Der Dschungel der nominalisierten Verben und warum uns die Grammatik austrickst
Hier wird es knifflig. Sprache ist kein starres Korsett, sondern ein lebendiger Organismus, der sich permanent verändert, was wiederum dazu führt, dass die Grenzen zwischen den Wortarten verschwimmen, obwohl die Rechtschreibregeln der Kultusministerkonferenz seit der Reform von 1996 eigentlich für absolute Klarheit sorgen sollten. Das Wort setzt sich historisch aus der Tageszeit und dem substantivierten Verb „essen“ zusammen. Es bezeichnet eine konkrete Mahlzeit, die laut einer Forsa-Studie aus dem letzten Jahr von immerhin 64 % der arbeitenden Bevölkerung zwischen 12:00 und 13:30 Uhr eingenommen wird. Aber genau diese Verschmelzung zweier Welten verwirrt unser Sprachgefühl massiv.
Die Anatomie eines Kompositums
Das Phänomen nennt sich Zusammensetzung. Wenn wir das Ganze linguistisch sezieren, stoßen wir auf das Bestimmungswort „Mittag“ und das Grundwort „Essen“, welches das grammatische Geschlecht bestimmt – das Neutrum. Das führt dazu, dass wir den bestimmten Artikel „das“ davorhängen können. Und zack, da haben wir den ultimativen Beweis für die Nomen-Eigenschaft, denn Artikel sind nun mal die treuesten Begleiter von Substantiven. Aber Hand aufs Herz: Denkt jemand beim Kauen eines Schnitzels in der Kantine in Frankfurt ernsthaft über syntaktische Strukturen nach?
Warum die Großschreibung im Alltag scheitert
Die Frequenz der Nutzung ist der Feind der Korrektheit. Weil wir den Begriff so oft als bloße Tätigkeit verstehen – quasi als Synonym für „wir gehen jetzt speisen“ –, verliert das Wort in der Praxis seinen Ding-Charakter. Da ändert auch die Tatsache nichts dran, dass Lehrer in ganz Deutschland in Diktaten rot den Rotstift ansetzen, wenn die Schüler die Großschreibung verpatzen. Das ist pure Gewohnheit gegen die Theorie.
Die morphologische Analyse: Was macht Mittagessen zu einem echten Substantiv?
Linguisten schauen sich bei der Kategorisierung von Wörtern drei spezifische Dimensionen an, nämlich die Morphologie, die Syntax und die Semantik, wobei die morphologische Ebene hier die härtesten Fakten liefert. Nomen zeichnen sich im Deutschen dadurch aus, dass sie deklinierbar sind. Das bedeutet im Klartext: Sie lassen sich in den vier bekannten Kasus-Formen verändern, auch wenn sich das Wort in diesem speziellen Fall im Singular kaum bewegt. Des Mittagessens, dem Mittagessen, das Mittagessen. Merken Sie was? Nur der Genitiv bekommt ein sichtbares Genitiv-S verpasst, was typisch für starke Maskulina und Neutra ist.
Das Geheimnis der Pluralbildung im Behördendeutsch
Gibt es überhaupt eine Mehrzahl von diesem Wort? Ja, die gibt es tatsächlich, obwohl man sie im Alltag so gut wie nie benutzt, außer man arbeitet vielleicht in der Verwaltung einer Großküche in Berlin, die täglich 5000 Portionen für Schulen zubereitet. Die Mittagessen – der Plural bleibt optisch identisch mit dem Singular, lediglich der Artikel wechselt zu „die“. Experten streiten sich bis heute darüber, ob solche Wörter, die auf einem Infinitiv basieren, überhaupt einen echten Plural besitzen sollten, aber die offizielle Grammatikschreibung bleibt hartnäckig. Ich finde diese künstliche Pluralform ehrlich gesagt ziemlich hässlich, aber Sprache schert sich nicht um Ästhetik.
Syntaktische Funktionen im Satzgefüge
Ein Nomen kann nicht einfach so im Raum stehen, sondern es muss eine Funktion im Satz übernehmen. Meistens stolpern wir über das Wort in der Rolle des Akkusativobjekts, zum Beispiel in dem Satz: Wir genießen das gemeinsame Mittagessen ein Nomen im Restaurant. Das Nomen besetzt hier die Leerstelle, die das Verb „genießen“ fordert. Ohne dieses Substantiv würde der Satz in sich zusammenbrechen wie ein schlecht gebackenes Soufflé. Es fungiert als logischer Kern der Nominalphrase.
Semantische Fallstricke: Wenn eine Mahlzeit zur reinen Zeitangabe mutiert
Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen dem Essen als Objekt und der Zeit, in der es stattfindet? Das ist die große konzeptionelle Verschiebung. In Sätzen wie „Nach dem Mittagessen gehen wir spazieren“ wird die zeitliche Komponente dermaßen dominant, dass das eigentliche Nahrungsmittel komplett in den Hintergrund tritt. Es handelt sich um eine Metonymie. Das Gefäß – in diesem Fall der zeitliche Rahmen der Pause – steht stellvertretend für den Inhalt, also das verzehrte Gut.
Die Verwechslung mit dem temporalen Adverb
Jetzt wird es richtig wild. Viele Menschen verwechseln das Substantiv mit Wörtern wie „mittags“ oder „nachmittags“. Das sind Adverbien, die logischerweise kleingeschrieben werden. Und da die Aussprache fast identisch ist, wirft das Gehirn im Eifer des Gefechts gerne mal alles in einen Topf. Aber Vorsicht: Ein Adverb kann niemals einen Artikel bei sich tragen. Man kann nicht sagen: „Das Mittags ist schön.“ Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen, und das ist der Punkt, wo viele Rechtschreibprogramme kapitulieren.
Syntaktische Alternativen und die Konkurrenz durch das Verb
Wir haben im Deutschen das große Glück – oder das Pech, je nachdem, wie man es betrachtet –, dass wir fast jeden Gedanken auf zwei völlig unterschiedliche Arten ausdrücken können. Der ewige Kampf zwischen dem Nominalstil und dem Verbalstil prägt unsere Sprache seit Jahrhunderten. Statt der Formulierung „Das Mittagessen dauerte heute exakt 45 Minuten“ können wir genauso gut sagen: „Wir haben heute Mittag 45 Minuten lang gegessen.“ Das bedeutet inhaltlich exakt dasselbe. Welcher Stil ist nun der bessere? Der Nominalstil wirkt oft bürokratisch, distanziert und schwerfällig, während das Verb Dynamik und Leben in die Bude bringt.
Der Einfluss des Englischen auf unsere Wahrnehmung
Ein nicht zu unterschätzender Faktor bei dieser permanenten Verwirrung ist der massive Einfluss der englischen Sprache auf den deutschen Alltag. Im Englischen heißt es „lunch“ oder „to have lunch“, wobei das Wort je nach Kontext flexibel die Rolle wechselt, ohne dass sich die Groß- und Kleinschreibung ändert, weil im Englischen bekanntlich fast alles kleingeschrieben wird. Da wir im Beruf ständig zwischen den Sprachen hin- und herspringen, färbt diese Flexibilität auf unser deutsches Sprachgefühl ab. Das führt dazu, dass das Bewusstsein für die strikte Kategorisierung als Substantiv systematisch erodiert. Aber wir sind hier eben nicht in London, sondern müssen uns mit den hiesigen Regeln herumschlagen.
