Das Plusquamperfekt – im Deutschen oft auch als Vollendete Vergangenheit oder Vorvergangenheit bezeichnet – nimmt im System der deutschen Zeitformen eine besondere Stellung ein. Es ist das Tempus, das zeitlich am weitesten in die Vergangenheit zurückreicht. Doch welche Wörter gehören konkret zum Plusquamperfekt? Aus welchen sprachlichen Bausteinen setzt sich diese Zeitform zusammen, und wie erkennt man sie zuverlässig in einem Text?
Um zu verstehen, welche Wörter das Plusquamperfekt bilden, muss man zunächst die grammatische Struktur dieser Zeitform analysieren. Das Plusquamperfekt ist eine zweiteilige (zusammengesetzte) Zeitform. Das bedeutet, dass es niemals aus nur einem einzigen Wort besteht, sondern immer aus einem Zusammenspiel von zwei Verbformen: einem Hilfsverb im Präteritum und dem Partizip II des Hauptverbs.
Die Grundstruktur: Aus welchen Wörtern besteht das Plusquamperfekt?
Jedes Prädikat im Plusquamperfekt folgt einer festen Formel:
Es gibt im Deutschen exakt zwei Hilfsverben, die für das Plusquamperfekt genutzt werden: haben und sein. Beide Verben stehen im Plusquamperfekt jedoch nicht in ihrer Grundform (Infinitiv) oder im Präsens, sondern zwingend im Präteritum (Imperfekt).
1. Das Hilfsverb haben im Präteritum
Wenn das Hauptverb die Form von haben verlangt, werden die folgenden Wörter als erstes Element des Plusquamperfekts eingesetzt:
ich hatte (1. Person Singular)
du hattest (2. Person Singular)
er / sie / es hatte (3. Person Singular)
wir hatten (1. Person Plural)
ihr hattet (2. Person Plural)
sie / Sie hatten (3. Person / Höflichkeitsform Plural)
2. Das Hilfsverb sein im Präteritum
Wenn das Hauptverb Bewegung, Zustandswechsel oder eine Ausnahme wie bleiben bzw. sein ausdrückt, lauten die ersten Wörter des Plusquamperfekts:
ich war (1. Person Singular)
du warst (2. Person Singular)
er / sie / es war (3. Person Singular)
wir waren (1. Person Plural)
ihr wart (2. Person Plural)
sie / Sie waren (3. Person / Höflichkeitsform Plural)
Das zweite Element: Das Partizip II (Partizip Perfekt)
Das zweite Wort im Plusquamperfekt ist das Partizip II des eigentlichen Vollverbs. Während das Hilfsverb konjugiert wird und sich an das Subjekt des Satzes anpasst, bleibt das Partizip II unveränderlich am Ende des Teilsatzes stehen.
Je nachdem, ob es sich um ein schwaches, starkes oder gemischtes Verb handelt, unterscheidet sich die äußere Form dieses Wortes deutlich:
A. Schwache Verben (Regelmäßige Bildung)
Bei regelmäßigen Verben setzt sich das Partizip II typischerweise aus der Vorsilbe ge-, dem Verbstamm und der Endung -t (oder -et) zusammen.
lernen gelernt
machen gemacht
arbeiten gearbeitet
kochen gekocht
Beispielsatz: Er hatte die Hausaufgaben gemacht.
B. Starke Verben (Unregelmäßige Bildung)
Starke Verben verändern im Partizip II häufig ihren Stammvokal. Sie enden in der Regel auf -en und tragen meist ebenfalls das Präfix ge-.
gehen gegangen
schreiben geschrieben
trinken getrunken
sehen gesehen
Beispielsatz: Sie waren bereits nach Hause gegangen.
C. Verben mit untrennbaren und trennbaren Vorsilben
Ein wichtiger Sonderfall bei den Partizipien betrifft Verben mit Präfixen:
Untrennbare Verben (z. B. mit be-, ver-, er-, ge-, zer-): Sie bilden das Partizip II ohne die Vorsilbe ge-.
besuchen besucht (nicht: gebesucht)
verstehen verstanden (nicht: geverstanden)
erklären erklärt
Trennbare Verben (z. B. mit an-, auf-, aus-, ein-): Hier fügt sich das -ge- zwischen das Präfix und den Verbstamm ein.
einkaufen eingekauft
aufstehen aufgestanden
anfangen angefangen
D. Verben auf -ieren
Verben fremder Herkunft, die auf -ieren enden, bilden ihr Partizip II ebenfalls ohne ge-, tragen aber die Endung -t.
studieren studiert
renovieren renoviert
telefonieren telefoniert
Die Entscheidung: Wann steht hatte und wann war?
Da das Hilfsverb ein essenzieller Bestandteil des Plusquamperfekts ist, muss präzise bestimmt werden, welches der beiden Verben (hatte oder war) gewählt wird. Die Regeln entsprechen hierbei der Wahl des Hilfsverbs im Perfekt, mit dem Unterschied, dass die Präteritumformen genutzt werden.
Typische Signalwörter im Umfeld des Plusquamperfekts
Das Plusquamperfekt steht selten allein im Raum. Da es eine Handlung beschreibt, die zeitlich vor einer anderen Handlung in der Vergangenheit stattgefunden hat (Prinzip der Vorzeitigkeit), tritt es sehr häufig in Kombination mit bestimmten Konjunktionen und Temporaladverbien auf.
Diese Signalwörter sind zwar selbst grammatikalisch kein Plusquamperfekt, deuten aber in einem Satzgefüge extrem zuverlässig darauf hin, dass ein Plusquamperfekt folgen muss oder vorausgegangen ist.
1. Die Hauptkonjunktion: nachdem
Das Wort nachdem ist der wichtigste Auslöser für das Plusquamperfekt im Deutschen. Die Regel für die Temporalsequenz lautet:
Wenn der Hauptsatz im Präteritum oder Perfekt steht, muss der Nebenabschnitt mit nachdem zwingend im Plusquamperfekt stehen.
Beispiel: Nachdem er die Tür abgeschlossen hatte (Plusquamperfekt), ging er zum Auto (Präteritum).
2. Die Konjunktion bevor / ehe (im Hauptsatz)
Wird die Abfolge mit bevor umgekehrt dargestellt, steht der bevor-Nebensatz oft im Präteritum, während die zeitlich frühere Handlung im Hauptsatz ins Plusquamperfekt gesetzt werden kann.
Beispiel: Sie hatte bereits alle Dokumente sortiert (Plusquamperfekt), bevor der Chef das Büro betrat (Präteritum).
3. Temporaladverbien als Kontextmarker
Auch Adverbien, die eine zeitliche Abstufung markieren, begleiten das Plusquamperfekt sehr häufig:
bereits / schon: Er hatte das Haus bereits verlassen.
zuvor / vorher: Sie waren sich zuvor noch nie begegnet.
bis dahin: Bis dahin hatte niemand an dieser Theorie gezweifelt.
erst: Er hatte erst wenige Seiten gelesen, als das Licht ausging.
Konjunktiv II des Plusquamperfekts: Formen wie hätte gehabt oder wäre gewesen
Neben dem Indikativ (der normalen Wirklichkeitsform) existiert das Plusquamperfekt auch im Konjunktiv II. Dies ist die Form für irreale Bedingungen in der Vergangenheit (Dinge, die hätte passieren können, aber nicht passiert sind).
Hier verändern sich die Hilfsverben von hatte/war zu ihren Konjunktiv-Formen hätte und wäre:
hätte / hättest / hätten / hättet + Partizip II
wäre / wärst / wären / wärt + Partizip II
Vergleich:
Indikativ: Er hatte verschlafen. (Tatsache in der Vorvergangenheit)
Konjunktiv II: Wenn er nicht verschlafen hätte, wäre er pünktlich gekommen. (Irreale Voraussetzung in der Vergangenheit)
Zusammenfassung der Wortarten im Plusquamperfekt
Zusammenfassend lässt sich die Frage "Welche Wörter sind Plusquamperfekt?" auf folgende Wortkombinationen reduzieren:
Formen von hatte (hatte, hattest, hatten, hattet) + Partizip II
Formen von war (war, warst, waren, wart) + Partizip II
Formen von hätte (hätte, hättest, hätten, hättet) + Partizip II (Konjunktiv II)
Formen von wäre (wäre, wärst, wären, wärt) + Partizip II (Konjunktiv II)
Typische Stolpersteine und fortgeschrittene Anwendungen des Plusquamperfekts
Das Plusquamperfekt (auch Vorvergangenheit genannt) gehört zu den syntaktisch und semantisch faszinierendsten Tempora der deutschen Sprache. Im ersten Teil unseres Artikels haben wir uns den Grundlagen gewidmet: Wie bildet man das Plusquamperfekt (Hilfsverb hatte oder war + Partizip II) und wann kommt es im Satzbau (insbesondere im Nebensatz) zum Einsatz?
In diesem zweiten und ausführlichen Teil widmen wir uns den feinen Nuancen, typischen Stolpersteinen bei der Verwendung sowie komplexen Satzkonstruktionen, die Ihnen dabei helfen werden, dieses Tempus fehlerfrei und stilsicher in fortgeschrittenen Texten einzusetzen.
1. Die Feinheiten der Hilfsverbwahl: Haben oder Sein?
Da das Plusquamperfekt aus einer Form des Hilfsverbs (haben oder sein) im Präteritum und dem Vollverb im Partizip II gebildet wird, erbt es die grundlegenden Regeln der Perfektbildung. Dennoch machen selbst fortgeschrittene Lernende hier häufig Fehler.
Das Hilfsverben-Prinzip: Die überwiegende Mehrheit der deutschen Verben bildet das Plusquamperfekt mit hatte. Dazu gehören alle transitiven Verben (Verben mit Akkusativobjekt wie lesen, sehen, schreiben), reflexive Verben sowie Modalverben.
Die Ausnahmen mit war: Das Hilfsverb sein wird zwingend bei zwei Hauptkategorien verwendet:
Verben der Ortsveränderung (Fortbewegung), die eine Richtung oder einen Richtungswechsel anzeigen (z. B. gehen, fahren, fliegen, laufen, schwimmen).
Verben, die eine Zustandsveränderung oder einen Zustandswechsel ausdrücken (z. B. einschlafen, aufwachen, sterben, werden, gelingen).
Häufige Stolpersteine im Alltag
Ein klassischer Fehler liegt in der Verwechslung bei Verben, die sich je nach Kontext im Hilfsverb unterscheiden. Ein prominentes Beispiel ist das Verb fahren:
Richtig (Fortbewegung): „Er war nach Berlin gefahren, bevor der Streik begann.“
Richtig (mit direktem Objekt / Fahrzeug steuern): „Er hatte das Auto in die Werkstatt gefahren.“
Wenn Sie sich bei solchen Grenzfällen unsichern sind, hilft ein Blick auf die Valenz des Verbs: Steht ein Akkusativobjekt im Spiel, tendiert das Verb fast immer zu haben. Fehlt es und beschreibt die Handlung eine Bewegung von A nach B, greift sein.
2. Das Plusquamperfekt in der direkten Gegenüberstellung (Zeitsprünge meistern)
Der Hauptzweck des Plusquamperfekts besteht darin, in einer Erzählung, die in der Vergangenheit spielt (meist im Präteritum), einen Schritt weiter zurück in die Vergangenheit zu gehen. Ohne dieses Tempus würde die zeitliche Abfolge verschwimmen.
Betrachten wir dazu ein anschauliches Beispiel aus einer Kriminalgeschichte oder einem Bericht:
Beispiel: „Als der Kommissar den Tatort betrat, hatte der Täter alle Spuren verwischt.“
Ebene 1 (Das Hauptereignis in der Vergangenheit): Der Kommissar betrat den Tatort (Präteritum: betrat).
Ebene 2 (Die Vorvergangenheit): Das Verstecken der Spuren geschah davor (Plusquamperfekt: hatte verwischt).
Was passiert, wenn man das Plusquamperfekt weglässt?
Wären beide Handlungen im Präteritum formuliert („Als der Kommissar den Tatort betrat, verwischte der Täter alle Spuren“), würde grammatikalisch der Eindruck entstehen, dass beide Aktionen genau im selben Moment oder parallel stattgefunden haben. Das Plusquamperfekt ist also das präzise Werkzeug für chronologische Klarheit.
3. Typische Signalwörter und Konjunktionen
Bestimmte Wörter und Konjunktionen fordern das Plusquamperfekt nahezu heraus, weil sie logischerweise ein Vorher-Nachher-Verhältnis etablieren. Wenn Sie diese Wörter in einem Text sehen oder verwenden, sollten Sie die Zeitenfolge überprüfen:
Nachdem: Dies ist die klassische Konjunktion für die Vorvergangenheit.
Formel: Nachdem + Subjekt + Plusquamperfekt, Hauptsatz im Präteritum.
Beispiel: „Nachdem sie das Dokument gelesen hatte, unterschrieb sie den Vertrag.“
Bevor / Ehe: Diese Konjunktionen drücken das Gegenteil aus. Die Handlung im Hauptsatz geschah vor der Handlung im Nebensatz. Daher steht das Plusquamperfekt hier oft im Nebensatz, während der Hauptsatz im Präteritum steht, oder umgekehrt, je nach Fokus.
Beispiel: „Er hatte das Haus bereits verlassen, bevor das Gewitter losgegangen war.“
Sobald / Als: Auch diese temporalen Verknüpfungen verlangen bei einer Erzählung in der Vergangenheit ein feines Gespür für die zeitliche Staffelung.
4. Stilistische Nuancen und das Verhältnis zum Perfekt
In der gesprochenen Umgangssprache neigen Sprecher im deutschen Sprachraum (insbesondere im Süden und in Österreich) dazu, das Präteritum stark zu vernachlässigen. Dort wird das Perfekt als Standardvergangenheit genutzt.
Daraus ergibt sich im gesprochenen Deutsch oft eine Verkettung:
Umgangssprachlich: „Als ich angekommen bin, hat er schon gegessen gehabt.“
Grammatikalisch veraltet oder umgangssprachlich überformt: Die Form „hat gegessen gehabt“ (oft scherzhaft als „Plusquamperfekt II“ bezeichnet) ist in der Standardsprache nicht korrekt.
In der gehobenen Schriftsprache, in der Literatur, im Journalismus und bei formellen Berichten gilt dagegen eine klare Trennung:
Erzählzeit: Präteritum.
Vorvergangenheit: Plusquamperfekt.
Die Vermeidung von umgangssprachlichen Konstruktionen wie doppelten Hilfsverben schützt Ihre Texte vor stilistischen Mängeln.
5. Zusammenfassung und Checkliste für die Praxis
Das Plusquamperfekt ist unverzichtbar, sobald Sie komplexe Handlungsstränge in der Vergangenheit entwirren wollen. Nutzen Sie die folgende Checkliste, um Ihre Sätze zu überprüfen:
[ ] Beschreibt der Satz eine Handlung, die vor einem anderen Ereignis in der Vergangenheit stattfand? Plusquamperfekt verwenden.
[ ] Ist das Hilfsverb korrekt gewählt? (Bewegung/Zustandsänderung = sein, sonst = haben).
[ ] Steht das Partizip II am Ende des Nebensatzes bzw. des Satzteils?
[ ] Wurde das Präteritum des Hilfsverbs (hatte / war) korrekt an das Subjekt angepasst?
Mit diesen fortgeschrittenen Regeln und einem geschärften Blick für die zeitlichen Ebenen sind Sie bestens gerüstet, um das Plusquamperfekt in jeder Prüfung, jedem Aufsatz und jedem literarischen Text fehlerfrei und wirkungsvoll einzusetzen.
Haben Sie beim Schreiben eigener Texte noch Fragen zu bestimmten Ausnahmefällen oder möchten Sie einen konkreten Beispielsatz gemeinsam analysieren?

