Der Ursprung des Übels: Warum die Teilung von Verdun im Jahr 843 alles veränderte
Man muss schon sehr weit zurückgehen, um zu verstehen, warum sich diese beiden Nachbarn so lange nicht grün waren. Alles begann mit einem Erbschaftsstreit unter den Enkeln Karls des Großen, der im Vertrag von Verdun gipfelte. Das Frankenreich wurde in drei Teile zerlegt, und genau hier liegt der Hund begraben: Das Mittelreich, Lotharingien genannt, lag wie ein Puffer zwischen dem späteren Frankreich und dem späteren Deutschland. Weil dieses Mittelreich politisch schwach war, versuchten beide Seiten über tausend Jahre lang, sich dieses Gebiet einzuverleiben, was zu einer schier endlosen Kette von Konflikten führte. Ehrlich gesagt, wer blickt da noch durch, wenn man bedenkt, dass die Grenzen damals so flüssig waren wie der Wein in der Champagne? Es ging nicht um Völker, sondern um den Besitz von Ländereien, die heute zum Elsass, zu Lothringen oder zu den Benelux-Staaten gehören.
Das Erbe der Karolinger und der ewige Zankapfel
In den ersten Jahrhunderten nach der Aufteilung waren die Kriege eher lokale Scharmützel zwischen Adligen als nationale Katastrophen. Aber das Problem blieb bestehen: Wer kontrolliert das Herzland Europas? Die französischen Könige versuchten beharrlich, ihre Macht nach Osten auszudehnen, während das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – ein eher loser Bund von Fürstentümern – versuchte, den Status quo zu wahren. Man darf nicht vergessen, dass Deutschland bis 1871 kein geeinter Staat war, was die Zählung der Kriege so knifflig macht. War es ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland, wenn der französische König gegen den bayerischen Herzog oder den Kurfürsten von der Pfalz kämpfte? Formal gesehen oft nicht, faktisch aber schon.
Ritter, Burgen und dynastische Eitelkeiten
Während des Mittelalters und der frühen Neuzeit waren es oft die Habsburger, die als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches den Takt angaben. Für Frankreich bedeutete das eine gefährliche Umklammerung: Im Osten das Reich, im Süden und Norden die spanischen Besitzungen der Habsburger. Dass daraus Funken schlugen, ist kein Wunder. Die sogenannten Habsburgisch-Französischen Gegensätze dominierten die europäische Politik für über 200 Jahre. Es war ein brutales Schachspiel auf dem Rücken der Bauern, bei dem es weniger um „Deutsch gegen Französisch“ ging, sondern um „Bourbon gegen Habsburg“.
Warum der Dreißigjährige Krieg und die Ära Ludwigs XIV. die Narben vertieften
Wenn wir über die Zerstörung deutscher Landstriche durch französische Truppen sprechen, landen wir unweigerlich im 17. Jahrhundert. Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) war eine Katastrophe biblischen Ausmaßes, und Frankreich unter Kardinal Richelieu griff massiv ein, um die deutsche Zentralmacht zu schwächen. Das Kalkül war simpel: Ein zersplittertes Deutschland ist ein schwaches Deutschland, und ein schwaches Deutschland ist gut für Frankreich. Der Westfälische Friede von 1648 zementierte diese Kleinstaaterei für lange Zeit. Aber die Gier war damit nicht gestillt. Ludwig XIV., der berühmte Sonnenkönig, führte seine „Raubkriege“ und ließ die Pfalz systematisch verwüsten. Schloss Heidelberg als Ruine? Das ist ein direktes Überbleibsel dieser Zeit. Und das ist genau der Punkt, an dem aus politischem Kalkül echter Hass in der Bevölkerung zu keimen begann.
Die Verwüstung der Pfalz und der Mythos der Zerstörung
Stellen Sie sich vor, eine Armee zieht durch Ihr Land, nicht um es zu besetzen, sondern um es unbewohnbar zu machen. Genau das geschah während des Pfälzischen Erbfolgekrieges Ende des 17. Jahrhunderts. Ganze Städte wie Worms, Speyer und Mannheim wurden dem Erdboden gleichgemacht. Warum? Damit die kaiserlichen Truppen keine Basis für Angriffe gegen Frankreich fanden. Diese Taktik der „verbrannten Erde“ hinterließ ein Trauma, das über Generationen weitergegeben wurde. Es war kein fairer Kampf, sondern eine strategische Vernichtung von Lebensgrundlagen. Und doch, so paradox es klingt, gab es gleichzeitig einen enormen kulturellen Austausch. Der deutsche Adel sprach Französisch, man kopierte Versailles in jedem noch so kleinen Fürstentum. Man hasste den Nachbarn, aber man bewunderte seinen Stil.
Die Kabinettskriege des 18. Jahrhunderts: Ein ständiges Hin und Her
Im 18. Jahrhundert wurde der Krieg fast zu einer sportlichen Angelegenheit der Könige, zumindest aus der Sicht der Generäle. Man kämpfte im Spanischen Erbfolgekrieg, im Polnischen Erbfolgekrieg und im Österreichischen Erbfolgekrieg. Mal war Preußen mit Frankreich verbündet (wie unter Friedrich dem Großen), mal waren sie erbitterte Feinde. Diese Wechselhaftigkeit zeigt deutlich, dass es die „natürliche Erbfeindschaft“ damals noch gar nicht gab. Es waren Zweckbündnisse. Die Sache ist die: Erst als die Ideologien ins Spiel kamen, wurde es richtig blutig.
Napoleon und die Geburtsstunde des deutschen Nationalismus
Dann kam Napoleon Bonaparte und wirbelte alles durcheinander. Mit seinen Truppen überrannte er die deutschen Kleinstaaten, löste 1806 das Heilige Römische Reich auf und zwang die Deutschen unter seine Knute. Das war der Moment, in dem die Deutschen merkten: Wir brauchen eine gemeinsame Identität, um uns gegen diesen übermächtigen Nachbarn zu wehren. Napoleon war paradoxerweise der Geburtshelfer der deutschen Nation. Ohne den Druck aus dem Westen hätten sich die Bayern, Preußen und Sachsen wohl noch lange gegenseitig beargwöhnt. Der Befreiungskrieg von 1813 war der erste Krieg, den man im modernen Sinne als „national“ bezeichnen könnte. Hier wurde der Grundstein für das gelegt, was wir später als die Katastrophen des 20. Jahrhunderts erleben mussten.
Jena, Auerstedt und die Schmach von Berlin
Die preußische Armee, die sich seit Friedrich dem Großen für unbesiegbar hielt, wurde 1806 innerhalb weniger Wochen von Napoleon zerlegt. Das war mehr als eine militärische Niederlage; es war eine Demütigung. Berlin wurde besetzt, Preußen auf die Größe einer Provinz zusammengestrichen. Aber wissen Sie, was das Faszinierende ist? In dieser tiefsten Erniedrigung begannen die preußischen Reformen. Man modernisierte den Staat, das Bildungswesen und die Armee – alles mit dem Ziel, es den Franzosen irgendwann heimzuzahlen. Der Hass wurde zum Motor des Fortschritts, was im Rückblick eine ziemlich gruselige Vorstellung ist.
Der Wiener Kongress und die trügerische Ruhe
Nach 1815 versuchte man in Wien, die alte Ordnung wiederherzustellen. Frankreich wurde zwar besiegt, aber nicht zerstört. Man wollte ein Gleichgewicht der Mächte. Doch der Geist des Nationalismus war aus der Flasche. Die Deutschen wollten einen Nationalstaat, und die Franzosen fürchteten nichts mehr als ein geeintes Deutschland an ihrer Ostgrenze. Die Rheinkrise von 1840, als französische Politiker den Rhein als „natürliche Grenze“ forderten, löste in Deutschland einen Sturm der Entrüstung aus. Lieder wie „Die Wacht am Rhein“ entstanden in dieser Zeit. Es brodelte unter der Oberfläche, und es war nur eine Frage der Zeit, bis der Kessel explodierte.
1870 bis 1945: Drei Kriege in siebzig Jahren und der totale Abgrund
Jetzt kommen wir zum Kernstück der Geschichte, den drei Kriegen, die das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich fast irreversibel vergifteten. 1870/71, 1914–1918 und 1939–1945. Diese Phase ist geprägt von einer Eskalationsspirale, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Es ging nicht mehr nur um Grenzen, sondern um die Vernichtung des Gegners als Großmacht. Bismarck nutzte den Krieg von 1870 geschickt aus, um die süddeutschen Staaten zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches zu bewegen. Dass die Proklamation des Kaisers ausgerechnet im Spiegelsaal von Versailles stattfand, war die ultimative Beleidigung für Frankreich. Ein diplomatischer Fehler sondersgleichen, wenn Sie mich fragen.
Die Reichsgründung in Versailles und der Elsass-Lothringen-Komplex
Frankreich verlor 1871 Elsass-Lothringen und musste eine enorme Kriegsentschädigung zahlen. Von diesem Moment an kannte die französische Außenpolitik nur noch ein Ziel: Revanche. In den französischen Schulen hing oft eine Karte Frankreichs, auf der die verlorenen Provinzen schwarz markiert waren. Man impfte den Kindern den Gedanken ein, dass der Frieden nur ein Waffenstillstand sei. Auf deutscher Seite hingegen wuchs die Arroganz der neuen Großmacht. Man fühlte sich überlegen und unterschätzte den tiefen Schmerz des Nachbarn. Das war eine explosive Mischung, die 1914 schließlich zündete.
Der Grabenkrieg von Verdun: Wo die Menschlichkeit starb
Der Erste Weltkrieg war die industrielle Vernichtung von Menschenleben. In den Schlammlöchern von Verdun und an der Somme standen sich Deutsche und Franzosen gegenüber, oft nur wenige Meter voneinander entfernt, und schlachteten sich gegenseitig ab. Warum? Für ein paar hundert Meter Boden, die am nächsten Tag wieder verloren gingen. Über 700.000 Soldaten starben allein bei Verdun. Diese Schlacht wurde zum Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges und gleichzeitig zum Höhepunkt der sogenannten Erbfeindschaft. Es war der Moment, in dem der Hass in schiere Erschöpfung und Verzweiflung umschlug. Und doch reichte selbst dieses Grauen nicht aus, um den Wahnsinn zu stoppen.
Der Versailler Vertrag und die Saat für das nächste Unheil
Nach 1918 drehten die Franzosen den Spieß um. Der Friedensvertrag wurde wieder in Versailles unterzeichnet – eine bewusste Revanche für 1871. Deutschland wurde die alleinige Kriegsschuld zugeschoben, es verlor Gebiete und musste Reparationen leisten, die die junge Weimarer Republik finanziell erwürgten. Ich bin überzeugt, dass dieser Vertrag, so verständlich er aus französischer Sicht nach den Leiden des Krieges auch war, den Aufstieg Hitlers massiv begünstigt hat. Man demütigte ein Volk, das ohnehin schon am Boden lag, und schuf damit den Nährboden für den nächsten, noch schrecklicheren Krieg.
Warum 1940 und die Besatzungszeit alles veränderten
Der Zweite Weltkrieg war kein gewöhnlicher Krieg mehr zwischen Staaten, sondern ein Vernichtungskrieg einer rassistischen Ideologie. Der schnelle Sieg der Wehrmacht 1940 und die anschließende Besetzung Frankreichs waren der absolute Tiefpunkt. Aber hier passierte etwas Seltsames: Trotz der Unterdrückung und der Verbrechen der Gestapo gab es auf menschlicher Ebene erste zaghafte Kontakte. Es gab die Résistance, ja, aber es gab auch den Alltag, in dem Deutsche und Franzosen miteinander auskommen mussten. Nach 1945 war klar: Wenn wir diesen Zyklus aus Gewalt und Revanche nicht durchbrechen, wird Europa als Ganzes aufhören zu existieren. Die totale Zerstörung Deutschlands und die Erschöpfung Frankreichs schufen den Raum für etwas völlig Neues.
Die Rolle von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer
Es brauchte zwei alte Männer, die beide den Krieg erlebt hatten, um das Blatt zu wenden. De Gaulle und Adenauer erkannten, dass eine dauerhafte Versöhnung nur durch eine tiefe institutionelle Verflechtung möglich ist. Der Elysée-Vertrag von 1963 war das formale Ende der Erbfeindschaft. Es ist fast ein Wunder, wenn man bedenkt, dass nur 18 Jahre zuvor noch aufeinander geschossen wurde. Heute ist es völlig normal, dass deutsche und französische Soldaten in einer gemeinsamen Brigade dienen. Wer das einem Soldaten von Verdun erzählt hätte, der hätte ihn wohl für verrückt erklärt.
Häufige Missverständnisse über das deutsch-französische Verhältnis
Viele glauben, dass Deutsche und Franzosen sich „schon immer“ gehasst haben. Das ist schlichtweg falsch. Die meiste Zeit der Geschichte waren die Beziehungen eher pragmatisch oder durch dynastische Interessen geprägt. Der Begriff der „Erbfeindschaft“ ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, um nationale Einheit zu erzeugen. Ein gemeinsamer Feind schweißt eben zusammen. Ein weiteres Missverständnis ist die Annahme, dass Frankreich Deutschland immer nur schwächen wollte. Tatsächlich gab es oft Phasen der Bewunderung und des kulturellen Imports. Wir sollten aufhören, die Geschichte nur als eine Kette von Kriegen zu sehen, auch wenn diese natürlich die lautesten Ereignisse waren.
War die Erbfeindschaft unvermeidlich?
Man könnte argumentieren, dass die Geografie die beiden Länder zur Rivalität verdammte. Zwei große Mächte in der Mitte Europas, die um die Vorherrschaft ringen – das musste fast schiefgehen. Aber die Geschichte ist kein Schicksal. Sie wird von Menschen gemacht. Die Kriege waren Entscheidungen von Eliten, die ihre eigenen Interessen über das Wohl der Bevölkerung stellten. Es gibt nichts „Natürliches“ an der Feindschaft zwischen einem Bauern in der Normandie und einem Handwerker in Sachsen. Das ist eine wichtige Lektion für die heutige Zeit: Frieden ist kein Zufall, sondern harte Arbeit.
Wie viele Kriege waren es denn nun genau?
Wenn wir die Liste der wichtigsten Konflikte durchgehen, kommen wir auf eine beeindruckende, aber traurige Sammlung. 1. Der Krieg gegen Karl den Kahlen (840er), 2. Die ottonischen Feldzüge, 3. Der Krieg von Bouvines (1214), 4. Die Italienkriege (16. Jh.), 5. Der Dreißigjährige Krieg, 6. Der Devolutionskrieg, 7. Der Holländische Krieg, 8. Der Pfälzische Erbfolgekrieg, 9. Der Spanische Erbfolgekrieg, 10. Der Österreichische Erbfolgekrieg, 11. Der Siebenjährige Krieg, 12. Die Revolutionskriege, 13. Die Napoleonischen Kriege, 14. Der Deutsch-Französische Krieg (1870/71), 15. Der Erste Weltkrieg, 16. Der Zweite Weltkrieg. Dazwischen liegen dutzende kleinere Konflikte und Stellvertreterkriege. Suffice to say: Es waren definitiv zu viele.
Frequently Asked Questions
Was war der längste Krieg zwischen Deutschland und Frankreich?
Das kommt auf die Definition an. Wenn man die habsburgisch-französischen Konflikte als eine Einheit betrachtet, dauerte dieser Zustand fast 250 Jahre. Der Dreißigjährige Krieg war mit 30 Jahren am Stück sicherlich einer der verheerendsten, wobei Frankreich erst in der zweiten Hälfte direkt eingriff. Die Napoleonischen Kriege zogen sich mit Unterbrechungen über 23 Jahre hinweg.
Warum nennt man die Beziehung oft „Erbfeindschaft“?
Dieser Begriff wurde im 19. Jahrhundert populär, vor allem nach den napoleonischen Kriegen. Er suggeriert, dass die Feindschaft genetisch oder historisch zwangsläufig sei. Es war ein politisches Schlagwort, um den deutschen Nationalismus zu fördern. Heute wird der Begriff nur noch historisch verwendet, da die „Erbfeindschaft“ offiziell durch die „deutsch-französische Freundschaft“ ersetzt wurde.
Wer hat mehr Kriege gewonnen?
Das ist schwer zu sagen, da sich die Allianzen ständig änderten. Im 17. und 18. Jahrhundert war meist Frankreich die dominierende Macht. Im 19. Jahrhundert (1870) siegte Deutschland spektakulär. Im 20. Jahrhundert verlor Deutschland beide Weltkriege gegen Frankreich und seine Alliierten. Letztlich hat Europa durch all diese Kriege verloren, da es seine globale Vormachtstellung einbüßte.
Gibt es heute noch Spannungen?
Politische Meinungsverschiedenheiten gibt es immer, vor allem in Wirtschaftsfragen oder bei der Energiepolitik. Aber diese werden heute am Verhandlungstisch in Brüssel gelöst und nicht mehr auf dem Schlachtfeld. Die kulturelle und gesellschaftliche Verflechtung ist mittlerweile so tief, dass ein Krieg zwischen den beiden Ländern absolut undenkbar geworden ist.
Das letzte Wort: Warum die Statistik trügerisch ist
Am Ende des Tages ist die reine Anzahl der Kriege nur eine statistische Spielerei. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass Deutschland und Frankreich es geschafft haben, eine jahrhundertelange Tradition der Gewalt zu beenden. Ich finde es fast schon ironisch, dass ausgerechnet die beiden Länder, die sich am gründlichsten bekämpft haben, heute als „Motor“ der europäischen Integration gelten. Vielleicht muss man erst ganz unten angekommen sein, um zu verstehen, dass Zusammenarbeit der einzige Weg nach vorne ist. Die Datenlage ist klar: Seit 1945 herrscht Frieden, und das ist die längste Friedensperiode in der gemeinsamen Geschichte. Das ändert alles. Wir sind weit davon entfernt, wieder in alte Muster zu verfallen, und das ist vermutlich die wichtigste Nachricht für die kommenden Generationen. Wer hätte gedacht, dass aus Trümmern eine solche Partnerschaft wachsen kann? Es bleibt zu hoffen, dass dieser Zustand als mahnendes Beispiel für andere Konfliktregionen weltweit dient.

