Es sind nicht nur die Jungen – aber viele schon
Also, erstmal: Ja, es sind oft die Jüngeren. Die zwischen 25 und 35. Die, die gerade ihren Abschluss in der Tasche haben, voller Energie, voller Fragen. Die denken: „Okay, ich kann jetzt überall hin. Warum nicht nach Melbourne, wo die Sonne scheint und die Jobs gut bezahlt sind?“
Ich hab neulich mit Lena gesprochen – du kennst sie vielleicht nicht, aber sie war Kommilitonin von mir in Tübingen. Biologie studiert, wollte was mit Umweltschutz machen. Hat ewig auf ein festes Stelle in einem Forschungsinstitut gewartet. Irgendwann hat sie gesagt: „Ey, ich krieg hier 34 Stunden für 30.000 im Jahr, mit Projektverlängerung in drei Monaten. In Neuseeland zahlen sie das doppelte für ähnliche Arbeit – und man lebt zwischen Bergen und Meer.“ Also weg. War letztes Jahr noch mal kurz hier, hat gesagt, sie vermisst den Cappu vom Marktplatz – aber sonst? Nee. Zu viel Bürokratie, zu wenig Anerkennung.
Aber nicht nur Beruf, auch Lebensgefühl
Es geht nicht immer nur ums Geld. Klar, das spielt eine Rolle – wer will schon für 2.200 netto arbeiten, wenn man woanders 4.500 kriegt? Aber es geht auch um das Gefühl. Um Lebensqualität. Um diese Einstellung: „Mach doch mal langsamer, genieß den Tag, stell nicht immer alles infrage.“
Ich war mal zwei Wochen in Valencia – nicht als Auswanderer, nur Urlaub. Aber da hab ich Leute kennengelernt: Paare, Mitte 30, aus München, aus Hamburg. Haben Freelancer-Jobs, arbeiten remote. Kaum Miete, warme Temperaturen, gutes Essen, nette Leute. „Wir kommen nie wieder zurück“, haben sie gesagt – halb spaßig, halb ernst. Und ehrlich? Ich hab’s verstanden.
Auch Akademiker, auch Fachkräfte
Früher dachte man: Wer auswandert, ist entweder abgehängt oder hat was zu verbergen. Heute? Das sind oft genau die, die hier gut ausgebildet wurden. Ingenieure, Informatiker, Ärzt:innen, Lehrer:innen. Die, die man hier eigentlich brauchen würde.
Ein Bekannter von mir – nennen wir ihn Malte – hat als Softwareentwickler in Berlin gearbeitet. 60-Stunden-Woche, Burnout im Anmarsch. Hat dann ein Angebot aus Zürich bekommen. Gleiche Arbeit, 30 % mehr Gehalt, kürzere Wochen, bessere Work-Life-Balance. Und die Schweiz ist ja nicht mal so weit weg. Aber: „Ich komm nicht zurück“, sagt er. „Die Mentalität hier… die schätzt Arbeit, ohne dich kaputtzumachen.“
Was sagen die Zahlen?
Okay, mal kurz ernst: Laut Statistischem Bundesamt sind 2022 über 360.000 Deutsche ins Ausland ausgewandert. Das klingt viel – und ist es auch. Aber: Es wandern auch viele wieder zurück. Die Netto-Auswanderung ist also geringer. Trotzdem – ein Trend ist da.
Die beliebtesten Länder? Österreich, Schweiz, USA, Spanien, Niederlande. Und immer mehr auch Australien, Kanada, Neuseeland. Interessant: Bei den unter 30-Jährigen sind die englischsprachigen Länder oft der Traum. Vielleicht, weil Englisch die Arbeitssprache ist? Oder weil man sich da einfach freier fühlt?
Aber warum gerade jetzt?
Das frag ich mich auch. Ist es die Pandemie? Die hat doch viele gelehrt: „Moment – warum arbeite ich eigentlich acht Stunden im Homeoffice, nur um in einer kalten Wohnung in Stuttgart zu sitzen? Kann ich das nicht auch in Lissabon?“
Und dann die Energiekrise, die Inflation, die ganzen Diskussionen hier – über Klima, Verkehr, Wohnen. Manche fühlen sich überfordert. Andere denken: „Hier wird zu viel geredet, zu wenig gemacht.“
Ich hab letztens mit meinem Onkel telefoniert, der in Düsseldorf lebt. 58 Jahre, Ingenieur. Sagt: „Ich hab meinen Sohn verloren – an Vancouver. Und weißt du was? Ich vermiss ihn. Aber ich verstehe ihn.“
Und was bleibt zurück?
Das ist die unbequeme Frage. Wenn viele der Engagierten, der Flexiblen, der gut Ausgebildeten gehen – wer macht dann eigentlich die Arbeit hier? Wer denkt sich neue Dinge aus? Wer treibt was voran?
Ich glaube nicht, dass Deutschland leer wird. Aber es könnte… bisschen träge werden. Wenn die, die weggehen, nicht mehr zurückwollen, weil sie merken: „Ey, woanders geht’s mir einfach besser“ – dann ist das ein Warnsignal.
Ist es Heimatverrat? Natürlich nicht.
Manchmal hört man so Sprüche: „Die laufen weg, wenn’s hart wird.“ Blödsinn. Niemand wandert aus, weil’s ihm zu gut geht. Die meisten machen sich riesige Sorgen vor dem Sprung. Sie haben Angst vor Heimweh, vor Sprachproblemen, vor Einsamkeit.
Meine Cousine Sarah – sie ist nach Kopenhagen gegangen, als Krankenschwester. Hat drei Monate gebraucht, bis sie Freunde hatte. Hat geweint, weil sie kein Deutsch hören konnte. Aber heute? Arbeitet halbtags, hat mehr Zeit für ihre Kinder, fühlt sich respektiert. „Ich hab nicht Deutschland verlassen, weil ich es hasse“, sagt sie. „Ich hab’s getan, weil ich mich selbst wieder mögen wollte.“
Kann man das verstehen? Ja. Sollte man es tun? Jeder für sich.
Ich selbst? Ich bin geblieben. Mag die Jahreszeiten, mag den Herbst in den Weinbergen, mag das Gefühl, dass man hier irgendwie verwurzelt ist. Aber ich beneide die nicht, die gehen. Weil ich weiß: Es ist kein leichter Schritt.
Und du? Kennst du jemanden, der ausgewandert ist? Hast du selbst schon dran gedacht? Ich meine – ehrlich: Wer von uns hat nicht mal geträumt, alles hinzuschmeißen und woanders neu anzufangen?
Die Deutschen, die auswandern, sind keine Außenseiter. Sie sind oft genau die, die am meisten mitdenken. Die, die sich fragen: Wie will ich leben? Nicht nur arbeiten. Und vielleicht ist das die eigentliche Frage – für alle von uns.
