Erinnerst du dich an das erste Mal?
Kennst du das? Du triffst jemanden, und es ist erstmal ganz normal. Kein Blitz, kein Donner, keine Musik im Hintergrund. Aber irgendwann merkst du: Du denkst an die Person, wenn du den Himmel siehst. Oder wenn du ein bestimmtes Lied hörst. Bei mir war’s ein Song von Jan Delay – total unromantisch eigentlich, aber seit dem Tag, an dem Leon ihn im Auto angemacht hat, verbinde ich den mit ihm. Und plötzlich fängt mein Herz an zu hüpfen, wenn der Refrain kommt. Ist das Liebe? Oder nur Verknüpfung im Gehirn? (Ach, wer weiß schon, was das Gehirn alles tut, wenn Gefühle im Spiel sind.)
Die kleinen Dinge, die plötzlich riesig werden
Ich glaube, Liebe zeigt sich nicht in großen Gesten. Zumindest nicht bei mir. Es war eher so: Ich hab angefangen, Kaffee doppelt zu machen. Auch wenn Leon nicht da war. Irgendwie hab ich gedacht: Vielleicht kommt er später vorbei. Und dann hab ich angefangen, Milch im Kühlschrank zu lassen. Obwohl ich die sonst nie kaufe. Kleine Dinge halt. Und dann, eines Tages, hab ich bemerkt: Mein Alltag hat sich still um ihn herum neu sortiert. Ohne Plan. Ohne Absprache. Einfach so.
Du weißt, was auch verräterisch ist? Wenn du nicht mehr zählst, wie oft du schreibst. Oder wie lange. Früher hab ich immer so getan, als wäre ich beschäftigt. Jetzt schreib ich einfach. Mitten im Meeting: „Hab gerade an dich gedacht.“ Und schick’s raus. Ohne nachzudenken. Das ist glaub ich ein Zeichen. Dass du dich nicht mehr verstellst. Dass du dich fallen lassen kannst – und es fühlt sich gut an.
Aber ist das jetzt Liebe oder Gewöhnung?
Das frag ich mich manchmal. Weil, was, wenn es nur Bequemlichkeit ist? Wenn du dich einfach daran gewöhnt hast, dass da jemand ist? Ich hab das mal einer Freundin erzählt – Sarah, du kennst sie vielleicht nicht, aber sie ist die, die immer alles analysiert – und die hat gesagt: „Liebe ist auch Gewöhnung. Aber die gute Art. Wenn du dich an das Gute gewöhnst.“ Hmm. Klingt irgendwie logisch.
Ich glaub, der Unterschied ist: Bei Gewöhnung vermisst du die Person, weil es leer ist ohne sie. Bei Liebe vermisst du sie, weil du spürst, dass etwas fehlt – nicht nur Platz, sondern Gefühl. Also, wenn sie nicht da ist, ist nicht einfach nur Ruhe. Es ist eine Art… Stille, die sich falsch anfühlt. Weißt du, was ich meine?
Die Angst als verräterisches Gefühl
Witzig, oder – die Liebe merkst du manchmal erst an der Angst. Nicht an der Freude. Ich hab das lange nicht verstanden. Aber als Leon mal für drei Wochen nach Hamburg musste, hab ich gemerkt, wie oft ich auf mein Handy geschaut hab. Nicht weil ich kontrollieren wollte. Sondern weil ich Panik hatte, dass was passiert. Dass er stürzt, dass er krank wird, dass er plötzlich merkt, dass es woanders besser ist. Und dann dachte ich: Moment – warum sorge ich mich so? Und dann wurde mir klar: Weil er wichtig ist. Weil ich nicht mehr nur für mich lebe. Und diese Angst – die ist vielleicht kein Beweis, aber ein Hinweis. Ein lauter, nervöser Hinweis.
Was sagt eigentlich die Wissenschaft?
Okay, ich hab mal gegoogelt – wie peinlich, aber ich war neugierig. Und anscheinend gibt’s da diese Hormone: Dopamin, Oxytocin, Serotonin. Bei Verliebtheit schießt das Zeug durch den Körper wie bei einer Party. Aber echte Liebe? Die zeigt sich, wenn das langsam abflaut – und trotzdem bleibst du da. Wenn du den anderen auch magst, wenn er schlecht gelaunt ist. Wenn er Schnarcht. Wenn er deine Lieblingsboxershort aus Versehen in der Wäsche ruiniert hat. Und du sagst nicht: „Jetzt reicht’s.“ Sondern: „Macht nix. Ich kauf neue.“
Das ist eigentlich das Wahre, oder? Dass du bei all den Macken sagst: Ja, und? Ich will dich trotzdem. Ich will dich sogar wegen diesen Macken.
Manchmal merkt man es erst rückwärts
Ich hab mal eine Beziehung beendet – vor Jahren. Und erst danach hab ich gemerkt, dass da Liebe war. Aber zu spät. Weil ich dachte, Liebe muss sich anders anfühlen. Lauter. Dramatischer. Aber manchmal ist sie leise. Und man erkennt sie erst, wenn sie weg ist. Wenn du plötzlich niemanden mehr hast, der deinen albernen Witz versteht. Oder der weiß, wie du deinen Tee magst – mit Zitrone, aber nicht zu viel.
Also vielleicht ist die Frage „Wie stellt man Liebe fest?“ auch falsch gestellt. Vielleicht geht’s nicht um Feststellen. Sondern um Spüren. Um Akzeptieren. Um zuzulassen, dass da was ist – auch wenn es keinen offiziellen Test dafür gibt.
Und was ist mit dir?
Ich frag mich gerade: Wie war das bei dir? Gab’s einen Moment, wo du gedacht hast: „Ach, Scheiße. Ich hab mich verliebt.“ Oder war’s eher so ein langsames, stilles Einsickern? Ich glaube, jeder hat seine eigene Art. Bei meiner Schwester war’s Liebe auf den ersten Blick. Bei mir eher auf den hundertsten Blick. Und eigentlich ist das völlig egal. Hauptsache, du merkst es irgendwann. Und sagst es. Auch wenn’s schwerfällt.
Weil, eins hab ich gelernt: Liebe festzustellen, ist nicht wie einen Temperaturwert abzulesen. Es ist mehr wie das Erkennen einer Farbe, die du vorher nicht gesehen hast. Du weißt nicht, wie sie heißt. Aber du siehst sie. Und du weißt: Das ist was anderes.
Und jetzt geh ich mal meinen kalten Kaffee aufwärmen. Und vielleicht schreib ich Leon, dass ich ihn lieb hab. Einfach so. Weil er’s verdient. Und weil ich’s endlich verstanden hab.
