Geologische Dimensionen und die Definition katastrophaler Megafloods
Wasser benimmt sich nicht immer brav in Flussbetten. Manchmal tut es Dinge, die wir uns kaum ausmalen können. Megafluten sind keine gewöhnlichen Überschwemmungen nach starkem Dauerregen. Es geht hier um katastrophale Entleerungen ganzer Binnenseen durch das plötzliche Versagen natürlicher Barrieren. (Und wenn wir von Barrieren sprechen, meinen wir hunderte Meter hohe Eisschilde.) Wie viel Wasser passt eigentlich in einen eiszeitlichen Stausee? Genug, um binnen weniger Tage ganze Kontinentalteile umzuugraben. Die geologische Forschung streitet sich bis heute über die genauen Abflussraten, aber wir reden von Geschwindigkeiten, die normale Flüsse wie winzige Bächlein aussehen lassen. Das ist der Punkt, an dem gewöhnliche Schulphysik kapituliert.
Die Mechanik eiszeitlicher Stauseen
Ein Gletscher schiebt sich vor ein Tal. Fertig ist das monströse Reservoir. Lake Missoula war so ein Monster, das sich hinter einer Eismauer im heutigen Montana aufstaute. Zehntausende Quadratkilometer Land standen unter Wasser, während der Druck unaufhaltsam stieg. Das Wasser suchte sich schwache Stellen. Und fand sie.
Hydrologische Schockwellen im Gelände
Wenn eine Wassermasse von der Größe des Eriesees und des Ontariosees zusammen in Minuten freigesetzt wird, passiert etwas Absurdes. Das Wasser fließt nicht einfach. Es reißt den Boden weg. Es transportiert tonnenschwere Felsbrocken wie Legosteine. Die Strömungsgeschwindigkeit betrug damals schätzungsweise bis zu 130 Kilometer pro Stunde. Da hilft auch keine Sandsackverbauung mehr.
Der Hergang der Missoula-Katastrophe und ihre Spuren in der Landschaft
Die Missoula-Fluten waren kein einmaliges Ereignis, sondern eine brutale Serie von Wiederholungen. Über Jahrzehntausende hinweg wiederholte sich dieses Zenario schätzungsweise 40-mal. Jedes Mal brach der Eisschamm, jedes Mal entlud sich die Hölle. Plötzlich rauschten 10 Millionen Kubikmeter pro Sekunde durch das Columbia-Plateau. Zum Vergleich: Der Amazonas führt im Schnitt gerade mal 209.000 Kubikmeter. Wir sprechen hier von einer Wucht, die das Fünfzigfache der gesamten heutigen Flusspegel der Erde erreichen konnte. Plötzlich war das Land weg.
Das Erbe der Channeled Scablands
Wer heute durch den US-Bundesstaat Washington fährt, sieht eine bizarre Mondlandschaft. Die sogenannten Channeled Scablands zeugen von dieser Ur-Gewalt. Tiefe Schluchten, riesige trocken gefallene Wasserfälle und kilometerlange Schotterbänke erzählen eine Geschichte, die lange Zeit von Geologen vehement bestritten wurde. Denn wer glaubt schon an Sintfluten? Manchmal hat die Wissenschaft eben Tomaten auf den Augen, bis ihr die Fakten um die Ohren fliegen.
Kolossale Strudel und Wasserfälle
Während die Flut wütete, entstanden gigantische Strudel, die tief in den Basaltboden gruben. Die berüchtigten Dry Falls waren damals ein Wasserfall, der die Niagarafälle wie ein kleines Rinnsal aussehen ließ. Das Wasser raste mit solcher Wucht talwärts, dass sich temporäre Seen von der Größe ganzer deutscher Bundesländer bildeten. Es ist faszinierend und beängstigend zugleich.
Der Zancleische Megafluß: Als das Mittelmeer in Rekordzeit volllief
Doch Amerika hat kein Monopol auf Superlative. Vor rund 5,3 Millionen Jahren erlebte Europa ein noch viel radikaleres Szenario: Die Zancleische Flut füllte das damals fast trockene Mittelmeerbecken innerhalb von nur wenigen Monaten oder bis zu zwei Jahren wieder auf. Man nimmt an, dass über die Straße von Gibraltar ein gigantischer Wasserfall tobte, dessen Abfluss zeitweise das Tausendfache des heutigen Amazonas betrug. Der Meeresspiegel stieg damals stellenweise um über zehn Meter an – pro Tag. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Eine globale Umwälzung, die das Antlitz unseres Kontinents für immer veränderte.
Die Gibraltar-Barriere bricht
Lange Zeit war das Mittelmeer eine sengende Wüste, weil die Verbindung zum Atlantik blockiert war. Tektonische Bewegungen rissen dann die Schwelle bei Gibraltar auf. Der Atlantik zwang sich durch die schmale Lücke. Das Ergebnis war eine Erosionsleistung, die ihresgleichen sucht. Ein gewaltiger Graben entstand, durch den Millionen Tonnen Salz- und Süßwasser braustest.
Vergleich der Ur-Fluten mit modernen Überschwemmungen und anderen Planeten
Man nehme die schlimmsten Hochwasser der Menschheitsgeschichte, etwa die verheerende Gelbe-Fluss-Katastrophe in China 1931, bei der schätzungsweise bis zu 3,7 Millionen Menschen starben. Selbst solche historischen Tragödien verblassen im Angesicht der geologischen Megafloods. Moderne Fluten sind dramatisch für die betroffenen Menschen, aber sie sind geologische Mückenstiche gegen das, was im Pleistozän abging. Sogar auf dem Mars finden wir Spuren noch grösserer Ausbrüche, wo einstige Ozeane über gigantische Canyons schwappten. Die Natur skaliert eben völlig anders, wenn man ihr ein paar Millionen Jahre Zeit gibt.
Ausmass und Energie im direkten Duell
Während ein normales Jahrhunderthochwasser ein Flussbett temporär über die Ufer treten lässt, verändern Megafloods die Topographie ganzer Kontinente nachhaltig. Die kinetische Energie dieser Ur-Fluten entsprach der Detonation tausender Wasserstoffbomben. Da hilft keine Deichgrafen-Romantik mehr, da regiert einzig die rohe Physik.

