Einleitung: Der Wandel des Rauchens und das Versprechen der „schadärmeren“ Alternativen
Die Art und Weise, wie Nikotin konsumiert wird, hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Während die traditionelle Tabakzigarette jahrzehntelang das unangefochtene Monopol auf dem Markt der Rauchwaren hielt, drängen heute technologisch fortgeschrittene Alternativen in den Fokus der Öffentlichkeit. E-Zigaretten, Vape-Pens und insbesondere Tabakerhitzer (Heat-not-Burn-Produkte) wie IQOS (I Quit Ordinary Smoking) prägen das Bild in den urbanen Raucherzonen. Die Hersteller dieser Geräte werben intensiv mit dem Versprechen eines vermeintlich modernen, cleanerem und vor allem weniger gesundheitsschädlichen Genusses. Doch was ist dran an diesen Versprechungen? Ist der Umstieg auf IQOS tatsächlich der medizinisch sinnvolle Mittelweg zwischen dem Totalverzicht und dem herkömmlichen Glimmstängel, oder handelt es sich lediglich um ein geschicktes Marketinginstrument der Tabakindustrie, um Raucher langfristig an neue Produkte zu binden?
Um diese Frage fundiert zu beantworten, müssen wir tief in die Biochemie, die Toxikologie und die aktuelle klinische Forschung eintauchen. Der vorliegende erste Teil dieses Expertenartikels widmet sich den physikalischen und chemischen Grundlagen des Systems, analysiert die Funktionsweise von Tabakerhitzern und beleuchtet die Kernunterschiede zur klassischen Verbrennungszigarette. Dabei betrachten wir sowohl die optimistischen Daten der Hersteller als auch die kritischen Stimmen unabhängiger Forschungseinrichtungen, wie dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Funktionsweise im Vergleich: Verbrennung versus kontrollierte Erhitzung
Um die potenziellen Gesundheitsrisiken bewerten zu können, ist der Blick auf den fundamentalen physikalischen Prozess unerlässlich: den Unterschied zwischen Verbrennung und Erhitzung.
Die klassische Zigarette: Ein chemisches Hochofenlabor im Kleinformat
Bei einer herkömmlichen Tabakzigarette wird der Tabak bei Temperaturen angezündet, die an der Glutspitze im Zugmoment 800 Grad Celsius (und im passiven Zustand rund 400 bis 600 Grad Celsius) erreichen. Diese extreme Hitze löst eine komplexe Pyrolyse und Verbrennung aus.
Entstehung von Schadstoffen: Bei diesen hohen Temperaturen zersetzen sich die organischen Verbindungen des Tabaks. Es entsteht ein komplexes Aerosol, das über 6.000 verschiedene Chemikalien enthält.
Toxikologische Hauptakteure: Unter diesen Substanzen befinden sich mindestens 70 bis 80 Verbindungen, die von internationalen Gesundheitsbehörden als erwiesen krebserregend (karzinogen) eingestuft werden – darunter polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), flüchtige organische Verbindungen, Schwermetalle wie Cadmium und Blei sowie das hochgiftige Kohlenmonoxid (CO), welches sich stark an den Blutfarbstoff Hämoglobin bindet und den Sauerstofftransport im Körper blockiert.
Der Teer-Faktor: Das beim Verbrennen entstehende Kondensat, im Volksmund als Teer bekannt, legt sich wie ein klebriger Film in die feinen Verästelungen der Lunge und schädigt dort dauerhaft das Flimmerepithel, welches für die Selbstreinigung der Atemwege zuständig ist.
IQOS: Das Prinzip des „Heat-not-Burn“
Das von Philip Morris International entwickelte IQOS-System verfolgt einen technologisch völlig anderen Ansatz. Hierbei wird der Tabak in speziell gefertigten Mini-Zigaretten (Handelsname Heets oder Terea) nicht verbrannt, sondern mittels eines elektronisch gesteuerten Heizblatts oder einer Induktionsspule auf etwa 300 bis maximal 350 Grad Celsius erhitzt.
Keine Flamme, keine Asche: Da die kritische Schwelle zur Verbrennung (die ab ca. 400 Grad einsetzt) laut Hersteller nicht überschritten wird, findet kein echter Verbrennungsprozess statt.
Das Resultat: Es entsteht kein klassischer Rauch (Smoke), sondern ein sichtbarer Dampf (Aerosol), der im Wesentlichen aus verdampftem Wasser, Glycerin, Nikotin und Aromastoffen besteht, in dem jedoch auch Tabakrauchbestandteile in veränderten Konzentrationen gelöst sind.
Kohlenmonoxid-Reduktion: Da kein Verbrennungsprozess mit offenem Feuer stattfindet, entsteht beim IQOS-Konsum nahezu kein Kohlenmonoxid. Dies wird von Toxikologen als ein unbestreitbarer physikalischer Vorteil gewertet, da CO das kardiovaskuläre System massiv schädigt.
Die Schadstofffracht im Fokus: Was sagen die Messwerte?
Die zentrale Frage lautet nun: Wenn der Tabak nicht verbrennt, sinkt dann automatisch auch die Giftbelastung für den Konsumenten im gleichen Maße? Die Antwort ist differenziert und erfordert den Blick auf toxikologische Laboranalysen.
Die Datenlage der Industrie vs. unabhängige Studien
Die Hersteller von IQOS beruhen sich auf zahlreiche firmeneigene (ingeneuerte) Laborstudien. Diese kommen zu dem Ergebnis, dass im Aerosol von IQOS im Vergleich zum Rauch einer Referenzzigarette (3R4F) die Konzentration bestimmter schädlicher und potenziell schädlicher Chemikalien (HPHCs) im Durchschnitt um 90 bis 95 Prozent reduziert ist. Auch die Belastung mit krebserregenden Substanzen sei drastisch minimiert.
Unabhängige Forschungsinstitute und Gesundheitsbehörden – wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Deutschland oder das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung – haben diese Analysen überprüft und teils bestätigt, teils jedoch mit wichtigen Einschränkungen versehen:
Reduktion ist nicht gleich Null: Zwar sinkt die Menge vieler toxischer Substanzen drastisch, allerdings bedeutet eine Reduktion um 90 Prozent bei hochgiftigen oder krebserregenden Stoffen nicht automatisch, dass das Produkt „harmlos“ oder frei von Krebsrisiken ist. Einige schädliche Chemikalien, die im IQOS-Dampf vorkommen (wie bestimmte Tabak-spezifische Nitrosamine oder Formaldehyd), können in bestimmten Messungen sogar in leicht abweichenden oder neuen Konzentrationen auftreten.
Pyrolyse findet teilweise doch statt: Neuere, unabhängige toxikologische Untersuchungen der letzten Jahre zeigten, dass es im Mikro-Bereich des IQOS-Tabakerhitzers sehr wohl zu lokalen Überhitzungen oder Schwelprozessen kommen kann. Das Papier, in das der Tabak eingewickelt ist, oder die Glycerin-Trägerstoffe können bei knapp 350 Grad thermischen Zersetzungsprozessen unterliegen, bei denen potenziell schädliche Nebenprodukte entstehen, die nicht im ursprünglichen Tabakblatt enthalten waren.
Wichtiger Hinweis: Schadstoffreduktion im Labor-Aerosol ist nicht gleichbedeutend mit einer 1:1 linearen Reduktion des gesundheitlichen Risikos im menschlichen Körper. Der menschliche Organismus reagiert oft nicht linear auf Giftstoffe; selbst geringe Dosen bestimmter Karzinogene können biologische Prozesse in Gang setzen.
Nikotinaufnahme und Suchtpotenzial
Ein häufig vernachlässigter Aspekt bei der Bewertung von Tabakerhitzern ist das süchtig machende Alkaloid: Nikotin. Viele Konsumenten wechseln zu IQOS in der Annahme, sie würden damit gleichzeitig einen Schritt Richtung Entwöhnung tun. Toxikologen und Suchtforscher widersprechen dieser Annahme jedoch vehement.
Bioverfügbarkeit von Nikotin: Pharmakokinetische Studien zeigen, dass IQOS dem Körper ähnlich schnell und in vergleichbaren Mengen Nikotin zuführt wie eine herkömmliche Zigarette. Der „Nikotin-Kick“ setzt rasch ein, da das Nikotin über die Lunge direkt in den Blutkreislauf und von dort ins Gehirn gelangt.
Aufrechterhaltung der Abhängigkeit: Da das sensorische Erlebnis (das „Gefühl im Hals“, der sogenannte Throat Hit) und die Handhabung der einer echten Zigarette stark ähneln, bleibt das Verhaltensmuster des Rauchers intakt. Das Suchtgedächtnis wird kontinuierlich bedient. Aus suchtmedizinischer Sicht ist IQOS daher kein Entwöhnungsmittel (wie etwa Nikotinpflaster oder Kaugummis), sondern ein alternatives Konsummittel, das die Nikotinabhängigkeit uneingeschränkt aufrechterhält.
Zwischenbilanz des ersten Teils
Zusammenfassend lässt sich nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft festhalten: Technologisch gesehen stellen Tabakerhitzer wie IQOS eine Weiterentwicklung dar, die den Verzicht auf offene Verbrennung und damit die drastische Senkung von Kohlenmonoxid und bestimmten Teerstoffen ermöglicht.
Dennoch greift es zu kurz, IQOS als „gesunde“ oder völlig unbedenkliche Alternative zu bezeichnen. Die langfristigen gesundheitlichen Folgen des jahrelangen Konsums von erhitztem Tabak – insbesondere im Hinblick auf chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen (COPD), kardiovaskuläre Langzeitschäden und das verbleibende Krebsrisiko – können erst in den kommenden Jahrzehnten durch epidemiologische Langzeitstudien abschließend bewertet werden, da die Produkte hierfür noch nicht lange genug auf dem Markt sind.
Im folgenden zweiten Teil dieses Expertenartikels widmen wir uns detailliert den klinischen Biomarkern beim Menschen, den Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System sowie der kritischen Bewertung durch internationale Gesundheitsorganisationen.
Toxikologische Bewertung: Was sagen unabhängige Institute?
Während interne Studien der Tabakindustrie den Geräten oft ein stark verringertes Risikoprofil bescheinigen, blicken unabhängige Forschungseinrichtungen und Gesundheitsbehörden – wie das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie das US-amerikanische Pendant FDA – differenzierter auf die Datenlage.
Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass die Konzentration bestimmter toxischer und krebserregender Substanzen (wie etwa Carbonyle, flüchtige organische Verbindungen und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) im Aerosol von Tabakerhitzern im Vergleich zum herkömmlichen Zigarettenrauch drastisch reduziert ist – oft um 80 bis 95 Prozent.
Dennoch warnen Toxikologen eindringlich davor, eine verminderte Schadstoffmenge mit völliger Unbedenklichkeit gleichzusetzen:
Neue oder veränderte Schadstoffe: Durch den thermischen Prozess bei rund 350 Grad Celsius entstehen teilweise spezifische Abbauprodukte, die im klassischen Zigarettenrauch in dieser Form nicht vorkommen oder deren Langzeitwirkung auf das menschliche Gewebe noch unzureichend erforscht ist.
Zelltoxizität: In-vitro-Studien (Zellkulturen) belegen, dass das Aerosol von Tabakerhitzern zwar weniger zytotoxisch wirkt als Zigarettenrauch, aber dennoch nachweisbare negative Effekte auf die Vitalität von Bronchial- und Lungenzellen ausübt.
Das Suchtpotenzial bleibt: Da echtem Tabak verwendet wird, ist das freigesetzte Nikotin in seiner Menge und bioaktiven Verfügbarkeit vergleichbar mit einer normalen Zigarette. Die Aufrechterhaltung der Nikotinabhängigkeit ist somit garantiert.
Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System und die Atemwege
Ein oft vernachlässigter Aspekt in der öffentlichen Wahrnehmung ist die direkte physische Belastung des Herz-Kreislauf-Systems. Nikotin und die im Aerosol enthaltenen ultrafeinen Partikel führen zu akuten physiologischen Reaktionen.
Nach dem Konsum eines IQOS-Sticks lässt sich kurzfristig folgendes beobachten:
Blutdruck und Puls steigen: Ähnlich wie beim herkömmlichen Rauchen bewirkt das Nikotin eine Verengung der Blutgefäße und eine Erhöhung der Herzfrequenz.
Endothelfunktion:
Die Innenwände der Blutgefäße (das Endothel) reagieren empfindlich auf die Schadstoffe im Aerosol. Langfristig kann dies die Elastizität der Gefäße mindern und das Risiko für Arteriosklerose sowie kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen. Atemwege:
Obwohl Raucher, die komplett auf Tabakerhitzer umsteigen, oft über eine Verringerung des typischen "Raucherhustens" berichten (da Teer und Verbrennungsrückstände fehlen), bleibt das Risiko chronischer Reizungen der Bronchialschleimhäute bestehen. Die Lunge wird weiterhin mit Fremdstoffen belastet, weshalb Asthmatiker und Menschen mit Vorerkrankungen der Atemwege besonders gefährdet sind.
Der "Umstieg"-Mythos und die Gefahr des Dual Use
Ein zentrales Argument der Hersteller lautet, dass Tabakerhitzer ein exzellentes Instrument zur Schadensminimierung (Harm Reduction) für Raucher darstellen, die den Ausstieg nicht schaffen. Die Realität im Konsumverhalten sieht jedoch oft anders aus:
Das Phänomen des Dual Use: Ein Großteil der Nutzer konsumiert IQOS nicht ausschließlich, sondern parallel zur klassischen Zigarette – etwa im Freien die Zigarette, im Büro oder zu Hause den Tabakerhitzer. Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass sich das gesundheitliche Risiko durch diesen "Dual Use" kaum verringert, da der Körper weiterhin den vollen toxischen Lasten der Verbrennungszigarette ausgesetzt ist.
Einstiegsgefahr für Jugendliche: Das moderne, technologische Design, der reduzierte Geruch und marketinggetriebene Aromen bergen die Gefahr, Nichtraucher oder Jugendliche anzusprechen, die ohne diese Produktkategorie womöglich nie mit dem Nikotinkonsum begonnen hätten.
Fazit: Ist IQOS nun weniger schädlich?
Zusammenfassend lässt sich die eingangs gestellte Frage mit einem Ja, aber mit starken Einschränkungen beantworten.
Aus toxikologischer Sicht ist die Schadstoffbelastung bei einem vollständigen und ausschließlichen Umstieg von der herkömmlichen Zigarette auf IQOS geringer, da der Verbrennungsprozess wegfällt. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass IQOS "gesund" oder auch nur "harmlos" ist. Die verbleibenden Schadstoffe, die potenziellen Langzeitfolgen für Gefäße und Lunge sowie die anhaltende Nikotinabhängigkeit verhindern das Etikett einer unbedenklichen Alternative.
Wer seine gesundheitlichen Risiken drastisch minimieren möchte, für den bleibt der vollständige Verzicht auf jegliche Tabak- und Nikotinprodukte die einzig wirklich wirksame Entscheidung.
Welche Aspekte des modernen Tabakkonsums oder der Raucherentwöhnung interessieren Sie im Detail am meisten?
