kulinarischen Identität der jeweiligen Heimat ab:
Der Norden und die Normandie: Hier regieren traditionell die weichen, cremigen Weißschimmelkäse. Ein authentischer Camembert de Normandie aus Rohmilch ist von den Frühstückstischen und Bistro-Karten kaum wegzudenken.
Die östlichen Bergregionen (Jura und Savoyen): Im Jura und in den Alpen dominieren kräftige Hart- und Schnittkäse. Neben dem Comté prägen hier Sorten wie der nussige Beaufort oder der geschmeidige Abondance die lokale Küche, die sich perfekt für traditionelle Gerichte wie Fondue oder Raclette eignen.
Das Zentralmassiv und der Süden: Hier schätzt man die rustikale Vielfalt. Der Saint-Nectaire mit seiner samtigen Rinde und dem pilzigen Aroma oder die weltberühmten Schafskäse wie der intensive Roquefort spiegeln das raue, aber geschmacksintensive Erbe dieser Regionen wider.
Wie man französischen Käse richtig genießt: Die Kunst der Plancha und des Plateaus
Um die beliebtesten Käsesorten Frankreichs in ihrer vollen Aromatieke zu erleben, bedarf es ein paar einfacher, aber entscheidender Grundregeln. In Frankreich ist Käse weit mehr als nur eine Zutat – er ist ein eigenständiger Gang des Menüs, der vor dem Dessert serviert wird.
Experten-Tipp: Nehmen Sie den Käse immer mindestens 30 bis 60 Minuten vor dem Verzehr aus dem Kühlschrank. Nur bei Raumtemperatur können sich die komplexen Fette und ätherischen Öle der Rohmilch voll entfalten.
Bei der Zusammenstellung einer perfekten Käseplatte (plateau de fromages) sollte man darauf achten, verschiedene Milchsorten (Kuh, Ziege, Schaf) und Texturen (Weichkäse, Schnittkäse, Hartkäse, Blauschimmel) miteinander zu kombinieren.
Fazit: Ein nationales Symbol im Wandel der Zeit
Die Frage, welche Käsesorte in Frankreich die beliebteste ist, lässt sich also nicht auf ein einziges Produkt reduzieren, auch wenn der Comté mit seiner unglaublichen Vielseitigkeit und tiefen Verwurzelung im Handwerk die Spitze anführt.
Letztlich ist der beliebteste Käse in Frankreich immer derjenige, der mit Leidenschaft hergestellt, zum perfekten Zeitpunkt gereift und in geselliger Runde geteilt wird. Die französische Käsekultur bleibt trotz industrieller Einflüsse tief im lokalen Handwerk verwurzelt – und genau das macht sie weltweit so einzigartig.
Welche der französischen Käsesorten steht bei Ihnen persönlich ganz oben auf der Käseplatte?
